Das kurze Leben der »Radium-Girls«

USRadiumGirls-ArgonneEs war das Zeitalter des Radiums – die Rede ist von 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Radium befand sich in der Zahnpasta, im Trinkwasser und angeblich heilenden Bädern, in Kondomen, Schokolade und auf Zifferblättern fast aller Uhren. Es galt als modern und trendy das »Wunderelement« für die unterschiedlichsten Dinge zu benutzen. Das neu entdeckte Erdalkalimetall stand für Fortschritt und Moderne. Nur wenige Menschen warnten schon damals vor den katastrophalen Auswirkungen dieses radioaktiven Elementes. Das Nachsehen hatte die sogenannten »Radium-Girls«.

Es war die polnische Physikerin Marie Curie und ihr Ehemann, der französische Physiker Pierre Curie die das chemische Element am 21. Dezember 1898 in Frankreich in der Pechblende aus dem böhmischen Joachimsthal entdeckten. Als Pechblende bezeichnet man auch Uranit – ein natürliches Kristall und eine der am stärksten strahlenden Quellen radioaktiver Strahlung. Radium ist eines der seltensten natürlichen Elemente – sein Anteil an der Erdkruste beträgt etwa 7 x 10-12 %.

Anfang des 20. Jahrhunderts standen radioaktive Präparate hoch im Kurs. Radium galt als harmlos und sogar gesundheitsfördernd. Man ging mit diesem »Wunderstoff« sehr sorglos um. Menschen, die vor der Gefährlichkeit des strahlenden Stoffes warnten, gab es kaum. In den USA und Europa wurde Radium als Medikament gegen die unterschiedlichsten Leiden eingesetzt – angefangen bei Hämorrhoiden bis hin zum vermeintlichen Krebsmittel. Mit Radium-Inhalationsgeräten wollte man der Tuberkulose Herr werden. Und es gab Radium-Zwieback, Radium-Brot, Radium-Schokolade, Radium-Bier, Zahnpasten, Radium-Zäpfchen zur Stärkung der Manneskraft und Radium-Kondome sowie Kosmetika, die im Dunkeln leuchteten. Alles in allem galt Radium als Lifestyle-Produkt. Einer der Hauptanwendungsbereiche für Radium jedoch waren die leuchtenden Zifferblätter der Uhren dieser Zeit.

Der Siegeszug der Uhren mit Leuchtziffern

Der Siegeszug der Uhren mit Leuchtziffern begann in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Die mit leuchtender Farbe versehenen Zifferblätter und Zeiger boten den Soldaten den entscheidenden Vorteil, dass auch nachts die Uhrzeit problemlos abgelesen werden konnte, ohne zusätzliche verräterische und unter Umständen tödliche Lichtquellen verwenden zu müssen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges war es en vogue ebenfalls eine Uhr zu besitzen, die im Dunkeln dezent leuchtete. Die Nachfrage war enorm.

Radium-Girls
Die »Radium-Girls« bei der Arbeit. © Copyright: Von http://en.wikipedia.org/wiki/Radium_Girls, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3578740

Und die U.S. Radium Corporation freute sich über den Zuspruch für derlei Zeitmesser weltweit. Das amerikanische Unternehmen hatte bereits während des Krieges für leuchtende Ziffern in den Schützengräben gesorgt. Die Geschäftsleitung erkannte sofort das Potential dieser Uhren und stellte kurzerhand viele junge Frauen und Mädchen ab 12 Jahren an. Im Zeitraum zwischen 1917 bis 1926 bemalten mehr als 4.000 dieser Mitarbeiterinnen Zifferblätter unzähliger Uhren im Millionenbereich fast aller Hersteller weltweit mit »Undark« und das für 1,5 Cent pro Zifferblatt. Im Schnitt schaffte eine Arbeiterin 250 Uhren pro Tag mit der Leuchtfarbe zu versehen. Und sie bezahlten es mit ihrer Gesundheit und schlimmstenfalls mit dem Leben. Undark wurde 1915 von Dr. Sabin von Sochocky erfunden und war eine Mischung aus Kleber, Wasser und Radiumpulver.

