Das Monster vom Kaspischen Meer

MonsterWährend des Kalten Krieges observieren amerikanische Spionagedienste fast alle Aktivitäten jenseits des »Eisernen Vorhangs«. Satelliten fotografieren rund um die Uhr, was sie vor die Linse bekommen, wenn Sie die Gebiete der Sowjetunion und ihrer Verbündeten überqueren. Im Allgemeinen weiß man was der Gegner hat, wo es stationiert ist und wie es funktioniert. Neuigkeiten beschränken sich meist auf Truppenverschiebungen. Was sie jedoch da eines Tages 1967 am Westufer des Kaspischen Meeres ausmachen verschlägt Ihnen die Sprache. Auf den ersten Blick scheint es ein riesiges Flugzeug jedoch ohne Flügel zu sein. Viele Jahre rätseln Geheimdienste, was die Satelliten da »aufgeschnappt« haben. Vergebens! Erst mit dem Fall der Sowjetunion wird das Geheimnis um das rätselhafte Flugobjekt gelüftet. Das Monster des Kaspischen Meeres ist ein Ekranoplan.

Die Sichtung des unbekannten Flugobjekts versetzt die US-Streitkräfte in Aufregung. Es besitzt gigantische Ausmaße, ist mehr als 100 Meter lang, 22 Meter hoch und hat dabei nur eine Spannweite von etwa 39 Metern – zu wenig, um ein Fluggerät dieser Größe auch nur annähernd in die Luft zu befördern. Darin sind sich Militärexperten und Wissenschaftler einig. Aber um was handelt es sich dann? Die US-Militärs sind ratlos und verständlicherweise sehr nervös, in Anbetracht der Tatsache, was da am Kaspischen Meer das Licht der Welt erblickt hat. Es lässt sich nicht einordnen. Aber allein ob seiner Größe scheint das Bedrohungspotential immens zu sein. Es ist eines der am besten gehüteten Militärgeheimnisse des Kalten Krieges der ehemaligen Sowjetunion, dessen Entwicklung schon lange vor dem Jahr 1967 begann.

Alles begann 1950 in Nischni Nowgorod einer Stadt nahe Moskau. Diese Stadt ist Sitz wichtiger Industrieunternehmen, darunter viele geheime Rüstungsschmieden. Hier hat auch das zivile Entwicklungsbüro »Alexejew« seinen Sitz in unmittelbarer Nähe zu den gewaltigen Strömen Wolga und Oka, die sich hier vereinigen. Der gewaltigste und größte Fluss Europas spielt eine wichtige Rolle bei der Arbeit der russischen Ingenieure unter der Leitung von Rostislaw Jewgenjewitsch Alexejew. Hier sind Wissenschaftler einem merkwürdigen Effekt auf der Spur: Russische Piloten berichteten immer wieder, dass sich ihre Maschinen in Bodennähe anders verhielten als in luftigen Höhen, was aber nicht an der Konstruktion ihrer Kampfjets liegen konnte, da der Effekt bei Maschinen unterschiedlichen Typs auftrat. Der Begriff des »Bodeneffekts« war geboren.

Der Bodeneffekt

Die russischen Wissenschaftler vom Entwicklungsbüro Alexejew entdeckten, dass sich unter den Tragflächen und dem Rumpf eines schnell fliegenden Flugzeuges in Bodennähe eine Luftrolle bildete, die sich mit dem Flugzeugrumpf fortbewegt. Besser noch: Die Luftrolle verbesserte den Wirkungsgrad der Tragfläche und den aerodynamischen Wirkungsgrad des Flugzeugrumpfes, was den Bodeneffektflug sehr viel wirtschaftlicher als der Flug in größeren Höhen macht. Und einen weiteren Effekt kamen die russischen Wissenschaftler auf die Spur. Es ist das Wegfallen des unteren Teils der Wirbelschleppe. Diese entsteht am Ende der Tragfläche eines jeden Luftfahrzeugs und generiert den größten Teil des Luftwiderstandes eines Flugzeuges. Heutzutage versucht man bei Passagiermaschinen diesen Effekt zu dämpfen, indem man an Tragflächenenden so genannte »Winglets« anbringt – das sind die nach oben gebogenen Flügelenden. Die Wirbelschleppe tritt nur bei Flügen in der Höhe auf, da sie sich nur hier ausbreiten kann. In Boden- oder Wassernähe tritt dieser Effekt nicht auf, da er hier die Wirbelschleppe einfach abgeschnitten wird. Die geniale Idee Rostislaw Jewgenjewitsch Alexejews war nun ein Fahrzeug zu entwickeln, dass genau diese Effekte erfolgreich beseitigen sollte.

