Der erste Hacker war ein Magier

HackerHacker gibt es nicht erst seit dem Zeitalter des Computers, Internets und NSA. Der erste Hackerangriff in der Geschichte der Telekommunikation fand bereits im Jahr 1903 statt, als sich ein relativ unbekannter Magier mit dem mächtigen Funkpionier, Erfinder des Radios und Selfmade-Millionär Gulglielmo Marconi anlegte und diesen bis auf die Knochen blamierte!

 

Gulglielmo Marconi, Sohn reicher Eltern und begnadeter Tüftler mit Geschäftssinn, hatte einen großen Traum – die drahtlose Telegrafie. Marconi glaubte nicht an transatlantische Unterseekabel, die eine weltweite Kommunikation ermöglichen sollten. Seine Visionen galten den drahtlosen Telegrafen. Doch wo immer Marconi mit seinen Visionen überzeugen wollte, stieß er auf erbitterten Widerstand. Viele maßgebliche Entscheider bei Militär und staatlichen Behörden bezweifelten die Zuverlässigkeit der Funktelegrafie. Und, obwohl Marconi auf ein stattliches Vermögen zurückgreifen konnte und über sehr gute Kontakte zu Wirtschaft, Politik und Militär verfügte, konnte er die  Verantwortlichen an den entsprechenden Stellen nicht »überzeugen«. Speziell die Obersten beim Militär hielten mit ihrer Skepsis nicht hinterm Berg. Seit 1898 versuchte Marconi vergebens die britische, amerikanische und kanadische Kriegsmarine zu bewegen, seinen Funktelegrafen eine Chance zu geben. Auch damals schon war das Thema Datensicherheit ein wichtiger Aspekt und hier konnte Marconi einfach nicht überzeugen, was auch immer er den Verantwortlichen vortrug. Selbst im Zivilbereich gab es herbe Rückschläge. So verweigerte beispielsweise im März 1902 der britische Postminister Lord Londonderry die Zulassung für einen der drahtlosen Marconi-Telegrafen.

Hacker
Guglielmo Marconi vor einem seiner drahtlosen Telegrafen.

Das Blatt schien sich am 18. Januar 1903 zu wenden. Irgendwie hatte es Marconi auf Grund seiner guten Verbindungen geschafft, eine öffentliche Demonstration seines Funktelegrafen zu organisieren. Und die Teilnehmer waren nicht etwa irgendwelche Bürokraten aus den zuständigen Behörden, sondern US-Präsident Theodore Roosevelt und Edward VII., König von England. Beide tauschten Grußbotschaften quer über den Atlantik aus – und zwar drahtlos! Marconi schien es geschafft zu haben. Hatte er doch bewiesen, dass seine Funktelegrafen mehr waren, als ein technisches Kuriosum. Endlich hatte man begriffen, dass die Zukunft der Telegrafie drahtlos war. Transatlantikkabel schienen von nun an überflüssig! Doch Marconis Siegessicherheit war voreilig, er wurde ein Opfer seiner Arroganz und Selbstverliebtheit. Es war die Schifffahrt, die ihm einen Strich durch die Rechnung machte.

Obwohl im Bereich der Schifffahrt Marconis Funkanlagen bereits eingesetzt wurden, hatte der Unternehmer hier mit Mitbewerbern zu tun, die ebenfalls um die wirtschaftliche Vorherrschaft kämpften. So rüstete die deutsche Kriegsmarine ab 1902 ihre Schiffe mit Konkurrenzprodukten von AEG aus. Marconi musste etwas tun, um die Akzeptanz seiner Funktelegrafen weiter unter Beweis zu stellen. Er setzte seine PR-Maschinerie in Gang und brach diverse Rekorde, um die Leistungsfähigkeit seiner Technik unter Beweis zu stellen. So sandte Marconi beispielsweise im September 1902 »Grüße« von Bord seiner Yacht »Carlo Alberto« über eine Distanz von mehr als 1.200 Kilometern. Der PR-Erfolg blieb jedoch weitgehend aus. Zwar hatte Marconi die Leistungsfähigkeit und Langstreckentauglichkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, doch die gesendeten »Aerogramme« waren nicht abhörsicher. So wurden Marconis Funknachrichten beispielsweise in England empfangen und zwar mit Geräten, die gar nicht nach den von Marconi patentierten Techniken gebaut worden waren. Ein fataler Fehlschlag!

