Das große Lauschen – Big Brother im All

Big BrotherVor ihnen bleibt nichts verborgen: Spionagesatelliten im All. Kein verstecktes Waffenarsenal, keine geheime militärische Anlage, keine neuer Flugzeugprototyp oder neues Militärschiff. Doch wer glaubt, dass die Superaugen im All nur militärische Ziele überwachen der irrt. Satelliten im All und Abhöreinrichtungen am Boden überwachen die Satellitenkommunikation weltweit rund um die Uhr. Sie haben gerade telefoniert? Hoffentlich haben Sie Ihre Worte sorgfältig gewählt und nichts Falsches gesagt. Andernfalls könnten Sie die Aufmerksamkeit eines neugierigen Spionageprogramms geweckt haben. Big Brother hört und sieht immer mit!

Er war größer als ein Bus und beherbergte eine gigantische Panoramakamera mit einer unvorstellbaren Brennweite von ungefähr zwei Metern (als Vergleich: eine handelsübliche Kamera hat eine Standardbrennweite von 50 mm) und einer Blendenöffnung von einem halben Meter. Und: Niemand wusste von seiner Existenz. Die Rede ist von »Hexagon«, einem der erfolgreichsten und gewaltigsten Spionagesatelliten überhaupt, der über Jahrzehnte hinweg Amerikas Feinde im Kalten Krieg ausspionierte. Der Großvater aller Spionagesatelliten, mit seiner damalig sensationellen Bildauflösung von sechzig Zentimetern, feierte in 2011 seinen 50. Geburtstag, was der amerikanische Geheimdienst zum Anlass nahm, das einstige mittlerweile außer Dienst gestellte Hightech-Wunderwerk der Öffentlichkeit vorzustellen.

Obwohl Hexagon eine Erfolgsgeschichte für die amerikanischen Geheimdienste und Militärs war, begann die eigentliche Geschichte der Spionagesatelliten schon sehr viel früher – genauer gesagt im Jahre 1955. Zu dieser Zeit machten sich die Verantwortlichen bei der US Air Force Gedanken darüber, ob man Aufklärung über dem Gebiet der Sowjetunion nicht mit Hilfe von Satelliten betreiben könnte. Zwar hatte man gerade das modernste Spionageflugzeug der Welt mit der Bezeichnung U-2 in Dienst gestellt, doch gab es mit dem Aufklärungsflugzeug Probleme politischer Natur. Die U-2 flog zwar mit Unterschallgeschwindigkeit, aber dafür in einer sehr großen Höhe, die für damalige Abfangjäger und Abfangraketen der sowjetischen Luftwaffe nicht erreichbar war. Dennoch konnten die Militärs jenseits des Eisernen Vorhangs die Maschine per Radar ausmachen, was eine Protestwelle gegen die Luftraumverletzungen durch die Amerikaner nach sich zog. Um eine politische Eskalation zu vermeiden, ordnete Präsident Eisenhower 1956 an, dass jeder Flug seine ausdrückliche Erlaubnis erforderte. Dies schränkte den Nutzen der U-2 beträchtlich ein. Bis 1960 erfolgten auch nur noch 18 Flüge. Denn ab diesem Jahr verfügte die Sowjetunion über neue Boden-Luft Raketen, welche die U-2 erreichen und abschießen konnten. Daraufhin wurden die Spionageflüge mit der U-2 eingestellt. Eine Alternative musste her und zwar zügig! Die logische Konsequenz war es, die Spionageflüge einfach in den Weltraum zu verlagern – unerreichbar für Raketen und keinerlei Verletzung des Luftraums.

