Der große »Datenklau«

DatenklauDaten, Ideen, Erfindungen und Patente sind das Gold moderner Industrienationen und damit sehr wertvoll und für Konkurrenten sehr begehrenswert, um die eigene Marktposition zu stärken bzw. Wissensdefizite zu kompensieren. Doch wer glaubt, dass Wirtschaftsspionage eine Erscheinung des Internet-Zeitalters ist, der irrt. Des Nachbars Äpfel waren schon in der Antike die Interessantesten. Industriespionage und Datenklau gibt es schon seit vielen Tausend Jahren. Die spektakulärsten Fälle von Informations- und Produktdiebstahl beginnen bereits im antiken Rom und Griechenland.

Fall 1: Der Bruch des chinesischen Seidenmonopols

Die chinesische Kaiserin Se-ling-schi gilt als »Erfinderin« bzw. Entdeckerin der Seide, als sie im dritten Jahrtausend vor Christus zufällig in ihrem Palastgarten die Kokons der Seidenraupe entdeckte. Sie war ebenfalls die Erste, die herausfand, wie man Raupen züchtet und aus den Kokons Seide gewinnt. Auch heute noch verehrt man in China Se-ling-schi als Schutzherrin der Seide. Bis hinein ins sechste Jahrhundert nach Christus blieb die Seidengewinnung und Zucht der Seidenraupen ein streng gehütetes Geheimnis, was im fernen Europa Begehrlichkeiten weckte, denn auch hier war man der Anmut und Schönheit des edlen und kostbaren Stoffes verfallen. Seide importierten die Europäer aus dem fernen China über einen 10.000 Kilometer langen Handelskarawanenweg – der Seidenstraße. Das Seidenmonopol ließen sich die Chinesen teuer bezahlen und verdienten unvorstellbare Reichtümer mit dem Verkauf der Seide. Eine unerträgliche Situation für europäische Händler! Also beschloss man, die Seidenraupe nach Europa über Indien und Byzanz zu »entführen«. Der geheime Transfer nach Byzanz dauerte mehr als zwanzig Jahre. Schließlich machten sich 522 zwei byzantiner Mönche auf den Weg Byzanz und schmuggelten in ihren Wanderstöcken die wertvolle Seidenfracht nach Europa. Dies war der Startschuss für die Seidenraupenzucht im Mittelmeerraum. Das chinesische Monopol war gebrochen, obwohl es noch eine sehr lange Zeit brauchte, die Qualität der original chinesischen Seide zu erreichen.

Fall 2: Wie das Papier nach Deutschland kam

Das Papier, wie wir es heute kennen, haben die Chinesen erfunden. Bereits im Jahre 105 n. Chr. verwendete laut Überlieferungen der chinesische Minister Tsái Lun erstmalig Papier. Ob er es allerdings selbst erfunden hat oder lediglich eine bereits bekannte Technik verfeinerte und bekannt gemacht hat, ist nicht bekannt. Bereits im Jahre 650 bezahlten die Chinesen mit Papiergeld. Dies war wohl der Zeitpunkt, als der Siegeszug des Papiers begann. Erstaunlicherweise dauerte es aber noch viele Jahrhunderte, bis sich die Verbreitung in Europa durchsetzte. 1144 entstand die erste europäische Papiermühle im spanischen Xativa in der Nähe Valencias. Hier wurde das erste Mal überhaupt auf dem europäischen Kontinent professionell Papier hergestellt. Der Nürnberger Kaufmann und Gewürzhändler Ulman Stromer wollte sein Handelsspektrum erweitern und setzte dabei ebenfalls auf die Produktion von Papier. Zu dumm nur, dass er davon kaum Ahnung hatte und es in deutschen Landen noch keine Produktionsstätte für Papier gab. Kurzerhand machte sich Ulman Stromer im Jahre 1389 auf den Weg in Richtung des damals arabischen Andalusien mit dem festen Ziel vor Augen, die Rezeptur zur Herstellung von Papier nach Deutschland zu »importieren«. Er hatte Erfolg und schmuggelte das erworbene Wissen nach Nürnberg. Hier entsandt daraufhin 1390 die erste deutsche Papiermühle mit dem Namen »Gleismühl«.

