Amerikas erster und letzter Kaiser – Norton I.




Norton I.Sie denken also, die USA wären eine der ältesten Demokratien auf unserem Planeten? Dann haben Sie wahrscheinlich noch nie etwas von Norton I. gehört, dem selbsternannten »Kaiser der Vereinigten Staaten« und »Schutzherrn von Mexiko«. Kein Witz! Der exzentrische Geschäftsmann aus San Francisco, der sein komplettes Vermögen durch die Investition in peruanischen Reis verlor, ernannte sich 1859 zum Monarchen der USA. Obwohl er von den meisten Amerikanern für komplett verrückt gehalten wurde, war er doch bei den Bürgern San Franciscos wegen seines Humors und seiner »kaiserlichen Erlasse« sehr beliebt.

Im Januar des Jahres 1860 traute General Winfried Scott, seines Zeichens Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte, seinen Augen nicht. In den Händen hielt er einen Befehl, der besagte, sich mit seinen Truppen unverzüglich Richtung Kapitol in Washington aufzumachen, um »unverzüglich mit dem nötigen Nachdruck die Hallen des Kongresses zu räumen«. Ein schlechter Scherz? Im Prinzip schon, kam der Befehl doch von keinem Geringerem als Norton I. – von Gottes Gnaden Kaiser der Vereinigten Staaten und Schirmherr Mexikos! Und warum ausgerechnet den Kongress auflösen? Ganz einfach: Da alle Amerikaner ja nun endlich den lang ersehnten Kaiser hätten, sei der Kongress schlichtweg überflüssig – Demokratie inklusive. General Scott ignorierte natürlich den Befehl. Die Abgeordneten im fernen Washington ebenso, die vom Kaiserreich der Vereinigten Staaten beziehungsweise dem selbst ausgerufenen Kaiser ebenfalls noch nichts vernommen hatten.

Wer war dieser Mann, der sich 1859 zum Kaiser krönte. Joshua Norton lebte als Norton I. für mehr als 20 Jahre in San Francisco und wurde von seinen Gefolgsleuten innig geliebt.

Ein Tausendsassa par excellence

Joshua Abraham Norton erblickte wahrscheinlich am 17. Januar 1811 das Licht der Welt im englischen Priors-Lee – so genau weiß man das jedoch nicht. Als Kind wohlhabender Eltern fehlte es ihm an nichts. Nortons Vater war Kaufmann und verkaufte Schiffs- und Seemansbedarf. Damit häufte er ein beachtliches Vermögen an. Im Alter von 38 Jahren wanderte der junge Norton mit 40.000 Dollar in der Tasche nach San Francisco aus. Dort eröffnete der Mann aus dem fernen England einen Laden, der hauptsächlich Goldgräber mit entsprechendem Equipment versorgte. Alles hätte glatt laufen können, das Geschäft florierte, aber leider verfiel Norton der Gier. Er spekulierte am boomenden Immobilienmarkt. Dank des Goldrausches schnellte die Einwohnerzahl San Franciscos in die Höhe. Norton vermehrte zunächst sein Vermögen und bekam den Hals nicht voll genug. Es kam, wie es kommen musste – er verspekulierte sich mit peruanischem Reis und brachte sein gesamtes Vermögen durch.

Norton verschwand von der Bildfläche und tauchte erst wieder am 17. September 1859 auf, als er sich stadtweit zum Kaiser ernannte. Der erste Aufruf als Majestät lautete wie folgt: »Ich beordere zum 1. Februar kommenden Jahres sämtliche Vertreter der Unionsstaaten in die städtische Music Hall, um dortselbst solche Gesetzesänderungen durchzuführen, welche geeignet sind, die Übel zu beseitigen, unter denen das Land leidet.« Der Aufruf ging natürlich ins Leere, niemand nahm Norton ernst.

Norton I. machte weiter, nichts und niemand konnte den neuen Kaiser entmutigen bzw. aufhalten. Bekannt wurde er bei der Bevölkerung durch seine Inspektionsgänge. Hierbei nahm der die Straßen der Stadt unter die Lupe und unterhielt sich mit den Anwohnern. Viele Menschen hörten seinen Ideen zu. Das lag einerseits wahrscheinlich an seinem freundlichen, einnehmenden Wesen und andererseits mit Sicherheit an seiner extrem auffälligen und prächtigen Phantasie-Uniform. Seinen Kopf zierte dabei stets ein Zylinder aus Biberfell. Begleitet wurde er von seinen beiden Hunden »Bummer« und »Lazarus«.

Joshua I.
Norton I. – von Gottes Gnaden Kaiser der Vereinigten Staaten und Schirmherr Mexikos. © Bancroft Library

Sein Volk liebte ihn, was 1867 mehr als deutlich wurde, als man den Kaiser wegen Stadtstreicherei und dem Verdacht auf Geisteskrankheit verhaften und einweisen wollte. Ein Aufschrei ging durch Bevölkerung und Medien gleichermaßen. Die Zeitungen riefen sogar zum Aufstand auf. San Franciscos Polizeichef ruderte zurück und entließ Norton I. Als Entschuldigung für die erlittenen Unannehmlichkeiten durch die Polizeigewalt sollten Polizisten zukünftig Norton I. salutieren, wenn sie ihm auf der Strasse bzw. Öffentlichkeit begegneten.

In Restaurants speiste der Kaiser stets kostenlos. Läden, die diesen »Service« boten, verlieh er den Titel »Hoflieferant Seiner Kaiserlichen Majestät, Kaiser Norton I.« Ebenfalls gab er Banknoten mit dem eigenen Konterfei heraus. Erstaunlicherweise akzeptierte fast alle Händler San Franciscos zur damaligen Zeit Nortons künstliche Währung.

Die Herrschaft Norton I. Endete abrupt am Abend des 8. Januar 1880, als er auf dem Weg zu einer Vorlesung zu einer Vorlesung an der National Academy of Sciences auf der Straße zusammenbrach. Ein Polizeibeamter verlangte schnellstens nach einer Kutsche, um den Kaiser in ein Krankenhaus zu bringen. Der Herrscher starb jedoch, noch bevor die Kutsche ihn erreichte.

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