Big Brother
KH9 Hexagon bei der Montage. © National Reconnaissance Office (NRO)

Unter dem Decknamen »Keyhole« (engl. für Schlüsselloch) startete das amerikanische Militär ein Programm zur Entwicklung von Spionagesatelliten. Die ersten Starts der Corona-Satelliten fanden Anfang 1959 unter dem Decknamen »Discoverer« statt. Der erste Satellit mit der Bezeichnung »Discoverer 4« wog 750 Kilogramm, war jedoch ein Flop, da er keine brauchbaren Bilder lieferte. Erst »Discoverer 14«, der am 19. August 1960 seinen Dienst aufnahm, konnte Militärs und Geheimdienste einigermaßen zufriedenstellen. Ein leistungsfähigeres System musste her. Dies war die Geburtsstunde von Hexagon, und es war eine Erfolgsgeschichte. Seit 1971 wurden zwanzig Spionagesatelliten vom Typ Hexagon ins All befördert, die ihren Dienst bis April 1986 erfolgreich versahen. Allerdings wahren die Kommunikationsfähigkeiten des Satelliten sehr beschränkt – Digitalfotografie und Breitbandinternetverbindungen zwischen Satelliten und Bodenstation steckten noch in den Kinderschuhen. Wie also die Aufnahmen aus dem Orbit zur Erde bringen? Der Plan war abenteuerlich, verrückt und wurde tatsächlich über Jahre hinweg praktiziert! Jedes der zu entwickelten Negative beförderte ein eigens dafür an Bord des Satelliten befindliches Mini-Raumschiff zurück in die Erdatmosphäre, wo die Kapsel an einem Fallschirm langsam Richtung Erde schwebte. Dort kreiste ein Spionageflugzeug, das die Kapsel mit den Negativen im Flug einsammelte. Ein für Piloten und den Soldaten an der Heckklappe des Spionageflugzeuges äußerst schwieriges und kniffliges Manöver. Aber es klappte tatsächlich und das über viele Jahre hinweg. Hexagon veränderte die amerikanische Kriegsführung tiefgreifend. Zum ersten Mal deutete sich vage an, dass das All in den kommenden Jahrzehnten zum potentiellen Kriegsschauplatz werden würde. Nur jener, der das erdnahe All kontrolliert, hätte auch die Kontrolle darüber, was auf der Erde geschieht!

Der Geheimdienst, den es bis vor kurzem gar nicht gab – das NRO

Keine siebzig Jahre später, nachdem der erste Spionagesatellit seine ersten (wenn auch unbrauchbaren) Bilder lieferte, sind Spionagesatelliten zu unentbehrlichen Helfern der modernen Aufklärung und Kriegsführung schlechthin geworden. Spionage- bzw. Militärsatelliten erfüllen heutzutage die unterschiedlichsten Aufgaben: Aufklärungs- und Fotosatelliten (die klassischen Spionagesatelliten) erkunden gegnerische Waffen und Truppenbewegungen; Kommunikationssatelliten ermöglichen verschlüsselte Kommunikation zwischen Kommandostellen der Land-, Luft- und Seestreitkräften und Navigationssatelliten steuern Flugkörper punktgenau ins Ziel. Derzeit umrunden allein ungefähr 225 Spionagesatelliten (Aufklärungs- und Fotosatelliten) die Erde. Davon entfallen 120 auf die USA und 50 versehen ihren Dienst für Russland. Der Rest entfällt auf Staaten wie China, Frankreich, Israel, Japan, Indien und Südkorea.

Verantwortlich für das amerikanische Spionageprogramm ist das NRO. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich eine der geheimnisvollsten Organisationen überhaupt – das »National Reconnaissance Office«, welches für die Öffentlichkeit viele Jahrzehnte gar nicht existierte, da der Betrieb der militärischen US-Spionagesatelliten eine geheime Angelegenheit bleiben sollte. Der NRO, einer von vielen Militärnachrichtendiensten der USA, wurde 1960/61 gegründet und ist für das militärische Satellitenprogramm der US-Streitkräfte verantwortlich. Das Personal dieses »geheimen Geheimdienstes« stellt größtenteils das Militär und die CIA, wobei die Kosten das amerikanische Verteidigungsministerium trägt. Bis zum Ende der 1990er Jahre war das NRO eine so genannte »schwarze« Organisation, was nichts anderes heißt, als dass dieser Geheimdienst offiziell nicht existierte und sein Budget von Verteidigungsministerium versteckt wurde. Das finanzielle Polster des National Reconnaissance Office betrug runde 1,5 Milliarden Dollar, wobei das derzeitige Budget diesen betrag bei weitem überschreiten dürfte. Die Personalstärke des NRO wird auf ungefähr 3.000 Mitarbeiter geschätzt und unterliegt strengster Geheimhaltung.

