Die größte Musikmaschine aller Zeiten – das Telharmonium

Ein moderner Synthesizer zählt zu den Grundfesten einer fast jeden Band und ist aus Rock, Pop und Jazz kaum mehr wegzudenken. Die Geräte sind transportabel und bieten einen geradezu phantastischen Funktionsumfang. Thaddeus Cahill baute den weltweit ersten Synthesizer mit 672 Tasten, 336 Schiebereglern und einem Gewicht von rund 200 Tonnen. Um dieses Monstrum zu transportieren, wurden 20 Zugwagons benötigt. Cahill nannte sein Wunderwerk der Technik »Telharmonium«. 1906 wurde das erste »Instrument« ausgeliefert.

Im Jahre 1893 hatte der junge und innovative Physikstudent Thaddeus Cahill eine Vision: Es müsste doch möglich sein, dass elektrischer Strom – dem Luftstrom zur Tonerzeugung in einer Orgelpfeife gleich – Membranen zum Schwingen bringen müsste. Sein Traum war ein Instrument, das gleich ein ganzes Orchester ersetzen sollte. Nicht geschäftsuntüchtig reichte er ziemlich zügig ein Patent für eine Maschine ein, die »elektrische Musik« in »vollendeter musikalischer Expressivität« erzeugen könnte. Der Clou an der Sache: Indem man Töne überlagerte, sollte jeder nur erdenkliche und nicht erdenkliche Klang erzeugt werden. Das patentierte Verfahren nannte er »Synthesizing«.

1906 war es soweit – das »Instrument« war fertig und eine Herausforderung für die Transporteure. Es galt ein 18 Meter langes Monster, mit einem Gesamtgewicht von ungefähr 200 Tonnen bestehend aus zehn Schalttafeln mit 2.000 Schaltern sowie 145 Wechselstromgeneratoren á 15.000 Watt, zu bewegen. Das Ganze war auf 46 Zentimeter dicken Stahlträgern montiert. Cahill und seine Mannen schafften das Telharmonium in mehr als 30 Eisenbahnwagons nach New York, und zwar mitten in den Theaterdistrikt in ein Haus an der Ecke 39. Straße und Broadway. Cahill nannte das Heim des gigantischen Instruments »Telharmonic Hall«. Der plüschige Saal für Zuhörer bot zwischen Farnen, tropischen Pflanzen und diversen weißen Säulen Platz für 275 Zuhörer auf gepolsterten Sesseln und diversen Rattanstühlen. Der »Eyecatcher« war ein kreisrunder Divan in der Mitte des Saals.

Die Steuerkonsole des Telharmoniums. ©WIKIMEDIA COMMONS

Zwischen zwei riesigen Farnen saß der Telharmonist. Dort betätigte er die gigantische Steuerkonsole. Per Kabel gingen die Steuerbefehle ins Kellergeschoss, wo das Telharmonium stand. Der Keller hatte die Größe des Maschinenraums eines Ozeanriesen. Auch die Klaviatur war nicht von schlechten Eltern – es gab zwölf Tasten pro Oktave, abwechselnd schwarz und weiß. Außerdem beherbergte die Klaviatur 153 Tasten, die keinerlei Funktion hatten. Cahill baute sie vorsorglich ein, um für künftige Erweiterungen gewappnet zu sein.

Die erste Musik-Flatrate

Der Clou am Telharmonium war allerdings die Möglichkeit die Musik per Kabel kilometerweit übertragen zu können. Cahill kam ins Geschäft mit der New Yorker Telefongesellschaft und erhielt die Erlaubnis Kabel durch die Stadt zu legen. Über die Kabel sollten dann Live-Konzerte aus der Telharmonium Hall übertragen werden.

Als die Infrastruktur stand, bot Cahill die »Musik aus dem Hahn« für 25 Cent den interessierten Kunden an. Insgesamt gab es vier Kanäle – Klassik, geistliche Musik, Oper und Populärmusik. Kunden waren vor allem Edel-Restaurants wie das Waldorf-Astoria, das Plaza und das Café Martin. Hier umgarnten Telharmonium-Klänge den speisenden Gast. Aber auch Kirchen, Geschäfte, Parks und Piers sollten mit den Klängen beschallt werden. Daz kam es jedoch nicht mehr. Der Hype verschwand relativ schnell. Die lag zum einen an der komplizierten Bedienung des Telharmoniums. Die Qualität der Konzerte sank rapide. Zudem hörten die New Yorker beim Telefonieren plötzlich Synthesizer-Musik im Hintergrund, das sich das Telharmonium-Signal auf benachbarte Kabel übertrug. Die Telefonkunden beschwerten sich massiv. Daraufhin kündigte die Telefongesellschaft den Vertrag mit Cahill. Das war der Todesstoß!

Das letzte Konzert wurde im Februar 1908 gegeben. Danach schloss die Telharmonic Hall die Pforten einfach zu. Cahill war einfach geflüchtet, ohne diverse Rechnungen zu bezahlen. Das Telharmonium war am Ende. Im Rahmen der Entwicklung dieses einzigartigen Instrumentes hatte der junge Physiker mehr als eine Million Dollar »versenkt«.

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