Der Wasserkrieg von Los Angeles




Wasserkrieg von Los AngelesAnfang des 20. Jahrhunderts hatte Kalifornien einen Helden – es war der Ingenieur William Mulholland. Er versprach den rund 300.000 Einwohnern einer aufstrebenden Stadt an der Westküste der USA mit Namen Los Angeles eine ausreichende Versorgung mit frischem Trinkwasser. Dabei nahm er keinerlei Rücksicht auf die Farmer, deren Wasser er kurzerhand umleitete. Die Streitigkeiten mündeten im Wasserkrieg von Los Angeles. Doch der gefeierte Held führte die aufstrebende Metropole nur wenig später in eine Katastrophe. Schuld daran war eines seiner eigenen Bauwerke.

Er muss sich vorgekommen sein wie der Messias höchstpersönlich, an diesem 5. November 1913. Mehr als 30.000 Menschen blickten auf ihn, den Mann mit den strengen Gesichtszügen, kalten Augen und einem grauen Schnäuzer. William Mullholland blickte triumphierend auf die Menschenmenge, die sich erwartungsvoll vor ihm ergoss. Es war der triumphalste Moment seines Lebens. Und er genoss ihn. Gründe dafür gab es mehr als genug. Er hatte der Stadt der Engel und deren Umland eine einigermaßen zuverlässige Wasserversorgung gebaut. In nur fünf Jahren hatten Mulholland und eine Heerschar von Arbeitern ein Aquädukt aus dem Boden gestampft, welcher das notwendige Nass in die Häuser und Wohnungen der dürstenden Metropole schaffte. Bereits um 1900 waren die Wasserreserven Los Angeles erschöpft. Die damals schon knapp 100.000 Einwohner saßen auf dem Trockenen. Die Brunnen und Bäche im Einzugsgebiet der Stadt gaben keinen Tropfen Wasser mehr her. Mulholland war trunken vom Erfolg seines Projektes. Er hielt eine kurze Rede, entfaltete die amerikanische Flagge und öffnete schließlich die Schleusentore. »Hier ist es, nehmt es!«, rief Mulholland in die Menschenmenge, die ihn frenetisch feierte. Er war der Herr des Wassers und des Lebens in dieser trockenen Einöde.

Los Angeles braucht Wasser – egal wie, egal woher

William Mulholland, Chef der städtischen Wasserversorgung, hatte seinen Beruf bzw. Berufung von der Pike auf erlernt. Im Sommer 1877 erreichte er als junger irischer Auswanderer das Land seiner Träume – Kalifornien. Schnell zog es den ehrgeizigen und drangvollen Mann nach Los Angeles – einem Kaff mit ungefähr 5.000 Einwohnern. Und hier erlernte der ehrgeizige junge Mann das Handwerk des Wasserbaus. Schnell brachte er es zu etwas. Er machte Karriere und bereits zehn Jahre später war Mulholland Chef der städtischen Wasserbehörde, dem »Los Angeles Department of Water and Power« und gehörte fortan zur Elite der mächtigsten Männer Kaliforniens. Die dringlichste Aufgabe des neuen Mannes der Behörde war es, neue Wasserquellen für die aufstrebende Stadt zu suchen. Und tatsächlich wurde Mulholland fündig. Das Gebiet der Begierde war das 120 Kilometer lange Owens Valley im Norden von Los Angeles, gelegen zwischen den White Mountains und der Sierra Nevada. Genau dort floß der Owens Valley River, und auf genau den hatte es Mulholland abgesehen – sehr zum Unbehagen der dort lebenden Siedler. Zwischen 1905 und 1907 kaufte die Stadtversammlung massiv Land im Valley, um sich die Wasserrechte zu sichern.