Fall 3: Die Fugger und der Monsunwind

Der Monsunwind ist weit mehr als ein gewöhnliches Wetterphänomen – er war Grundvoraussetzung der Seehandelsaktivitäten seit der Antike. Die Monsune wechseln halbjährlich ihre Richtung: Im Sommer wehen sie von Südwesten und im Winter von Nordosten. Dank des Monsuns ist es möglich von Südarabien einen direkten Kurs über den Indischen Ozean zur Malabarküste Indiens zu segeln und bei Wechsel der Jahreszeiten wieder problemlos auf dem gleichen Seeweg zurück. Arabische Händler nutzten diese Route, um ihr Gewürzmonopol auszubauen und zu manifestieren. Über viele Jahrhunderte gehörte diese Passage zwischen Afrika und dem indischen Subkontinent zu den am besten gehüteten Geheimnissen der antiken Seefahrt bis hinein ins Mittelalter. Die Ersten die an der Monopolstellung der arabischen Handelshäuser etwas ändern wollten waren die Fugger. Das Augsburger Handelshaus wollte direkt mit den Händlern in Indien Handel treiben, wussten aber nichts von den monsunbegünstigten Seewegen bzw. hatten nur eine vage Vorstellung, wie die begehrten Güter von Indien nach Arabien kamen. Also sandte man kurzerhand „Werksspione“ aus, um zu erfahren, wie der Warentransport zwischen Arabien, Indien und den asiatischen Ländern konkret vonstattenging. Die Erkenntnis, dass es einen ganz speziellen Wind gibt, war für die Fugger von elementarer Bedeutung, verwirklichte sie doch den Schiffsverkehr und den Handel mit den asiatischen Ländern, die über einen ungeheuren Reichtum, besonders an Gewürzen und Rohstoffen, verfügten. Zudem schloss man die unerwünschten arabischen Zwischenhändler aus. Das Monsungeheimnis war nun keines mehr.

Fall 4: Der Tulpenwahn

Ein weiterer Fall von Industriespionage betrifft ein eher unschuldiges Gewächs – die Tulpe. In den Jahren 1637 bis 1643 herrschte in Europa und ganz speziell in Holland ein wahrer Tulpenwahn. Mit seltenen Tulpenzwiebeln wurden riesige Summen erzielt. Hielt man etwas auf sich, musste man unbedingt die schönsten, edelsten und seltensten Tulpen besitzen. Es wurden unvorstellbar hohe Summen bezahlt: allein für die Sorte »Semper Augustus« 13000 Gulden, für »Admiral Enkhuizen« 6000 Gulden und für »Vizekönig« über 4000 Gulden. Spekulationen und Betrügereien um die Tulpenzwiebeln waren plötzlich an der Tagesordnung. Das rief Begehrlichkeiten der europäischen Nachbarländer auf die Tagesordnung, die nun ihrerseits ebenfalls ins lukrative Tulpengeschäft einsteigen wollten. Nur fehlte die Grundlage, um eine erfolgreiche Zucht aufzubauen – die Tulpenzwiebel. Also stahl man Tulpenzwiebel der schönsten und teuersten Exemplare und transferierte diese ins Ausland. Ein nachhaltiger Zuchterfolg blieb jedoch aus. Das lag vielleicht auch daran, das der Tulpenwahn nur einige wenige Jahre dauerte – ein zu kleiner Zeitraum, um eine erfolgreiche Tulpenzucht aufzubauen. Der Knowhow-Vorsprung der holländischen Tulpenzüchter war einfach zu groß. Zudem machte ein Gesetz der Tulpenspekulation ein jähes Ende.

