Crypto City – die NSA-Spionagefabrik

Crypto CityDas Herz des geheimsten aller Geheimdienste – die amerikanische „National Security Agency“ (NSA) – schlägt in einer beschaulichen Stadt im amerikanischen Maryland, die jedoch auf keiner Karte verzeichnet ist. Dennoch wohnen und arbeiten hier mehr als 32.000 Menschen, die nichts anderes tun, als weltweit Menschen auszuspionieren. Sie nennen ihren nicht existierenden Wohnort »Crypto City«. Die Datenkrieger der NSA, vor denen selbst die altehrwürdige CIA mehr als Respekt hat, überwacht täglich mehr als drei Millionen E-Mails, Telefongespräche und Faxe durch das eigene Echelon-Netzwerk.

Die National Security Agency gilt als der verschwiegenste und mächtigste unter den US-Geheimdiensten, der seine Karten nur sehr selten und wenn, dann mit Bedacht und berechnendem Kalkül offenlegt. Der Mantel des Mysteriösen und Geheimnisvollen umgibt diese Organisation, deren Existenz bis in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts vehement von der US-Regierung geleugnet wurde. Unter anderem ein Grund, warum die NSA weltweit als liebstes Kind bei Verschwörungstheoretikern gilt. Der größte und finanziell am besten ausgestattete Militärnachrichtendienst ist für die weltweite Überwachung und Entschlüsselung elektronischer Kommunikation zuständig und dem amerikanischen Verteidigungsministerium unterstellt.

Obwohl die NSA erst in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts „geoutet“ wurde, gibt es diesen ganz speziellen Militärgeheimdienst bereits seit dem zweiten Weltkrieg, also sehr viel länger als die allgemein hin bekannte CIA. Es war der Wettlauf mit der damaligen Sowjetunion um den Besitz geheimer Information des Dritten Reiches, der die Vorläuferorganisation TICOM (Target Intelligence Committee) auf den Plan der damaligen Geheimdienstler rief. Diese Organisation sollte schneller als alle anderen damaligen Organisationen geheimdienstrelevante Gegenstände, wie etwa Chiffriermaschinen suchen und in ihren Besitz bringen. Viel bekannt ist nicht darüber, ob TICOM tatsächlich kriegsentscheidende Informationen gewinnen konnte. Aber vielleicht macht ja genau dies einen guten Geheimdienst aus. Richtig los ging es mit der NSA erst am 4. November 1952, als die Organisation offiziell mit dem Ziel gegründet wurde, ausländische Nachrichtenverbindungen abzuhören. Die obersten Spionagechefs mochten die NSA von Anfang an nicht wirklich, da sie Befürchtungen hegten, dass die NSA auch im Bereich der Inlandsspionage tätig werden würde und andere Geheimdienste wie etwa die CIA überwachen würde. Schon Ende der 70er Jahre war die NSA bereits dermaßen einflussreich, dass der damalige CIA-Chef klagte, dass diese kaum noch zu kontrollieren sei.

Keine dreißig Jahre später ist die NSA der mächtigste und geheimste unter den Geheimdiensten weltweit, der Freund und Feind gleichermaßen belauscht. Mit Hilfe von Horchposten, die rund um die Erde, im All und unter Wasser verstreut und über das Echolon-Netzwerk miteinander verbunden sind, hört die NSA alle für sie relevanten Kommunikationswege ab – egal ob es sich dabei um Telefonate, Faxe, Funksprüche oder Mails handelt. Die Abhöreinrichtungen der NSA sind dabei auf Satelliten-, Mobil- und Richtfunkstrecken, Unterseekabel sowie Festnetzleitungen fokussiert und betreffen bei weitem nicht nur militärische Ziele. Auch vor der Wirtschaft und zivilen Personen sowie Organisationen macht die NSA dabei nicht halt.

Crypto City
Hauptquartier der National Security Agency in Fort Meade, Maryland.
© National Security Agency/ Wikimedia Commons

Alle gesammelten Daten laufen im Hauptquartier der NSA – in Crypto City – zusammen. Diese Stadt ist auf keiner Karte verzeichnet und doch wohnen und arbeiten hier mehr als 32.000 Menschen (weltweit sollen übrigens mehr als 120.000 Soldaten und Zivilisten für die NSA arbeiten), denen allesamt politische Unbedenklichkeit bescheinigt wurde. Die NSA hat mehr Mitarbeiter als CIA und FBI zusammenaddiert. Sie alle arbeiten in insgesamt 50 Gebäuden, deren Bürofläche mehr als zwei Millionen Quadratmeter umfasst. Allein die Parkplätze in Crypto City bedecken eine Fläche von 1,3 Quadratkilometern und bieten Platz für 17.000 PKWs. Das Straßennetz umfasst eine Gesamtlänge von 50 Kilometern; sämtliche Straßen sind nach ehemaligen und verdienten NSA-Mitarbeitern benannt. Auf die NSA in Crypto City sind mehr als 37.000 PKWs registriert. Allein der posteigene Dienst verteilt mehr als 70.000 Sendungen auf dem riesigen Gelände der NSA in Maryland.

