Auf und ab war gestern – Transrapid-Fahrstühle




»ThyssenKrupp Elevator« kappt die Seile: Mit dem zukünftigen Aufzugssystem »Multi« setzt der Essener Industriekonzern erstmals in der Geschichte der Aufzüge auf die Magnetschwebebahn-Technologie, um Menschen schnell, sicher und energiesparend in der Horizontalen und Vertikalen innerhalb eines Hochhauses zu befördern. Und moderne Fahrstuhlsysteme können noch sehr viel mehr – schnödes Rauf- und Runterfahren war gestern. Fahrstühle der Zukunft erzeugen beim Bremsen Strom, Fahrgäste können sich bereits während der Fahrt in das Kommunikationsnetz des Fahrstuhls einloggen, die Wohnungstür per Smartphone entriegeln oder Essen bestellen, das im Display im Fahrstuhlinneren angeboten wird. Und der Markt für ultramoderne Fahrstuhlsysteme ist Milliarden Euro schwer – besonders China lockt mit einer noch nie dagewesenen Urbanisierung, Mega-Citys und Hochhäuser ohne Ende.

70 Prozent der Weltbevölkerung werden Ende des 21. Jahrhunderts in Großstädten leben, derzeit sind es ungefähr 50 Prozent. Und das schlägt sich – neben vielen Problemen, die diese Urbanisierung mit sich bringt – in einem weltweiten Bauboom nieder. Täglich errichten Bauunternehmen weltweit Häuser in der Größenordnung einer Millionenstadt – Tendenz steigend! Beispiel China: Erstmals leben hier mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Neueste Statistiken besagen, dass es mehr als 675 Millionen Menschen sind, die in Chinas Metropolen ihr Heil und ihre Zukunft suchen. Ein bezeichnendes Beispiel für die Urbanisierung Chinas ist eine geplante Mega-City mit mehr als 42 Millionen Einwohnern. Im Perlflussdelta im Süden Chinas planen Städteplaner neun Städte zu der gewaltigsten Stadt auf unserem Planeten zusammenzuschmelzen – es entsteht eine Metropole, ungefähr 26-mal so groß wie Großbritanniens Hauptstadt London. Das Städtebauprojekt soll vom jetzigen Guangzhou bis nach Shenzhen im Norden von Hongkong reichen und eine Gesamtfläche von 41.440 Quadratkilometern beanspruchen. Und das Mammutprojekt ist erst der Anfang: Bis 2015 plant China insgesamt 221 Riesenstädte, die jeweils zehn Millionen Menschen eine neue Heimat bieten. Die Augen der Manager unzähliger Bauunternehmen weltweit leuchten, wenn sie diese Zahlen lesen und Chinas Visionen näher beäugen. Und auch eine Branche wird von dem gigantischen Bauboom Chinas profitieren – die Fahrstuhlbauer. Denn eines dürfte klar sein: Die Stadtbilder der neuen Mega-Citys dürften maßgeblich Hochhäusern dominieren. Also beste Rahmenbedingungen für Unternehmen, die sich auf  moderne Fahrstuhlsysteme spezialisiert haben.

Die Gleichung ist eine Einfache: Städte sollen wachsen, ohne dass Freiflächen und Grünanlagen beeinträchtigt oder gar geopfert werden – also kann es nur in die Höhe gehen. Und je höher ein Gebäude ist bzw. wird, desto mehr Schächte und Platz sind für herkömmliche Aufzüge notwendig. Damit einher gehen lange Wartezeiten, welche die Fahrstuhlgäste in Kauf nehmen müssen. Als Konsequenz verlieren die beliebten oberen Etagen der Skyscraper mit fantastischer Aussicht zunehmend an Attraktivität. Also müssen neue Lösungen und Denkansätze her, um moderne Hochhäuser auch mit technologischen Spitzenprodukten im Bereiche der Fahrstühle auszustatten. Und ein Re-Design im Fahrstuhlbereich tut not: Allein 2010 verbrachten New Yorker Büroangestellte insgesamt mehr als 16,6 Jahre mit dem Warten auf einen Aufzug. Weltweit absolvieren über zwölf Millionen Aufzüge Tag für Tag ihren Dienst und befördern mehr als eine Milliarde Menschen im Rahmen von sieben Milliarden Fahrten pro Tag. Beeindruckend!