Fall 5: Peter der Erste und der Schiffbau

Der russische Zar Peter der I. höchstpersönlich war ein Wirtschaftsspion seiner Zeit – natürlich nur zum Nutzen seiner Nation, wollte er doch eine Flotte ähnlich der damals vorherrschenden holländischen Flotte aufbauen. Dazu heuerte er seit 1687 die besten ausländischen Spezialisten an, in dem er ihnen Unsummen an Geld bot, um an das Knowhow der ausländischen Werften heranzukommen. All diese Bemühungen zündeten aber nicht so recht, so dass er sich in eigener Person 1697/98 – und zwar undercover – Richtung Holland aufmachte, um dort in einer Werft eigene Erfahrungen zu sammeln. Sein Ziel war Zaandam, da die dort ansässige Werft sehr erfolgreich Handelsschiffe baute. Kurzerhand schrieb er sich in der Werft als Pjotr Michailow ein, kaufte sich das notwendige Werkzeug, kleidete sich wie ein Zimmermann, arbeitete auf Werft und sammelte akribisch immens wertvolle Erfahrungen. Bereits nach etwas mehr als einer Woche flog er allerdings auf. Daraufhin kehrte Peter I. nach Amsterdam zurück und arbeitete dort hochoffiziell monatelang als normaler Balkenschlepper beim Bau der Fregatte »Peter und Paul«. Nachts studierte er die zugehörige Theorie, die er so notwendig brauchte, um seine eigene Flotte aufbauen zu können.

Fall 6: Der Wirtschaftskrieg um das Porzellan

Die Wirtschaftsspionage des 18. Jahrhunderts steht im Zeichen des Porzellans. Man wollte unbedingt auf europäischen Boden Porzellan herstellen und nicht mehr auf die chinesischen Manufakturen angewiesen sein, die das »weiße Gold« teuer verkauften. Zum Glücke hatte man einen Spion in Person eines Jesuitenmönchs vor Ort, der eigentlich in missionarischer Aufgabe unterwegs war. 1712 gelang es dem französischen Jesuitenmönch, die industriellen Anlagen zur Porzellanherstellung detailliert zu skizzieren und die kaiserliche Manufaktur zu beschreiben. Dieser asiatisch-europäische »Wissenstransfer« diente den Europäern als Grundlage, um das Geheimnis des hauchdünnen und dabei sehr widerstandsfähigen chinesischen Porzellans zu lüften. Das Wissen des Jesuiten muss sich wohl auch ein gewisser Johann Friedrich Böttger zu eigen gemacht haben. Er baute auf der Albrechtsburg in Meißen, im Dienste des Kurfürsten von Sachsen, eine eigene Manufaktur auf. Seit 1717 gelang es Böttger weißes Porzellan zu brennen, das allerdings in Qualität und Aussehen noch nicht den chinesischen Standard erreichen konnte. Die Mitarbeiter Böttgers wurden bei Verrat des Porzellangeheimnisses mit lebenslänglichem Gefängnis bedroht. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und drakonischen Strafen erreichte Böttgers Geheimnis schon neun Jahre später die österreichische Hauptstadt Wien, wo ab dann ebenfalls Porzellan hergestellt wurde.

Fall 7: Friedrich II. möchte die Dampfmaschine

1777 erhält der englische Ingenieur und Tüftler James Watt, nach jahrelangen Bemühungen, den Auftrag zum Bau einer Dampfmaschine. Diese neuartige Maschine soll vor allem das Grundwasser aus den englischen Kohleminen befördern. Innerhalb weniger Monate entsteht das technische Meisterwerk, welches jedoch bei der Generalprobe versagt. Man munkelt damals, Sabotage sei im Spiel gewesen. Obwohl der Jungferntest fehlschlägt, macht die Kunde von der revolutionären Erfindung Watts Runde bis ins ferne Preußen. Friedrich der Große möchte Watts Dampfmaschine unbedingt für die preußischen Minen und weist seine Bergbauexperten an, mit Watt über die Lieferung einer einzelnen Maschine nach Deutschland zu verhandeln. Doch Watt ahnt, das Preußen seine Erfindung nachbauen möchte, und lehnt dankend ab. Kurze Zeit später tauchen zwei Männer aus Preußen in Watts Werkstatt auf und spionieren sämtliche Details der Dampfmaschine aus. Doch leider ist es damit nicht getan, es gelingt nicht, die Maschine nachzubauen. Daraufhin schickt man wieder einen Spion nach England, um diesmal einen Mechaniker Watts abzuwerben. Es klappt! Mit Hilfe des englischen Verräters gelingt tatsächlich der Nachbau einer Wattschen Dampfmaschine. Am 23. August 1785 pumpt sie erstmals mit bis zu 16 Hüben pro Minute Wasser aus der Tiefe.

