Der Goldschatz von Manhattan

GoldschatzDas Gebäude in New Yorks Finanzdistrikt wirkt, im Vergleich zu den anderen Hochhäusern mit modernen Fassaden aus Stahl und Glas, eher bescheidenen. Der gedrungene, sandfarbene Backsteinkomplex ist so gar nicht elegant, verströmt aber dafür den geheimnisvollen und dunklen Charme einer wuchtigen neogotischen Trutzburg. Zu recht, denn hinter den meterdicken Mauern herrscht die »Federal Reserve Bank«, kurz FED, und wacht mit Argusaugen über den größten Goldschatz, den es jemals auf diesem Planeten gab – schätzungsweise 8000 Tonnen Gold im Wert von mehr als 90 Milliarden US-Dollar.

Gold! Mit diesem magischen Wort assoziieren wir die verschiedensten Bilder. Es ist der Stoff, der unsere Phantasie seit Kindheitstagen an beflügelt und die Menschheit schon in vorchristlicher Zeit stets aufs Neue faszinierte. Und die Begeisterung für das edle Metall, das die simple chemische Bezeichnung »Au« (lat. aurum) als Nummer 79 im Periodensystem der chemischen Elemente trägt, hat durchaus viele Gründe. Gold ist selten, es ist extrem widerstandsfähig, ungemein schwer, es lässt sich hervorragend bearbeiten und sein gelblicher Glanz ist von fast hypnotischer Wirkung. Gold korrodiert nicht und hat eine sehr hohe Schmelztemperatur (1.064,18 Grad Celsius). Selbst Säuren können Gold nichts anhaben. Einzige Ausnahme ist das sogenannte »Königswasser« – eine Mischung aus Salz- und Salpetersäure.

Neben der wirtschaftlichen Bedeutung von Gold hat der Stoff der Träume vor allem eine bedeutende kulturhistorische Stellung in der Geschichte der Menschheit. Gold wird seit Jahrtausenden zur Herstellung von Schmuck verwandt und ist seit schätzungsweise dem siebten Jahrhundert vor Christus als Zahlungsmittel etabliert, als die Münzgeschichte an der Westküste der heutigen Türkei begann. Außerdem stellt Gold – auch heute noch – eine begehrte Wertanlage dar, die selbst in Kriegs- und wirtschaftlichen Krisenzeiten immer noch als Geldersatz oder Tauschmittel akzeptiert wird. Kein Wunder also, dass Gold zu den begehrtesten Rohstoffen auf diesem Planeten zählt und diesen Schatz gilt es zu schützen – mit allen Mitteln und Möglichkeiten, die es gibt.

Einer der sichersten Orte für Gold überhaupt ist die Federal Reserve Bank in New York. Hier, im sichersten und größten Tresor der Welt, stapeln sich die Goldbarren bis zur Decke; manche von ihnen lagern seit 80 Jahren noch immer an derselben Stelle. Im weltweit größten Goldlager lagern 550.000 Barren reines Gold mit einem Gesamtgewicht von mehr als 8000 Tonnen. Das sind immerhin 1000 Tonnen mehr, als der Pariser Eifelturm auf die Wage bringt. In insgesamt 122 Zellen mit jeweils 55 Tonen lagern die Goldreserven verschiedener Nationen, darunter auch ein Teil der deutschen Goldreserve. Insgesamt lagern mehr als 47 Zentralbanken aus aller Herren Länder Ihre Goldreserve bei der FED mit einem Gesamtwert von mehr als 400 Milliarden US-Dollar – mal mehr, mal weniger, je nachdem, wo der Goldpreis gerade steht. Der Bundesrepublik Deutschland gehören davon schätzungsweise mehr als 270.000 Barren á 12,5 Kilo mit einem Gegenwert von 142 Milliarden Euro. Genaues jedoch weiß man nicht, da die Mitarbeiter der FED sehr diskret und ihren Kunden verpflichtet sind. Weitere Lagerstätten der deutschen Goldreserve sind laut älteren Angaben zu Folge die Bank of England und die Banque de France.