Die Geburtsstunde des Tragflächenbootes

Das Team um Alexejew entwickelt ein Tragflächenboot, das mit zunehmender Geschwindigkeit regelrecht über die Wolga schwebt. Unter dem Rumpf waren Flügel angebracht, die genauso wie bei einem Flugzeug wirkten. Hat das Boot eine gewisse Geschwindigkeit erreicht, hebt sich das Fahrzeug automatisch aus dem Wasser. Dadurch wird der Widerstand des Bootes gegenüber dem Wasser verringert, was es fast doppelt so schnell macht. Angespornt vom Erfolg des Prototyps entwirft Alexejew Tragflächenboote für bis zu 300 Personen. Die technologische Schmiede an den Ufern der Wolga vollbringt wahre technische Meisterleistungen, die bei den Offiziellen jedoch kaum Beachtung finden, was sich vor allem in mangelnder finanzieller Unterstützung äußert und den kleinen Betrieb sukzessive in den Ruin treibt. Das sollte sich jedoch auf einen Schlag ändern.
Durch Zufall wird im Jahre 1957 eines der Tragflächenboote anlässlich einer Staatsfeier in Moskau vorgeführt. Chruschtschow ist begeistert und erkennt auf Anhieb das militärische Potential, welches hinter der Entwicklung Alexejews steckt. Sofort wird der Techniker und Tüftler Alexejew mit dem Lenin-Orden honoriert, und was noch wichtiger ist, mit unbegrenzten Mitteln ausgestattet. Diese braucht Alexejew auch, denn der sowjetische Ingenieur hat eine bahnbrechende und noch nie dagewesene Idee. Sein neues spektakuläres Projekt soll ein Meilenstein in der Geschichte der Luftfahrt werden. Es ist die Kreuzung aus Schiff und Flugzeug. Im Gegensatz zu seinen Tragflächenbooten soll es keinem Boot ähneln, sondern vielmehr einem Flugboot.

Das Geheimprojekt beginnt – der Ekranoplan

Einen Namen für das neue Prestige-Geheimprojekt der sowjetischen Militärs ist schnell gefunden – es soll »Ekranoplan« (russ. EKRAN = Schirm; russ. PLANJOR = Gleitflugzeug) heißen. Die Sowjetregierung sichert dem Erfinder unbegrenzte Mittel, so dass die Arbeiten zu einem der größten Geheimprojekte der UdSSR zügig beginnen – und die Amerikaner haben keine Ahnung von all dem Treiben.
Innerhalb von nur fünf Jahren entwickeln die Konstrukteure und Wissenschaftler um Alexejew ein Gefährt, das seines gleichen sucht. Und – was noch viel wichtiger ist – Chruschtschow hält Wort. Er unterstützt das Projekt mit allem Notwendigen. Nach der fünfjährigen Projektphase bauen hunderte von Arbeitern rund um die Uhr an dem metallenen Ungetüm. Und tatsächlich, nach zwei Jahren ist der Lebenstraum Alexejews beeindruckende Realität. Der Ekranoplan ist fertig und mit einem Gewicht von 540 Tonnen mehr als gewaltig ausgefallen. Jetzt muss der Ekranoplan nur noch beweisen, dass er die von den Entwicklern geschürten Erwartungen auch erfüllt.

Monster

Im Oktober 1966 stehen die ersten Testflüge an. Hierfür wird der Koloss in eine entlegene Region des Kaspischen Meeres geschleppt. Die Erprobung des Ekranoplan verläuft mehr als zufriedenstellend. Es muss ein überaus beeindruckendes Bild gewesen sein, als das Fahrzeug mit lautem Donnern bei Tempo 350 Km/h aus dem Wasser erhob. Angetrieben wurde das Monster des Kaspischen Meeres von zehn Strahltriebwerken, von denen allein acht Triebwerke dafür notwendig waren, den Ekranoplan aus dem Wasser zu heben. Die theoretisch errechnete Spitzengeschwindigkeit sollte bei 750 km/h inklusive 280 t Nutzlast liegen. Und tatsächlich erreichte der Ekranoplan schon beim ersten Test die Spitzengeschwindigkeit mühelos.

1967 wurde das Projekt Ekranoplan an die Militärs abgegeben. Die Rote Armee wollte den Ekranoplan auf seinen militärischen Einsatz hin prüfen. Die Erprobung fand auf einer streng geheimen Basis an der Küste des Kaspischen Meeres statt. Dies dürfte der Zeitpunkt gewesen sein, als die amerikanischen Spionagesatelliten erstmals das neue Bodeneffektfahrzeug entdeckten. Die Militärs waren schon nach kurzer Zeit mehr als begeistert. So könnte es beispielsweise als schwimmende Abschussbasis für Raketen, als Landungsboot oder als schneller Transporter für Truppen und Kriegsgerät eingesetzt werden. Und vor allem im Einsatz gegen feindliche Schiffe scheint der Riese ideal zu sein. Der flach gehaltene Ekranoplan ist vom Radar kaum zu erfassen! Zudem waren die Militärs der Roten Armee von der Wirtschaftlichkeit des Riesen mehr als beeindruckt. Sobald der Bodeneffekt erreicht wurde mussten nur noch 2 der 10 Triebwerke arbeiten, um den Ekranoplan voll beladen auf stabiler Flughöhe und Geschwindigkeit zu halten. Die anderen Triebwerke werden nach Erreichen des Bodeneffekts und der Reisefluggeschwindigkeit einfach abgeschaltet.

So verheißungsvoll und erfolgreich die Test auch begannen und beendet wurden – der Ekranoplan ging niemals in Serie. Die neue Superwaffe kam einfach zu spät. Der Ekranoplan wurde Opfer der massiven Beschneidung des sowjetischen Rüstungsetats und wechselnder politischer Verhältnisse in der ehemaligen Sowjetunion. Die weitere Entwicklung des Kampf-Ekranoplan zur Serienreife wurde gestoppt und die bereits gebauten Exemplare des Ekranoplans eingemottet. Derzeit gibt es noch zwei Exemplare, die ein einem Hangar in der Nähe des Kaspisees eingemottet sind und ihn auch nicht mehr verlassen werden.

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1 Kommentar

  1. Danke für den interessanten Beitrag. Bei Wasservögeln kann man oft beobaachten, dass sie sich diesen Effekt zunutze machen, insbesondere Schwäne lieben es, kanpp über dem Wasser zu fliegen.

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