Fall 8: Die Krupps und das Geheimnis des englischen Stahls

Im Jahre 1811 gründete der deutsche Unternehmer Friedrich Krupp die Gussstahlfabrik »Friedrich Krupp« in Essen sowie die »Gesellschaft zur Herstellung und Verarbeitung von englischem Stahl«. Der englische Stahl bzw. dessen Zusammensetzung war seinerzeit ein wohlgehütetes Geheimnis, welches Friedrich Krupp unbedingt für seine wirtschaftlichen Ziele aufdecken wollte. Er gab ein immenses Vermögen aus, damit Spione die Mixtur des englischen Stahls auf deutschen Boden holen – mit wenig Erfolg. Die kruppschen Werksspione betrogen ihn und seine Investitionen waren verloren. Sein Sohn Alfred Krupp wollte das Ansinnen seines erfolglosen Vaters fortsetzen und unternahm höchstpersönlich eine ausgedehnte englische »Bildungsreise« und ließ sich unter anderem Namen die Produktionsanlagen zeigen. Schließlich gelang es ihm 1839 die richtige Rezeptur zur Stahlherstellung zu erfahren und nach Deutschland zu bringen. Klever wie er war zog er Konsequenzen aus seiner eigenen Dreistigkeit und etablierte einen bis dato noch nicht gesehen Werksschutz, um nicht selbst Opfer von Erkundungsattacken anderer Unternehmen zu werden. Alfred Krupp sorgte er für die größtmögliche Absicherung seiner Fabrikationsgeheimnisse nach innen und zugleich knüpfte er ein weit entwickeltes Spionagenetz nach außen.

Fall 9: Kautschuk – das Gold des Industriezeitalters

Obwohl Kautschuk schon seit dem frühen 18. Jahrhundert bekannt ist, gelang es erst 1841 dem Amerikaner Charles Goodyear eine innovative Methode der Kautschukverarbeitung zu entdecken. Er nannte sie Vulkanisieren. Damit schuf er die Grundlage der Kautschukindustrie, deren wirtschaftliche Bedeutung sofort weltweit erkannt wurde. Damit wurde Goodyear ein erstklassiges Objekt in Sachen Wirtschaftsspionage. Trotz Geheimhaltung, vieler Patente und zahlreicher Prozesse gelangte die Technologie des Vulkanisierens schnell nach England und wurde dort dreist kopiert. Goodyear starb völlig mittellos 1860 in New York als hochverschuldeter Mann. Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Die Gummiindustrie boomte, sodass als Folge die Rohstoffversorgung knapp wurde. Die Brasilianer waren damals Hauptlieferant für Naturkautschuk und sehr misstrauisch und vorsichtig, ahnten sie doch schon, dass ihr Naturkautschuk wertvoller als Gold war. Sie waren strengstens hinterher, wenn es darum ging, den Samen des Hevea, des Kautschukbaumes, zu schützen. Es half alles nichts: 1876 gelang es dem englischen Abenteurer Henry Wickham große Mengen des Samens an sich zu bringen und nach England zu schmuggeln. Dort züchtete man Setzlinge aus dem Samen und verschiffte diese anschließend in die englischen Kronkolonien Indien, Ceylon und Borneo, um sie dort zu kultivieren. Schon wenige Jahre später exportierte England über drei Millionen Tonnen Gummi jährlich und England hatte seine eigene Kautschukindustrie. Ihre Majestät Königin Viktoria zeigte sich »very amused« und erhob den Wirtschaftsspion Henry Wickham in den Adelsstand.

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