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Die Federal Reserve Bank in New York. © Federal Reserve Bank

Stellt sich die Frage, warum ein einziges Gebäude bzw. eine Bank soviel Gold lagert? Und warum ausgerechnet im dicht bebauten Manhattan, wo Überfälle und Kriminalität durchaus an der Tagesordnung sind? Um diese Fragen zu beantworten, muss man einige Jahrzehnte zurückschauen, genauer gesagt ins Jahr 1924, als die FED gegründet wurde. Doch die eigentliche Geschichte beginnt noch sehr viel früher in einer Zeit, als Gold im Sinne eines Zahlungsmittels durch Münzen und Geldscheine abgelöst wurde. Das funktionierte jedoch nur, weil eine jede ausgegebene Banknote an eine Versicherung der jeweiligen Regierung geknüpft war: Es musste jederzeit möglich sein, das ausgegebene Geld zu einem bestimmten Kurs in Gold einzutauschen. Und genau aus diesem Grund lagerten die Regierungen aller maßgeblichen Wirtschaftsmächte Gold in großen Mengen in ihren Landeszentralbanken bzw. bei der FED in New York, um letztendliche ihre Währungen stabil zu halten. Dies war der maßgebliche Grund, warum die US-Regierung im Jahre 1924 die FED in New York eröffnete und dort die Goldreserven einlagerte. Brenzlig wird es dann in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als Europa immer mehr Waren in die USA exportiert. Bezahlt wird dabei in Dollar. Um nicht zu viele Dollars zu horten und Währungsschwankungen zu unterliegen, tauschen viele europäische Exportnationen, darunter auch Deutschland, ihre Dollars in Gold. Der Festpreis lag damals bei 42,22 Dollar pro Unze. Gelagert wurde das ausländische Gold im Tresor der FED, da ein Transport nach Europa zu aufwendig und viel zu unsicher gewesen wäre. So kam es, dass bis 1972 mehr als 500.000 Barren im FED-Bunker lagerten. Doch selbst das war viel zu wenig, um den Goldstandard aufrecht zu erhalten und den Dollar auf Goldbasis zu stützen. Also hebte Präsident Nixon den Goldstandard auf. Dies hatte zur Folge, dass beispielsweise der Dollar seitdem keine Golddeckung mehr hat.

Ein Gebäude als Tresor

Um derartige Mengen an Gold sicher zu lagern bedarf es eines Gebäudes, das höchsten Sicherheitsansprüchen genügt. Das Gebäude der Federal Reserve Bank wurde um einen Tresor herum bzw. darauf gebaut und besteht aus über 100.000 Tonnen Stahlbeton. Bis in den dritten Stock des FED-Buildings bestehen sämtliche Fenster aus 35 Millimeter dicken Verbundsicherheitsglas. Bei dieser Dicke hat selbst eine Panzerfaust keine Chance, das Sicherheitsglas zu knacken. Das eigentliche Herzstücke der FED befindet sich fünf Etagen tief unterhalb Manhattans – es ist ein Tresor, den es in dieser Art und Weise nicht noch einmal auf diesem Planeten gibt. Einzigartig an daran ist, dass der tief in den Granit geschlagene Tresor die natürlichen Gegebenheiten des Manhattaner Untergrunds zur Lagerung des Goldes nutzt. Selbst die Wände des Tresors bestehen aus massivem Granitfels. Der Eingang zum Tresor befindet sich 25 Meter unter der Erde und ist nur über einen Fahrstuhl erreichbar. Öffnet sich die Fahrstuhltür nach einer Abwärtsfahrt von fünf Etagen in den Untergrund, empfängt den Besucher ein Gang aus Naturfels und Stahlbeton. Dieser Gang führt zum Vorraum, dessen augenfälligstes Merkmal eine riesige Panzertür ist, die mehr als 90 Tonnen wiegt und in einer 140 Tonnen schweren Türfassung lagert. Öffnen sich die riesigen Stahlzylinder, steht dem »Goldrausch« nichts mehr im Wege, nur noch ein drei Meter langer mit Stahl ausgekleideter Gang. Dahinter liegt das Goldgewölbe. Um den Stahlzylinder jedoch zu öffnen, braucht es eine Reihe von Zahlenkombinationen, die zudem noch in einer ganz bestimmten Reihenfolge, innerhalb einer fest definierten Zeit von mehreren Personen an unterschiedlichen Orten, sowohl elektronisch als auch manuell über mechanische Sperren, eingegeben werden müssen. Es gibt bei der FED keinen einzigen Mitarbeiter der dabei alle Kombinationen kennt. Sobald sich der Stahlzylinder bewegt, gibt das Sicherheitssystem stillen Alarm – egal ob es sich um einen autorisierten Zugriff handelt oder nicht. Dies soll die Aufmerksamkeit des Personals stets auf dem höchsten Aufmerksamkeitslevel halten. Eine »echte« Alarmschließung des Tresors gab es beispielsweise am 11. September 2001. Dabei schließt sich der 90-Tonnen-Stahlzylinder innerhalb von 27 Sekunden. Sollten sich dann noch Menschen im Tresor befinden, so reicht die Atemluft für maximal 76 Stunden. Auch bei den kleinsten tektonischen Erschütterungen der Granitwände des Tresors geben die versteckt angebrachten Sensoren Alarm. Auch hierbei würde der stille Alarm en riesigen Stahlzylinder wiederum in wenigen Sekunden schließen.

