Das Pechtropfenexperiment – der längste und langweiligste Versuch der Welt

Pechtropfenexperiment

Es ist bizarr – das Prechtropfenexperiment des Thomas Parnell, seines Zeichens Physikprofessor der Universität Queensland. 1927 begann er mit seinem Experiment, das belegen sollte, dass selbst vermeintlich alltäglich Materialien erstaunliche Eigenschaften können. Parnell wählte Pech. Das Experiment zeigt, dass Pech, obwohl es sich fest anfühlt und unter Hammerschlag sogar brüchig zerfällt, bei Raumtemperatur eigentlich flüssig ist. Nur eben „etwas“ zähflüssig.

John Mainstone starb im Frühjahr des Jahres 2013 im Alter von 78 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Das ist tragisch, aber sicherlich nicht wirklich eine Meldung wert. Interessanter ist schon, ein genaueren Blick auf das Schaffen dieses John Mainstones zu werfen. Mainstone war früher Leiter des Fachbereichs Physik an der University of Queensland und zum Zeitpunkt seines Todes noch mit einem Langzeit-Experiment betraut gewesen, das die Bezeichnung »Pechtropfenexperiment« trug.

Pechtropfenexperiment
John Mainstone betreute das Pechtropfenexperiment bis zu seinem Tode.
© License: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0.

Alles begann im Jahre 1927, als Professor Thomas Parnell, seines Zeichens der erste Physik-Professor an der University of Queensland im australischen Brisbane, einen ganz speziellen Versuch startete. Er wollte mit dem sogenannten Pechtropfenexperiment nachweisen, dass Pech sich zwar wie ein Feststoff anfühlt und sich bei Raumtemperatur mit einem Hammer entzweischlagen lässt, sich aber letztendlich dennoch wie eine Flüssigkeit verhält. Dazu ging er folgendermaßen vor: Erst einmal erhitzte Parnell das Pech in einem Glastrichter, dessen Öffnung versiegelt war. Der Klumpen Pech wurde flüssig und füllte schließlich einen Teil des Trichters aus.

Pechtropfenexperiment
Das Pechtropfenexperiment in seiner schlichten Schönheit.
© License: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0.

Dann wartete Pernell, bis die schwarze Masse wieder erstarrt war. Er wartete drei Jahre! Pernell wollte ganz sicher gehen, dass das Pech wieder zu einem harten, spröden Material geworden war. Und dann war es soweit – Pernell öffnete 1930 die Öffnung und das Experiment begann. Die spannende Frage war, zumindest für Pernell, ob das Pech im Laufe der Zeit Tropfen bildet, die aus dem Trichter herausfallen würden. Oder würde im Wechselspiel von Schwerkraft und Viskosität die Zähigkeit des Materials die Oberhand behalten?

Acht Tropfen Pech in 83 Jahren

Der erste Tropfen Pech fiel im Jahre 1938 tatsächlich aus dem Trichter – acht Jahre nach Beginn des Experiments. Der zweite Tropfen folgte neuen Jahre später! In einem Zeitraum von 83 Jahren haben nur insgesamt acht Tropfen Pech den Trichter nach unten verlassen. Beobachtet hat dies allerdings niemand. Keine Person hat jemals einen Tropfen fallen sehen. Genug damit, beschied die Universität und installierte drei Webcams, die den zu erwartenden neunten Tropfen filmen sollte. Zuletzt löste sich ein Tropfen im Jahr 2000 aus dem Trichter. Jetzt wartet die Fangemeinde des Zeitlupen-Versuchs auf den Fall des 9. Tropfens. Er ist eigentlich schon überfällig. Doch eines ist sicher sicher – er wird fallen!

Und warum das Ganze?

Im Guinnessbuch der Rekorde ist das Pechtropfenexperiment als der am längsten laufende Laborversuch der Welt schon mal verzeichnet. Aber sollte das schon alles gewesen sein? Na ja, irgendwie schon: Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn hält sich sehr in Grenzen. Der ganze Versuch lieferte letztendlich nur einen Messwert – nämlich die Berechnungsgrundlage der Viskosität von Pech. Und die Berechnung der Viskosität von Pech wurde durchgeführt und 1984 im »European Journal of Physics« veröffentlicht. Das Ergebnis – das Pech in dem Trichter ist ungefähr 100 Milliarden Mal viskoser als Wasser. Das war´s dann auch schon. Mehr Erkenntnisgewinn ist nicht möglich. Dafür ist der Versuch aber auch außergewöhnlich preiswert. Er steht da seit nunmehr 83 Jahren einfach unter einer Glasglocke und kann problemlos auch noch die nächsten 100 Jahre weiterlaufen. So lange, bis der Trichter mit Pech leer ist.

Übrigens, auch John Mainstone hat niemals einen Tropfen fallen sehen.

Lust auf mehr Wissenschaft, Technik und Geschichte im Krimi- und Thriller-Format? Dann werfen Sie doch einen Blick auf Meine Thriller oder Über mich, den Thriller-Autor.

Print Friendly, PDF & Email

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*