Der Herr der Eisberge

Trinkwasser ist ein kostbares Gut. Und es wird immer wertvoller, je knapper es wird.  Lediglich 2,5 Prozent des weltweiten Wasservorkommens bestehen aus Süßwasser. Hiervon wiederum ist weniger als ein Prozent für den Menschen nutzbar. Ein Großteil des wertvollen Rohstoffes ist als Eis in arktischen Regionen gebunden und schmilzt Jahr für Jahr in den Atlantik hinein, ohne genutzt zu werden. Warum also nicht ganze Eisberge in die Trockengebiete dieser Welt zu schaffen, die unter akuten Trinkwassermangel leiden. 

Georges Mougin ist Phantast, Visionär, Träumer, begnadeter Ingenieur – und das alles in einer Person. Schaut er auf einen Eisberg, sieht er in erster Linie nicht dessen kühle Schönheit, sondern vielmehr ein potentielles gigantisches Süßwasserreservoir sowie eine technische Herausforderung, die nur darauf wartet, in die Tat umgesetzt zu werden. Und damit geht er ein Problem an, dass dringender denn je einer Lösung bedarf! Es geht um die immer knapper werdende Ressource Süßwasser. Der lebenswichtige Rohstoff ist ein wertvolles und lebenswichtiges Gut, das global in immer größeren Mengen benötigt wird – angefangen beim Entwicklungsland bis hin zur industriellen Großmacht. Die Lage ist ernst, sehr ernst und sie wird immer akuter. Derzeit leben etwa eine Milliarde Menschen ohne sauberes Trinkwasser bzw. leiden unter Wassernot. Und der Klimawandel macht die Situation noch schlimmer.

Grönland und die Lösung des Trinkwasserproblems

George Mougin weiß das alles und er möchte unbedingt etwas dagegen tun! Jedes Jahr brechen mehr als 350 Milliarden Tonnen Eis von Grönland ab und schmelzen im Salzwasser des Ozeans dahin, ohne dass die wertvolle Ressource in irgendeiner Art und Weise genutzt werden würde. Für George Mougin steht fest: Grönland ist nicht nur die größte Insel der Welt, für ihn ist sie eine der größten Trinkwasserreserven auf unserem Planeten, tiefgefroren in Eisbergen und Gletschern. Der Eispanzer Grönlands ist teilweise mehr als drei Kilometer dick und die zweitgrößte Eisfläche nach der Antarktis. Würden die gewaltige Eismasse Grönlands auf einen Schlag schmelzen, stiege der Meerespegel weltweit um ungefähr sieben Meter. Es ist seit vielen Tausenden von Jahren immer wieder dasselbe Schauspiel: Die Gletscher Grönlands wachsen, indem sich nach und nach die Schneemassen zu Eis verdichten. Heutzutage bedeckt eine gewaltige Eiskappe annähernd 95 Prozent der Insel. Mit kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit gleitet die riesige Menge gefrorenen Süßwassers hinab zum Meer, wo der Eispanzer an der Küste ins Meer bricht und somit gewaltige Eisberge entstehen.

Eisberge
Den Eisberg im Schlepptau. © Dassault Systèmes

Mougins Plan erscheint bei erster Betrachtung in seiner Einfachheit bestechend einfach und faszinierend zugleich und offenbart seine technologischen Herausforderungen und Tücken erst bei genauerer Betrachtung. Prinzipiell geht es um nichts anderes, als einen Eisberg ins Schlepptau zu nehmen, und so schnell wie möglich dahin zu befördern, wo dringend Süßwasser benötigt wird. Das klingt einfacher, als es jedoch ist. Um einen Koloss von unvorstellbarer Masse an den Haken zu nehmen, bedarf es exakter wissenschaftlich-technischer Vorbereitungen.