Kaum eine andere Stadt in den USA hat vergleichsweise mehr Wachstum zu verzeichnen als Crypto City. Von Anfang der 80er Jahre bis in die Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden für mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar Neubauten errichtet. Das reichte aber immer noch nicht aus. Deshalb mietete die NSA für weitere 500 Millionen Euro 500.000 Quadratmeter Bürofläche an. Und es ging noch weiter: Bis zur Jahrtausendwende wurden weitere 153 Millionen US-Dollar ausgegeben, um Neubauten in Crypto City zu errichten. Das alles muss bezahlt werden, ist aber für die NSA kein Problem. Über den genauen Etat hüllt man sich zwar erwartungsgemäß in Schweigen, doch dringen immer wieder Zahlen an die Öffentlichkeit. So äußerte sich der stellvertretende Direktor für Dienstleistungen Terry Thompson im Rahmen einer Ansprache vor Mitarbeitern in etwa dahingehend, dass es einen rund 4 Milliarden US-Dollar Etat pro Jahr gibt. Dies deckt sich auch mit anderen Quellen die behaupten, dass der Gesamthaushalt der NSA in den Jahren 1995 bis 1999 eine Summe von 17.570.600.000 Dollar betrug.

Sicherheit ist Trumpf

Ein derartige Moloch mit äußerst sensibler und geheimer Aufgabe bedarf eines umfassenden Schutzes. Hierfür zuständig ist die stadteigene Polizei, die rund um die Uhr auf den Straßen von Crypto City patrouilliert. Die 700 Polizeibeamten der geheimen Stadt besitzen in zwei US-Bundestaaten reguläre Polizeigewalt, um bei Bedarf auch außerhalb von Crypto City agieren und strafverfolgend tätig zu werden. Die Polizeitruppe der NSA verfügt über Spezialanfertigungen in Sachen Waffen und Kommunikationsgeräte. Geleitet wird das schlagkräftige Polizeikommando von einer Hightech-Einsatzzentrale, mit abhörsicheren Handys und über eine geschlossenes Fernsehnetz.

Doch damit nicht genug: Das eigentliche »Sicherheitsherz« der NSA in Crypto City ist ihr mobiles Einsatzkommando. Entdeckt man irgendwo auf dem flächendeckend überwachten NSA-Gelände eine potentielle Bedrohung kommt dieses Spezialkommando zum Einsatz, das sich vor allem aus Mitgliedern diverser militärischer Elitetruppen zusammensetzt. Diese – auch »Men in Black« genannten Soldaten – werden zur Abschreckung auch an besonders sensiblen Geländepunkten, wie etwa an den Toren, postiert.

Und es gibt noch eine weitere Spezialeinheit – die „Executive Protection Unit“. Sie stellt Fahrer und Leibwächter für ranghohen NSA-Mitarbeiter. Eine ihrer Hauptaufgaben besteht darin Sicherheitsuntersuchungen im voraus durchzuführen und zwar an den Orten, wo Spitzenbeamte des NSA auftreten werden.

Die Rechner der NSA

Die NSA verfügt in den Tiefen ihrer bunkerartigen Anlagen über die schnellsten Rechner, die es derzeit gibt. Die braucht es auch , möchte man der gestellten Aufgabe der NSA auch nur annähernd Herr zu werden – dem automatisierten Abhören und elektronischen Auswerten von nationalen und internationalen, militärischen und zivilen Telefonaten, Faxen und dem Funk- und E-Mail-Verkehr. Genaue Angaben über Rechenleistung des Rechenzentrums sind höchste Geheimhaltungsstufe. Allein die Höhe der Stromrechnung des Hauptquartiers in Maryland lässt Rückschlüsse auf die Hardwareausstattung der NSA zu.

Laut offiziellen Angaben der NSA-Website beträgt das Budget für Elektrizität des Hauptquartiers in Maryland ca. 21 Millionen US-Dollar. Konservativen Berechnungen zu Folge hätte die NSA also genug Energie um beispielsweise vier NEC Earth Simulator (einer der schnellsten Superrechner) zu betreiben. Dies entspräche einer Rechenkraft von ungefähr 160.000 GFLOPS also 16 x 1013 Fließkommazahlen Operationen pro Sekunde. Das Rechenzentrum allein benötigt fast 100 Megawatt Leistung, was dem Strombedarf einer Großstadt entspricht. Und dennoch ist auch dies manchmal zu wenig: In Sommern an der amerikanischen Ostküste war es bisher zweimal so heiß, dass die Menschen überall die Klimaanlagen hochfuhren und es nicht mehr genügend Energie für das NSA-Rechenzentrum gab – es musste kurzerhand abgeschaltet werden.