Der Wasserkrieg von Los Angeles

In den Augen der Siedler war das, was Mulholland betrieb schlicht und ergreifend Landraub. Sie protestierten und rebellierten mit allen verfügbaren legalen und illegalen Mitteln, und das noch viele Jahre später, als das Bauwerk schon lange stand. So sprengten die Farmer 1924 das Aquädukt des Jawbone Canyon. Andere Gegner hingegen öffneten eine Schleuse, so dass vier Tage lang das Wasser einfach abfloss. Als Resultat stiegen schlagartig die Preise für das kostbare Nass. Die Anschläge zeigten Wirkung – der Stadtrat von Los Angeles begann, mit den Farmern zu verhandeln. Mulholland selbst blieb jedoch hart. Er bedauerte zwar den Verlust vieler Bäume im fruchtbaren Tal aber nur, weil nicht mehr genug Bäume vorhanden wären, um die Unruhestifter dort aufzuhängen. Schließlich mischte sich sogar der damalige US-Präsident Theodore Roosevelt ein und schlug sich auf die Seite Mulhollands. Für ihn war das Wachstum L.A.’s wichtiger, als das Wohlergehen einiger weniger Siedler im Tal. Das Schicksal der Siedler war somit besiegelt. Viele der Talbewohner verließen ihre Heimat. Eine Landwirtschaft war kaum mehr möglich.

Wasserkrieg von Los Angeles

Um auch die letzten Widerständler aus dem Tal zu vertreiben, schickte das Department of Water and Power bis an die Zähne bewaffnete Söldner, die Angst und Terror verbreiten sollten. Sogar einen schwer bewaffneten gepanzerten Zug entsandte man, um die verbliebenen Aufständischen zu vertreiben. 1908 rückten die ersten Baukolonnen an. Mulholland war Ziel seiner Ingenieursträume. Mehr als 5.000 Arbeiter begannen damit ein 370 Kilometer langes Wasserleitungssystem zu bauen, um den Owens Valley River umzuleiten. Die Bauarbeiter sprengten Tunnel und verarbeiteten unzählige Tausende Tonnen von Zement. Auf der Baustelle arbeiteten fast ausschließlich Tagelöhner, um Geld zu sparen. Schutz durch Gewerkschaften? Fehlanzeige! 1913 war es dann endlich soweit – das Wasser des Owens Valley River floss nun viel weiter südlich Richtung Los Angeles.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

Am 12. März 1928 begann der tiefe Fall Mulhollands. An diesem tragischen Tag inspiziert er die St.-Francis-Talsperre etwa 60 Kilometer nördlich von L.A. Die hatte er höchstpersönlich geplant und 1926 fertiggestellt. Diese Talsperre ist von zentraler Bedeutung für Los Angeles. Sie staut das Wasser in einem gigantischen Reservoir, um die Wasserversorgung sicherzustellen, falls dem Aquädukt einmal etwas passieren sollte. Es ist der Dammwärter Tony Harnischfeger, der Mulholland schon seit geraumer Zeit auf die Nerven geht, weil er besorgniserregende Risse in der Betonwand beobachtet. Mulholland jedoch ignoriert ihn weitestgehend in seiner Arroganz. Trotzdem schaut er sich die Anlage an und befindet diese für absolut tauglich. Noch am selben Tag bricht der Damm! Eine 30 Meter hohe Flutwelle ergießt sich ins Tal und verschlingt alles, was sich ihr in den Weg stellt. Ganze Ortschaften werden vernichtet. Die Zahl der Todesopfer beläuft sich auf 400 Opfer, darunter mehr als vierzig Kinder einer Schule. Noch viele Jahrzehnte später fand man Opfer der Katastrophe im Einzugsgebiet der gigantischen Flutwelle.

Aus dem einstigen Helden William Mulholland, der das Wasser nach Los Angeles brachte wurde in den Augen der Bevölkerung ein selbstsüchtiger und machtbesessener Mensch, der über Leichen ging. Mulholland trat als Chef des Department of Water and Power zurück. Zumindest übernahm er die Verantwortung für die Katastrophe des Dammbruchs. Nur sieben Jahre später starb Mulholland. Trotz der Katastrophe der St.-Francis-Talsperre blieb L.A. dem ehrgeizigen Wasserwerker dankbar für das Wasser, was er der Metropole gebracht hatte. Bis heute trägt eine der berühmtesten Straßen von Los Angeles den Namen des Ingenieurs: der 1924 eröffnete Mulholland Drive.

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