Radium-Girls
Anzeigenwerbung für »Undark«. © Copyright: Von Unbekannt – Google Books – (1921-08). “The Story of a Great Engineer”. The American Magazine 92: 85. Springfield, Ohio: The Phillips Publishing Co.., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7564359

Tödliches Radium

Um die Leuchtfarbe auf die Zifferblätter und Zeiger aufzutragen, verwendeten die Radium-Girls, wie man die Mädchen mittlerweile nannte, feinste Kamelhaarpinsel. Die verloren natürlich nach wenigen Strichen immer wieder ihre spitze Form. Daher empfahlen Vorarbeiter, die Pinsel mit der Zunge und den Lippen zu formen. Ein fataler Rat! Unter den jungen Mädchen und Frauen häuften sich bald Erkrankungen und sogar diverse Todesfälle. Die daraufhin initiierten Untersuchungen förderten katastrophale Arbeitsbedingungen zu Tage. Die Haare, Gesichter und Kleider der untersuchten Frauen leuchteten wie Weihnachtsbäume. Zudem litten die Fabrikarbeiterinnen unter Menstruationsbeschwerden, Müdigkeit, Depression, Kiefernekrosen, Knochenbrüche. Die Blutbilder der Frauen gaben Alarm. Leider machten die Untersuchungen der Frauen diese noch kränker, da die Ärzte massiv auf Röntgenapparate zur Untersuchung zurückgriffen.

Am schlimmsten war jedoch die Tatsache, dass das Unternehmen vehement leugnete, dass es einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung der Arbeiterinnen und dem Radium gab. Ärzte und Wissenschaftler stimmten auf Druck der Firma dieser Einstellung zu. Zudem drängte die U.S. Radium Corporation Pathologen, den Tod der Mitarbeiter anderen Todesursachen zuzuschreiben. Man »einigte« sich auf Syphilis. Es war offensichtlich, dass das Unternehmen über die Gefährlichkeit von Radium bescheid wusste. Die beschäftigten Chemiker, Ingenieure und Techniker beispielsweise näherten sich dem Radium nur mit Schutzanzug, Atemmaske und Greifzangen. In den Sälen der Arbeiterinnen, die Undark anrührten und auf die Zifferblätter auftrugen, gab es keinerlei Warnschilder geschweige denn Schutzmaßnahmen. Man erzählte den Frauen und Mädchen, die Frage sei absolut harmlos.

Eine Frau mit Mut und Courage

Grace Fryer war die erste Arbeiterin der U.S. Radium Corporation, die den Mut fand, gegen das Unternehmen zu klagen. Für die damalige Zeit ein ungeheuerlicher Vorgang. Sie benötigte über zwei Jahre einen engagierten Anwalt zu finden, den der Fall übernahm. Zu guter Letzt waren es fünf Frauen, die sich ihr anschlossen. Der Prozess endete im Frühjahr 1928 mit einem Vergleich. Jede der Arbeiterinnen erhielt 10.000 US-Dollar und eine Rente von 600 US-Dollar pro Jahr. Zudem erstattete man sämtliche Ausgaben für Ärzte und Anwälte. Von dem Geld hatten die Frauen jedoch nicht mehr allzu viel. Sie verstarben in den dreißiger Jahren an den Folgen ihrer Radium-Vergiftung. Die Kontamination mit Radium war so hoch, dass auch heute noch die Gräber der Arbeiterinnen mit Geigerzähler erkannt werden können. Der mit dem Verfahren einhergegangene Presserummel und Aufschrei der amerikanischen Öffentlichkeit führte dazu, dass die U.S. Radium Corporation die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiterinnen wesentlich verbessern musste.

Und heutzutage?

Die direkte Strahlung der heute für Leuchtfarben verwendeten radioaktiven Substanzen hat in Luft eine Reichweite von nur wenigen Zentimetern, da nur Alphastrahler und niederenergetische Betastrahler verwendet werden. Eine Abschirmung wird bereits durch eine durchsichtige Abdeckung erreicht. Allerdings kann von Leuchtfarben eine Strahlungsgefahr ausgehen, wenn diese abbröckelt, weil dann die radioaktive Substanz inkorporiert werden kann. Ältere Uhren-Leuchtzeiger, Zifferblätter und Skalen enthielten teilweise auch radioaktive Stoffe mit weitreichender Strahlung. Diese stellen insbesondere dann eine Gefahr dar, wenn die Gegenstände ständig am Körper getragen werden.

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