Seil adé

ThyssenKrupp Elevator´s »Multi«-System geht im Bereich der Fahrstuhltechnologie völlig neue Wege. Es ist der erste Fahrstuhl weltweit, der sich nicht nur auf- und abwärts, sondern auch seitwärts bewegen kann. Das Konzept vereint verschiedene Technologien, wobei die auffallendste sein dürfte, dass das Fahrstuhlsystem über einen magnetischen Linearantrieb verfügt. Hierbei greifen die ThyssenKrupp-Ingenieure auf ihre gesammelten Erfahrungen zurück, die sie bei der Magnetschwebebahn Transrapid gesammelt haben. Der Aufzug soll sich aus eigener Kraft im Schacht des Hochhauses bewegen und nicht von Seilen in die Höhe gezerrt werden. Leistungsstarke mechanische Bremsen gewährleisten die Sicherheit, Effizienz und Flexibilität des Systems. Das Loslösen von einer seilbasierten Lösung bringt immense Vorteile mit sich. Somit ist es erstmalig möglich, dass sich mehrere Fahrstühle in einem Schacht unabhängig voneinander bewegen und somit sehr viel effizienter auf Anforderungen der potentiellen Fahrgäste reagieren können. Der Clou ist dabei folgender: Damit sich die Fahrgastkabinen nicht in die Quere kommen, können Sie voreinander ausweichen! Der autark bewegte Fahrstuhl ist nämlich nicht nur in der Lage sich senkrecht zu bewegen – er kann ebenfalls auch waagerecht fahren. Ein Architekt ist somit in der Lage seitlich verlaufende Fahrstuhlschächte einzubauen, in die eine Kabine fahren kann. Das System sei laut Aussagen ThyssenKrupp Elevator besonders gut für Gebäude ab einer Höhe von 300 Metern geeignet, so der Hersteller. Ein innovatives Schienenwechselsystem ermöglicht den Richtungswechsel von der Vertikalen in die Horizontale, ohne dass der Passagier davon etwas maßgeblich zu spüren bekommen soll. Das System erlaubt die waagrechte Verbindung zweier Schächte am oberen und unteren Ende zu einer Dauerschleife – die Kabinen fahren im einen Schacht hinauf, im anderen hinunter.

Transrapid-Fahrstühle
MULTI-Fahrstühle können sich vertikal und horizontal bewegen. © ThyssenKrupp Elevator

Effizienz und Flexibilität als oberstes Gebot

Der Passagier soll sich in dem neuen Fahrstuhlsystem wohlfühlen. Aus diesem Grund dürfen die »Transrapid-Aufzüge« eine gewisse Geschwindigkeit nicht überschreiten, die bei ungefähr 18 Stundenkilometern liegt. Auch ansonsten wird der Passagier keinen Unterschied zu einem ganz normalen Fahrstuhl spüren – bis auf eine Tatsache: Die Fahrstuhltüren öffnen sich alle 15 bis 30 Sekunden. Dadurch werden Wartezeiten auf ein Minimum reduziert und die Förderleistung gegenüber traditionellen Fahrstühlen stark erhöht. Das Multi-System bringt die Fahrgäste in Abständen von 50 Metern an Umstiegspunkte, wo sie in weitere Multi- oder aber herkömmliche Aufzüge wechseln können, die kürzere Strecken zurücklegen. Am ehesten könnte man es mit dem Umsteigen von der U-Bahn in die S-Bahn oder den Bus vergleichen.

Transrapid-Fahrstühöe

Auch im Bereich der Effizienz wartet der Transrapid-Lift mit überzeugenden Argumenten auf. So soll die Fahrgastkabine in Leichtbauweise realisiert werden und somit 50 Prozent Gewichtsersparnis bringen. Zudem lässt sich durch die schnelle Taktung der Aufzüge, der Raumbedarf um bis zu 50 Prozent senken. Als Ergebnis fällt die Gesamt- und Außenfläche von Gebäuden geringer aus, was letztlich in einem niedrigeren Gesamt-Energieverbrauch generiert. Zudem ist die Realisation eines Energierückgewinnungssystems möglich, welches die von den Kabinen bei der Fahrt nach unten erzeugte Bewegungsenergie in elektrische Energie für die Fahrt nach oben umwandelt.

Eine der neuen Fahrstuhllösungen, die demnächst in Rottweil getestet wird, ist der MULTI. Drei der zwölf Schächte im neuen ThyssenKrupp-Fahrstuhltestturm sind für das neue Mehrkabinen-Aufzugssystem vorgesehen. Als Antrieb kommt die Magnetschwebetechnologie basierend auf dem Transrapid zum Einsatz. Hier wollen Ingenieure und Wissenschaftler erst einmal praktische Erfahrungen mit der völlig neuartigen Fahrstuhltechnologie sammeln.

 »MULTI ist unsere Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft: Die weiter zunehmende Urbanisierung erfordert neue Gebäudelösungen. Die Aufzugstechnologie muss nun den nächsten Schritt machen, um neue Gebäudehöhen und –formen zu ermöglichen und mehr Menschen sicher ans Ziel zu bringen. MULTI ist ein Meilenstein für ThyssenKrupp und unterstreicht unsere Ingenieurskunst, mit der wir innovative Mobilitätslösungen für künftige Generationen schaffen.«, so Andreas Schierenbeck, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp Elevator.

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