»Die besten Pferde im Stall« der NRO sind »Trumpet« und »Lacrosse«. Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts beförderten zwei Titan-4A-Rakten diesen beiden Horchposten ins All. Es waren die bis dato größten, teuersten und leistungsstärksten Radar- und Lauschsatelliten, die Amerikas Militärtechniker je in die Praxis umgesetzt haben. Trumpet ist in der Lage gleichzeitig Tausende von Funksprüchen, verschlüsselten Signaldaten und Handy-Gesprächen gleichzeitig abzuhören. Ein wahres Schwergewicht ist Lacrosse, der seinen Dienst in einer Höhe 700 Kilometern versieht. Die Radarsysteme an Bord des 15 Tonnen wiegenden Ungetüms liefern bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit Bilder von bislang unerreichter Schärfe und Auflösung. Naturgemäß schweigt sich das NRO natürlich über die Leistungsfähigkeit seiner Schnüffler aus. Allerdings erlauben die zu beiden Seiten 25 Meter weit ausladenden Sonnensegel Rückschlüsse auf die elektrische Leistung und somit auf die unglaubliche Größe der Radarantenne. Experten glauben, dass ein so genannter Supertele-Scanner aktiviert werden kann, der noch Objekte am Boden von sehr viel weniger als einem Meter Größe unterscheiden kann. Jeder Lacrosse-Satelliten funkt pro Sekunde mehrere hundert Megabits zur Erde. Eine gewaltige Datenmenge welche die Festplatte eines handelsüblichen PCs binnen Sekunden füllen würde. Nur spezielle Rechenzentren der amerikanischen Militärs sind in der Lage, diese ungeheuren Datenmengen auszuwerten. Eine der Computer-Zentralen liegt im Inneren der Cheyenne Mountains, wo zu Krisenzeiten Rechenoperationen zentral ablaufen.

In 2010 startete das NRO einen Spionagesatelliten mit der Bezeichnung NROL-32. Laut Schätzungen der NASA handelt es sich dabei um den größten und mächtigsten Satelliten, der jemals ins All befördert wurde. Der Auftrag von NROL-32 ist streng geheim, doch dürfte es sich nach Expertenmeinungen bei NROL-32 um ein der modernsten Abhörplattformen handeln, die jemals gebaut wurden. Der Satellit verfügt über modernste Funkempfänger und einer beeindruckenden Antenne von ungefähr 100 Metern Durchmesser. Dieses Abhörmonster dürfte gleich mehrere veraltete Spionagesatelliten auf einen Schlag ersetzen. Trumpet und NRO-32 mit ihren Abhörvorrichtungen, so glauben Experten, sind nicht nur für das Militär und die strategische Verteidigung der USA interessant, sondern auch für die Wirtschaft. Diese beiden Satelliten ergänzen das Abhörnetzwerk »Echelon« des NSA-Geheimdienstes, der dafür bekannt ist, dass er gewonnene Informationen auch gern der Wirtschaft zur Verfügung, um dieser einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern zu ermöglichen. Natürlich alles ganz inoffiziell! Die Bedeutung von Spionagesatelliten dürfte auch in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen, wobei sich das Gleichgewicht weg von der militärischen Aufklärung hin zur Wirtschafts- und Industriespionage verlagern dürfte.

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