Als die Sowjets die »Hölle« anbohrten – die Kola-Bohrung

KolaIn den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts tat man viele verrückte Dinge. Unter anderem dies: Ein russisches Forscherteam bohrte im Norden Russlands das tiefste Loch der Welt. Das gigantische Projekt hatte einen wissenschaftlichen Hintergrund. Der rückte jedoch schnell in den Hintergrund, als die Bohrung für eine weltweite Hysterie sorgte. Angeblich hatten die Sowjets die Hölle angebohrt. Bei 14.000 Metern hörten Wissenschaftler, Techniker und Arbeiter plötzlich Geschrei aus dem Bohrloch! Der Mythos um die Kola-Bohrung wurde geboren.

Die Szenerie hat etwas gespenstisches und surreales – inmitten der menschenleeren Einöde der russischen Halbinsel Kola fristet eine verlassenen Anlage ihr Dasein, deren Sinn und Funktion nicht mehr zu erkennen ist. Arbeiterbaracken, Lagerhallen und Labore sind mit einer undurchdringlichen Schmutzschicht bedeckt – der Zahn der Zeit hat ihnen erheblich zugesetzt. Keine Spur menschlicher Aktivität ist mehr zu erkennen. In den Gebäuden liegen Bücher, Geschirr, verblichene Fotografien, Gesteinsproben, Maschinen und Messgeräte unter einer zentimeterdicken Staubschicht wild durcheinander. Fast sieht es so aus, als hätten die Menschen, die hier einst arbeiteten, den Standort so schnell wie möglich verlassen. »Hauptsache weg von hier«, scheinen die Wände dem Besucher entgegenzuschreien.

Was sofort und schon aus der Ferne auffällt, ist der riesenhafte schwefelgelbe Turm, der den ganzen Komplex dominiert. Er signalisiert, dass hier etwas sehr schlimmes passiert sein muss. Die Spitze ist geborsten, genauso als hätte ihn eine gewaltige Explosion zerrissen. Aus dem Inneren der Turmspitze ragen verbogene Stahlträger und Fetzen der ehemaligen Metallhaut. Kaum einer der wenigen Besucher, die jemals hier vorbei geschaut haben, ahnt, dass hier die Tiefe der Erde erforscht werden sollte. Unter dem Turm befindet sich ein Loch ins Erdinnere. Es ist das tiefste Loch der Welt.

Es ist das Jahr 1970, der kalte Krieg tobt und die Atommächte USA und UdSSR wetteifern um die Vormachtstellung im Weltall. Doch die damalige Sowjetunion will mehr, sie möchte eine zweite »Front« eröffnen – die Eroberung der Tiefe. Am 24. Mai 1970 waren die Vorbereitungen abgeschlossenen, die im Jahre 1967 begonnen wurden und man konnte endlich mit der Bohrung beginnen. Schließlich wollte das Zentralkomitee so schnell wie möglich den amerikanischen Rekord des tiefsten Bohrlochs »Bertha Rogers« von 9.583 Metern in Oklahoma einstellen. 1976 wurde der für herkömmliche Erdölbohrungen eingesetzte Bohrturm »Uralmasch-4E« durch den eigens für die Tiefenbohrung auf Kola entwickelten »Uralmasch-15000« ersetzt. Dieser war für eine Tiefe von bis zu 15.000 Metern konzipiert. Meter für Meter arbeitete sich das 200 Tonnen schwere Gestänge der Bohrmaschine Uralmasch-15000 immer tiefer in den Baltischen Schild. Am 6. Juni 1979 war es dann soweit – der amerikanische Rekord wurde übertrumpft. Man erreichte 9.584 Meter bei einem Durchmesser von 21,4 Zentimetern Bohrlochdurchmesser. Aber die Verantwortlichen der Kola-Bohrung wollten mehr: Bis in eine Tiefe von 15.000 Metern sollte es weiter hinabgehen!