Die schnellsten Supercomputer nutzen der NSA nichts ohne die entsprechende Software. Die Lauschangriffe erfordern eine höchst komplexe Software, um aus dem gewonnenen Datenwust die richtigen und wichtigen Informationen herauszufiltern. Hierzu benutzt die Software ganz bestimmte Schlüsselmechanismen, die Topsecret sind. Die NSA verfügt über Stimmenerkennungsprogramme, die um ein Vielfaches sensibler sind, als das menschliche Gehör. Damit „fischen“ die Spezialisten der NSA jede nur erdenkliche Zielperson aus tausenden von Telefonaten und Funksprüchen heraus. Der Computer schlägt Alarm, sobald er ein eingegebenes Stimmenprofil erkennt.

Der NSA bleibt kein Kommunikationsweg verborgen. Mittlerweile interessiert sich auch die EU für das Agieren der NSA, weil diese in Europa besonders Politiker und Geschäftsleute abhört. Aufgeschreckt hatten die EU-Politiker ein »unerklärlicher« Wissensvorsprung der Amerikaner bei Verhandlungen und Handelsaufträgen.

Kurzinfo: Das neue Rechenzentrum der NSA

Laut einem Wired Bericht entsteht derzeit in einem Wüstenareal im Bundesstaat ein neues, gigantisches Rechenzentrum der NSA. Als Investitionsvolumen sollen schätzungsweise 2 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stehen. In dem neuen Rechenzentrum soll voraussichtlich ab 2013 das gesamte Web, Telefonanrufe und der weltweite E-Mail-Verkehr durchleuchtet und analysiert werden. Hierzu sollen vier Server-Farmen, von denen jede 2.500 Quadratmeter groß ist, eine Speicherkapazität von einem Yottabyte (das ist eine 1 mit 24 Nullen) bereitstellen. Das soll genug sein, um die Datenkommunikation der gesamten Welt zu speichern und zu überwachen. Um diese übermächtige Datenmenge „stemmen“ zu können entwickelt die NSA derzeit einen Supercomputer, der 2018 seinen Dienst aufnehmen soll. Dieser neue Superrechner, der in Zusammenarbeit mir der Firma Cray entwickelt wird, soll ein eine Rechenleistung im Multi-Petaflop-Bereich erreichen und in der Lage sein, den Verschlüsselungsstandard AES-256 zu knacken.

Nach eigenen Angaben der NSA soll das Rechenzentrum in Utah in der Lage sein, alle drei Stunden Informationen in der Größenordnung des gesamten Inhalts der »Library of Congress« (Washington) abzuhören. Die größte Bibliothek der Welt umfasst laut NSA-Schätzungen eine Quadrillion Bits an Informationen.

Kurzinfo: Das Echelon-Netzwerk

Grundlage der Datengewinnung durch die NSA ist das weltweite Echelon-Netzwerk, das zur Überwachung von Telefonaten, Fax- und E-Mail-Verkehr, Datenverkehr im Internet und Radio- und Fernsehübertragungen durch die UKUSA – einem Zusammenschluss der Geheimdienste der USA, England, Australien, Neuseeland und Kanada. Bereits 1948 wurden die Grundlagen zu dem weltweiten Spionagenetz durch die USA gelegt. Damals dienten die weltweiten Abhörstationen dazu die Kommunikation innerhalb der sozialistischen Staaten abzuhören. Heutzutage dient Echelon auch zum Abhören von zivilen Personen, Organisationen und ausländischer Unternehmen, um US-Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Kurzinfo: Die wichtigsten Geheimdienste der USA

CIA (Central Intelligence Agency): Ziviler Geheimdienst der USA der im Inland nicht tätig werden darf.

DIA (Defense Intelligence Agency, Verteidigungsministerium): Die DIA ist ein militärischer Geheimdienst und dient der Überwachung von Massenvernichtungswaffen, Terrorismus und Organisierter Kriminalität.

NGA (National Geospatial-Intelligence Agency, Verteidigungsministerium). Der NGA stellt Kartenmaterial und andere Daten über die Erdbeschaffenheit zur Verfügung.

NRO (National Reconnaissance Office, Verteidigungsministerium). Die NRO betreibt das militärische Satellitenprogramm der USA.

IAIP (Information Analysis and Infrastructure Protection Directorate, Heimatschutzministerium). Der IAIP überwacht Bedrohungen gegen die zentralen Teile der US-Infrastruktur und stellt entsprechende Informationen für andere Behörden zur Verfügung.

NSB (National Security Branch, Teil des FBI, Justizministerium). Der NSB dient der Terror- und Spionageabwehr sowie dem Schutz vor Anschlägen mit Massenvernichtungswaffen.

NN/DEA (Office of National Security Intelligence, Justizministerium). Diese Organisation ist zuständig für die Gewinnung von Informationen, für den Kampf gegen den Drogenhandel

INR (Bureau of Intelligence and Research, Außenministerium). Das INR analysiert Geheimdienstinformationen und arbeitet diese für die Verwendung durch das US-Außenministerium auf
IN/DOE (Office of Intelligence, Energieministerium). Dieser Geheimdienst dient zum Schutz des amerikanischen Atomprogramms – von Atomwaffen bis zu den Forschungsdaten der amerikanischen Atomforschung.

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