Der richtige Eisberg muss es vor allem sein

Zunächst muss erst einmal das passende Exemplar gefunden werden. Eisberge gibt es in den verschiedensten Formen. Ideal ist dabei jedoch nur Einer – der Tafeleisberg, benannt nach seiner flachen Oberfläche. Und hier heißt es Geduld haben. Und die Natur spielt den Wissenschaftlern in Form des Baffinstroms und des Labradorstroms in die Hände. Die Eisberge gehen dank der beiden Strömungen auf eine lange, mehr als 3000 Kilometer weite Reise, bis vor die Tore Neufundlands, wo Mougin und sein Team nur noch nach dem passenden Prachtexemplar Ausschau halten müssen. Diese natürlichen Strömungen haben den Vorteil, dass Mougins Team die Eisberge nicht mehr soweit im Norden einfangen müssen. Die Eisberge wandern quasi wie auf einem Präsentierteller an ihnen vorbei – so der Plan. Aber auch hier ist Mougin auf Hilfe angewiesen. Die Männer und Frauen der »International Ice Patrol« sollen den richtigen Eisberg finden, wenn es soweit ist. Diese wichtige Gesellschaft ist für die Überwachung von Eisbergen im Nordatlantik zuständig und wurde 1914 nach dem Unglück mit der Titanic gegründet. Nur diese Profis verfügen über eine effektive Luftaufklärung und die Erfahrung in Sachen Eisberge, die notwendig ist, einen passenden Kandidaten zu finden. Sie bestimmen nicht nur die exakte Lage des Eisbergs, sondern geben auch Informationen über Größe, Form und Zustand des Eisbergs. Anhand dieser Größen können Mougins Eisexperten in Zusammenarbeit mit der International Ice Patrol prognostizieren, wie sich der Eisberg in nächster Zeit verhalten, ober er massiv schmelzen wird oder gar zu zerbrechen droht – Parameter, die für die Atlantik-Überquerung eine wichtige Rolle spielen.
Ist der potentielle Kandidat gefunden, muss alles sehr schnell gehen. Hier ist man auf die Hilfe eines Unterwassertauchroboters angewiesen. Er muss den Eisberg unterhalb der Wasserlinie scannen, denn auch da muss er das richtige Profil aufweisen. Ein eingebautes Sonar ermöglicht den Wissenschaftlern Daten über die Größe und Struktur des Kolosses unter Wasser zu sammeln. Diese Informationen sind dringend notwendig, um ein virtuelles 3D-Modell des Eisberges zu erstellen. Nur mit Hilfe der ausgeklügelten virtuellen 3D-Simulation und der darin verarbeiteten Daten lässt sich die wichtige unsichtbare Unterwasserseite des Eisbergs untersuchen.

Eisberge
Die Eisberge müssen unterhalb der Wasserlinie verpackt werden. © Dassault Systèmes

Stimmen die Eckdaten des Eisbergs mit den Wunschvorstellungen weitgehend überein, kann es ans verpacken des Giganten gehen. Dies ist notwendig, um ein massives Abschmelzen zu verhindern. Hierzu muss der Austausch zwischen Eis- und Seewasser verringert werden, was eine ganz spezielle Textilie erreichen soll. Die Idee hierzu kam Mougin in den österreichischen Alpen, wo diese Textilie Einsatz findet, um das Abschmelzen der Gletscher zu verlangsamen. Im ersten Schritt sollen zwei Schlepper den Eisberg umkreisen und eine Schürze an den Flanken des Eisbergs anbringen, die einen Kilometer lang und zwölf Meter hoch ist. Diese Schürze schützt die Flanken des Eisbergs gegen Erosion, die durch Wellen und Seegang verursacht werden. Die Schürze verkrallt sich so in den Eisberg, dass ein Abstand von einigen Zentimetern zwischen Eis und Textil verbleibt. Säcke, die unterhalb der Schürze hängen dienen zunächst als Ballast entfalten sich aber anschließen und geben die Bahnen des Spezialtextils frei, der sich als kompletter Schutzmantel um den Eisberg schmiegt.
Dass der Plan funktionieren könnte, haben diverse Computersimulationen bewiesen, die sich nur mit dem Abschmelzen des Eisbergs beschäftigt haben. Die Wirksamkeit des Wasserpuffers zwischen Eis und Meeresumgebung in Verbindung mit der Spezialtextilie haben die Effizienz beweisen. Ein Abschmelzen kann zwar nicht verhindert werden. Es wird aber sichergestellt, dass ein ausreichend großer Eisberg das Ziel erreicht, der immerhin noch zwei Drittel seiner originären Masse aufweisen kann.

Nicht abschleppen, sondern lenken!