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Das Gold lagert in unzähligen Kammern. © Federal Reserve Bank

Bekannt wurde die Federal Reserve Bank und ihr Tresor durch den Hollywood-Blockbuster »Stirb Langsam 3«. Typisch Hollywood sprengen hier Terroristen, sehr actionreich in Szene gesetzt, von einem U-Bahnschacht ausgehend, ein Loch in die Außenwand des Tresors und transportieren den gesamten Goldvorrat mit Hilfe von LKWs durch den U-Bahn-Tunnel ab. Im wahren absolut unmöglich! Der FED-Tresor liegt weitab jeglicher U-Bahn-Tunnel und zudem tief unterhalb des Wasserspiegels. Die Wände des Tresors sind eingebettet von fast einhundert Meter natürlichen Fels. Einbrecher müssten zunächst in einem der Flüsse Manhattans – Hudson oder East-River – einen Damm bauen, und das Wasser abpumpen. Dann müssten sie einen 25 Meter tiefen Schacht ausheben. Wäre dies unwahrscheinlicher weise erledigt, hätten die Einbrecher härtestes Gestein vor sich, welches es zu durchdringen gilt. Und die Härteprobe würde erst noch kommen: Nach ungefähr 400 Metern würden sie auf den Stahlbetonmantel des FED-Tresors stoßen, dessen Sicherheitssensoren sie deaktivieren müssten, um das Gold abzutransportieren. Unmöglich, ohne dass das geschäftige New York davon etwas mitbekommen würde Dass das Sicherheitskonzept aufgeht beweist die Statistik: Seit Inbetriebnahme der FED in New York gab es nicht einen einzigen Einbruchsversuch. Zumindest gelangte nichts ans Licht der Öffentlichkeit. Die FED ist stolz darauf, den sichersten Tresor auf diesen Planeten zu haben.

Kurzinfo: FED-Gold ist nicht handelbar
Gold wird heute für ungefähr 490 Euro pro Unze an den Börsen gehandelt. Aber nicht das Gold der FED! Das Gold der FED wird nach wie vor mit 42,22 Dollar pro Unze gegen Währung getauscht. Zudem darf das FED-Gold nicht an den Börsen gehandelt werden, um den Goldpreis nicht zu gefährden. FED-Gold wird lediglich zwischen Ländern gehandelt. Wenn etwa Deutschland an Spanien Gold verkauft, wird die entsprechende Anzahl an Barren einfach von einer Länderzelle in die andere transportiert. Die Lagerung des Goldes bei der FED ist kostenlos, bringt allerdings auch keine Zinsen. Lediglich für den Transport des Goldes verlangt die FED eine kleine Gebühr.

Kurzinfo: Fort Knox und das amerikanische Gold
Der Großteil der amerikanischen Goldreserven lagert nicht bei der FED in New York, sondern in Fort Knox. Dieser Hochsicherheitsstützpunkt wird von der US Army betrieben. Das Fort wurde 1862 während des amerikanischen Bürgerkrieges gegründet und ist bis heute zu einem riesigen Areal angewachsen. Bereits um1943 bestand Fort Knox aus 3820 Gebäuden auf einer Fläche von insgesamt 432 Quadratkilometern.

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