Der Magier, der mithörte

Seine Name war Nevil Maskelyne, seines Zeichens populärer Bühnenmagier und Funk-Enthusiast. Und er war jener Zeitgenosse, der Marconi in seine Schranken weisen sollte. Maskelyne war sehr betucht, ihm stand immens viel Geld für seine ausgefallenen Hobbys zur Verfügung. Das Vermögen hatte er seinem Vater zu verdanken, der die Münztoilette erfunden hatte und damit ein mehr als stattliches Vermögen gemacht hatte. Maskelyne misstraute Marconis Versprechungen. Er war es, der seine erfolgreichen Abhörprotokolle öffentlich machte und Marconi damit diskreditierte. Der Magier hatte bewiesen, dass Marconis angeblich abhörsichere Funknachrichten auch mit Geräten abgehört werden konnten, die nicht von Marconi stammten. Es war eine glatte Lüge Marconis, dass der Empfänger auf die gleiche Frequenz wie der Sender ausgerichtet werden mussten, um die Nachrichten abzuhören. Er forderte Marconi öffentlich heraus, das Gegenteil zu beweisen. Marconi war brüskiert. Der Italiener hatte sich schon seit geraumer Zeit regelrecht verrannt, was ihm zum Verhängnis werden sollte. Marconi nahm die Herausforderung an. Angeblich hatten maßgebliche Wissenschaftler seine Experimente beobachtet und für Gut befunden. Sein »bestes Pferd im Stall« war dabei der sehr bekannte britische Physiker John Ambrose Fleming. Der hatte Marconis Behauptungen mehrfach in der Öffentlichkeit bestätigt, dass sein System absolut abhörsicher und somit sicher sei.

Im März 1903 tappte Marconi in Maskelyne Falle. Marconi wollte eine spektakuläre Demonstration seiner Technik öffentlich vorführen und zwar im Rahmen zweier Vorlesungen von Fleming vor der Royal Society. Marconi war sich seiner Technik sehr sicher. Zudem hatte er ja seinen Joker Fleming im Ärmel. So kam es am 4. Juni 1903 zur technischen Demonstration des »abhörsicheren« drahtlosen Telegrafen während Flemings Vorlesung zum Thema »Elektrische Resonanz und drahtlose Telegrafie«. Marconi saß in seiner Funkstation im 420 Kilometer entfernten Poldhu. Nur wenige Meter von der Royal Society entfernt hat sich Maskelyne mit einem kleinen Sender platziert. Ganz bewusst hatte er diesen auf eine völlig andere Frequenz als jene eingestellt, die Marconi zum Senden benutzte. Gelänge es Maskelyne, Flemings Empfänger von einer benachbarten Frequenz aus anzusprechen, wäre Marconi und Fleming erledigt. Um 17.45 Uhr begann der Telegraf Flemings eine Nachricht zu Papier zu bringen. Es war eine kryptische Nachricht: »Ratten Ratten Ratten Ratten Ratten Ratten..« gefolgt von einem Sportgedicht auf Marconi »There was a young fellow of Italy, Who diddled the public quite prettily…«. Als die eigentliche Marconi-Nachricht beginnen sollte, brach der Störfunk Maskelynes ab. Marconi und Fleming waren bis auf die Knochen blamiert!

Guglielmo Marconi äußerte sich nach diesem Desaster nie wieder zum Aspekt der Abhörsicherheit seines Funksystems. Trotzdem wurde die Geschichte des analogen Funks eine sehr Erfolgreiche. Marconi erholte sich sehr schnell von der erlittenen Schmach – er erhielt im Jahr 1909 den Nobelpreis für Physik, zusammen mit seinem Wissenschaftskollegen und Konkurrenten Ferdinand Braun. Und Nevil Maskelyne? Maskelyne machte sich bis zu seinem Tod 1924 als Buchautor, Zauberer, Astronom und Filmpionier einen Namen.

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