Wurde der Eiskoloss erfolgreich verpackt muss er letztendlich transportiert werden. Hier stellt sich vor allem die Frage, welches Schiff geeignet sein könnte, einen 7 Millionen Tonnen schweren Eisberg zu schleppen. Das Gewicht entspricht ungefähr der Masse von 25 Supertankern. Praktischerweise gibt es derartiges Schiff nicht, braucht es aber auch nicht, da die Schleppkraft des Schiffes nicht dem Gewicht des Eisbergs entsprechen muss. Das Schiff – in diesem Fall soll die »Argonaute« den Job übernehmen – muss lediglich lenken und nicht abschleppen. Vielmehr sollen die nordatlantischen Meeresströmungen genutzt werden, um den Eisberg ans Ziel zu bugsieren. Der Schlepper soll nur hier und da korrigierend eingreifen. Auch hier haben diverse Simulationen bereits sehr erfolgreiche Ergebnisse erbracht. Das kontrollierte Treiben nutzt die Strömungen, den Wind und die Wellen aus soweit als möglich statt gegen sie anzukämpfen. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 1,5 Stundenkilometern treibt der Eisberg dann Richtung Teneriffa und wird dort eines Tages für ungläubiges Staunen sorgen.
George Mougin hat einen Traum und er ist dessen Erfüllung näher denn je. Unzählige Simulationen haben bewiesen, dass es möglich ist – und das sogar mit einer hervorragenden Ökobilanz! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Investoren aufs Boot bzw. den Eisberg springen. Oder vielleicht einigt sich die EU darauf, ein entsprechendes Projekt zu unterstützen.

Info-Kasten: Der Welt-Wasserkreislauf
Eigentlich ist es nicht die Gesamtmenge an Süßwasser, die von Bedeutung ist, sondern vielmehr die Geschwindigkeit, mit der die Süßwasservorräte durch den Wasserkreislauf der Erde erneuert bzw. nachgeliefert werden. Der Motor dieses überlebenswichtigen Kreislaufs ist die Sonne. Dieser Kreislauf beschert uns jedes Jahr etwa 113.000 Kubikkilometer Wasser in Form von Regen und Schnee. Leider verdunsten davon etwa 72.000 Kubikkilometer wieder in die Atmosphäre. Der Rest, etwa 41.000 Kubikkilometer, füllen die Grundwasservorräte auf bzw. gelangen durch Flüsse wieder ins Meer. Mehr als die Hälfte davon (28.000 Kubikkilometer) fließen bei Überschwemmungen ungenutzt ins Meer, weitere 5.000 Kubikkilometer fließen durch dünnbesiedelte Gebiete, die von menschlichen Siedlungen so weit entfernt sind, daß es nicht genutzt werden kann. Damit liegt die für uns nutzbare, sich erneuernde Süßwassermenge zwischen 9.000 und 14.000 Kubikkilometer pro Jahr.

Info-Kasten: Wasser im Überfluss?
Unser blauer Planet ist in Sachen Trinkwassernutzung ein Trugbild des vermeintlichen Überflusses. Die Erde ist zu 70 Prozent von Wasser bedeckt. Doch leider befinden sich 97,5 Prozent der weltweiten Wasservorkommen als Salzwasser in den Meeren. Diese gigantischen Wasserreserven sind für den Menschen weder als Trinkwasser noch zu Bewässerungszwecken in der Landwirtschaft unmittelbar nutzbar. Zudem kommt erschwerend hinzu, dass von den rechnerisch verbleibenden 2,5 Prozent Süßwasser rund 70 Prozent in den Eisschichten von Nord- und Südpol und in Gletschern gebunden und somit für den Menschen ebenfalls nicht nutzbar sind. Nur die übriggebliebenen 30 Prozent, die als Grundwasser im Boden bzw. in Seen und Flüssen vorhanden sind, kann der Mensch als Rohstoff nutzen. Um es noch deutlicher zu machen: Nur ein Prozent des Süßwassers und das sind 0,007 Prozent des auf der Erde befindlichen Wassers, sind für den Menschen unmittelbar nutzbar. Hätten die weltweiten Wasservorräte in einer Badewanne Platz, dann würde der Teil, der in einem Jahr dauerhaft genutzt werden kann, kaum einen Teelöffel füllen.

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