Kola
Der einst 20 Stockwerke hohe Bohrturm ist heutzutage zum Teil zerstört und der Ort der Bohrung völlig verwaist. © Dmitrij Saburow

Auf dem langen Weg ins Erdinnere machten die Forscher eine Unmenge unerwarteter Entdeckungen. Etwa bei 3.000 Metern: Hier fand man in einer Gesteinsschicht eine nicht identifizierbar merkwürdige Substanz, die erstaunlicherweise fast völlig identisch mit Mondgestein war. Sechs Kilometer tiefer stießen die Wissenschaftler auf ergiebige Goldvorkommen. Doch der Weg ins Erdinnere wurde immer schwerer, was vor allem daran lag, dass es heißer war, als erwartet. Als der mächtige Bohrer der Kola-Bohrung 1989 eine Tiefe von 12.262 Meter erreichte, herrschten dort nicht wie angenommen 100, sondern 180 Grad Celsius. Und ab einer Tiefe von rund 14.000 Metern wurde aus dem wissenschaftlichen Projekt plötzlich eine mystische und sehr religiöse Angelegenheit!

Ab 14.000 Metern Tiefe begann die Hölle

Gerüchte machten die Runde: Bei einer Tiefe von rund 14 Kilometern drehte der gewaltige Bohrer plötzlich durch. Man war auf einen Hohlraum gestoßen. Zudem stieg die Temperatur plötzlich auf Temperaturen von mehr als 1.000 Grad Celsius an und aus dem Bohrloch entwich eine riesige Gaswolke. Die Wissenschaftler waren verwirrt und hatten für den rasanten Temperaturanstieg keinerlei wissenschaftliche Erklärung.

Der maßgebliche sowjetische Wissenschafter vor Ort – Dr. Dimitri Azzacov – berichtete einer finnischen Zeitung wie folgt: »Wir ließen an das Ende des Rohres ein eigens für Tiefenbohrmessungen angefertigtes Mikrofon hinab (bestimmt für das Aufzeichnen des Lärms der sich verschiebenden lithosphärischen Platten). Aber anstelle dieser Geräusche vernahmen wir eine menschliche Stimme, die vor Schmerzen auf durchdringende Art schrie. Zuerst glaubten wir an einen Defekt unserer Ausrüstung. Wir haben danach nochmals alles überprüft und Feineinstellungen für das Mikrophon vorgenommen und es erneut montiert und wieder hinabgelassen. Unsere schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt: Es handelte sich nicht um die Schreie eines einzelnen Menschen, es waren die durchdringenden Schmerzens- und Verzweiflungsschreie von Millionen von Menschen. Zum Glück setzten wir das Aufzeichnungsgerät in Gang und sind jetzt im Besitz dieser Schmerzens- und Verzweiflungsschreie auf einem Tonband. Wir haben nach diesem übernatürlichen Vorfall die Bohrung beendet und das Bohrloch verschlossen. Es ist gewiss, dass wir etwas entdeckt haben, das unser Begreifen übersteigt.«

Azzacov weiter: »Als Kommunist glaube ich weder an den Himmel noch an die Bibel, aber als Wissenschafter glaube ich jetzt an die Hölle. Es ist klar, dass wir über eine solche Entdeckung schockiert waren. Aber wir wissen, was wir gesehen und gehört haben. Und wir sind absolut sicher, dass wir das Gewölbe der Hölle erreicht haben.” Einfach unglaublich! Oder? Wissenschaftler, die diesen Fall analysiert haben gehen mittlerweile davon aus, Wissenschaftler, Ingenieure und Arbeiter Gase aus der Tiefe eingeatmet haben, die aller Wahrscheinlichkeit Wahnvorstellungen ausgelöst haben. Und da dieses Gas mit ungeheurer Geschwindigkeit aus dem Bohrloch austrat, weil in diesen Tiefen in aller Regel ein gewaltiger Überdruck herrscht, kamen die unheimlichen Schreigeräusche zustande. Märchen gelöst! Oder vielleicht doch nicht?

Noch etwas in eigener Sache zum Schluss: Interessiert an der Kola-Bohrung? Dann ist mein neuer Thriller »Cerberus 115«, der im Sommer 2017 erscheint, bestimmt von Interesse.

Lust auf mehr Wissenschaft, Technik und Geschichte im Krimi- und Thriller-Format? Dann werfen Sie doch einen Blick auf Meine Thriller oder Über mich, den Thriller-Autor.

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