Die höllische Nell

Der Geheimdienst und die schottische Hexe




Die höllische NellHelen Duncan war die letzte Frau, die in Europa 1944 wegen Hexerei angeklagt, verurteilt und inhaftiert wurde. Selbst das Kriegsministerium und der Inlandsgeheimdienst MI5 waren froh, als die »Hexe« schließlich hinter Schloss und Riegel landete. Doch wieso machte diese einfache schottische Frau das Empire derart nervös und ging als die höllische Nell in die Geschichte ein?

Es war eines der absurdesten Gerichtsverfahren des 20. Jahrhunderts, das am 03. April 1944 im Old Bailey, dem zentralen Strafgerichtshofs Londons stattfand. Selbst Winston Churchill brachte das, was da verhandelt werden sollte in Rage und Aufregung. Die Schottin Helen Duncan wurde am 3. April 1944 höchstrichterlich wegen Hexerei zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Absurd! Hatte die britische Justiz mitten im zerstörerischen Krieg mit Deutschland nichts anderes zu tun, als eine Frau wegen Hexerei zu verurteilen und das auch noch auf Basis eines längst vergessenen Paragraphen des Gesetzbuches. Die Richter verurteilten die kränklich wirkende sechsfache Mutter und 46 Jahre alte Schottin auf Grundlage des mehr als 200 Jahre alten »Witchcraft Act«. Die Anklage: Vortäuschung einer betrügerischen Totenbeschwörung.

Das Urteil ist ein Rätsel 

Warum griffen die Richter dermaßen hart gegen die »höllische Nell« durch. Und warum sollte Helen Duncan unbedingt hinter Gittern verschwinden? Duncan wurde 1897 im schottischen Callender geboren und hatte angeblich schon im Alter von sieben Jahren ihre erste Erscheinung. Sie sah in der heimischen Küche den Geist eines längst verstorbenen Soldaten namens Johnny. Zudem konnte sie schon im zarten Kindesalter die Vergangenheit sehen und kommende Ereignisse vorhersehen. Schon damals trichterten die Eltern der kleinen Nell ein, über ihre Begabung absolutes Stillschweigen zu bewahren. Nell hörte nicht und ging damit hausieren – ihr Leben lang.

Die höllische Nell
Helen Duncan war für den britischen Inlandsgeheimdienst und das Militär ein Sicherheitsrisiko.

Auch als erwachsene Frau machte sie aus ihren Fähigkeiten keinen Hehl. Neben ihrer regulären Arbeit als Arbeiterin in einer Bleichfabrik verdingte Duncan sich als Medium. Sie reiste durchs Land und gab ihren »Kunden« vor, die Geister der Verstorbenen rufen zu können. Ihr Ruf wuchs von Monat zu Monat und schon bald kannte man die höllische Nell landesweit. Und die Show war wohl sehr beeindruckend: Um in Kontakt mit den Verstorbenen treten zu können, versetzte sie sich in Trance und sonderte nur kurze Zeit später ein weißes Fluidum ab – das sogenannte »Ektoplasma«. Dieses Ektoplasma nahm dann die Gestalt des gerufenen Verstorbenen an und beantwortete Fragen der Hinterbliebenen. Eine makabre Show!

Mullbinden, Toilettenpapier und Eiweiß

Natürlich war das alles Blödsinn und ein großer Fake. Zum Höhepunkt ihrer Karriere, als die Menschen in Scharen zu Duncan strömten, hatte der britische Geisterjäger und Chef des National Laboratory of Psychical Research Harry Price die Nase voll. Er wollte die Schottin entlarven und bloßstellen. Und es gelang ihm relativ schnell. Er fand heraus, dass das Ektoplasma aus Mullbinden, Toilettenpapier und hartgekochtem Eiweiß bestand. Das war 1931. Obwohl Price die Schottin eindeutig als Betrügerin entlarvte und es 1933 sogar zu einer Anzeige kam, schien das ihrer Beliebtheit keinen Abbruch zu tun.

Der Geheimdienst wird auf die höllische Nell aufmerksam

Und dann kam der Zweite Weltkrieg und es traf Großbritannien extrem hart. Das merkte auch Helen Duncan, die noch immer als Medium durch die Lande reiste. Aus allen Schichten strömten man herbei, um die höllische Nell zu sehen. Sie alle einte die Sehnsucht, noch einmal in Kontakt zu ihren verstorbenen Männern, Söhnen und Enkeln – allesamt Opfer des schrecklichen Krieges – treten zu können.

Und dann erregte Duncan die Aufmerksamkeit des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5. Der Grund: Während einer Veranstaltung im November des Jahres 1942 erschien Duncan während einer Sitzung der Geist eines toten Matrosen. Der war verstorben, als sein Schlachtschiff – die »HMS Barham« gesunken ist. Das Schlachtschiff nahm 861 Besatzungsmitglieder mit in die eisigen Tiefen der See. Die Mutter des toten Matrosen kontaktierte empört und entrüstet das Marineministerium. Eine peinliche Situation für das Marineministerium wollte man doch die Angelegenheit bis Januar 1942 deckeln. Duncan stand ab sofort unter strenger Beobachtung.

Woher wusste die höllische Nell vom Untergang des Schlachtschiffes? Die Erklärung ist recht simpel: Die Angehörigen der Opfer erhielten bereits Kondolenzbriefe, mit der Bitte Stillschweigen zu bewahren. Wahrscheinlich hatte eine hinterbliebene Person das nicht ganz so genau genommen. Zudem »praktizierte« Duncan in Portsmouth, dem Heimathafen der HMS Barham. Und dann waren noch die zwei Söhne der höllischen Nell, die ebenfalls in der britischen Marine dienten. Also mehr als genug Informationsquellen.

Sicherheitsrisiko Hellseher

Der CI5 wurde immer nervöser, was Duncan betraf. Die rote Linie war überschritten, als die höllische Nell den Untergang des britischen Schlachtschiffes »HMS Hood« mit mehr als 1.400 Opfern ausplauderte, noch ehe die Nachricht der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. 1944 zog man die Dame mit den hellseherischen Fähigkeiten aus dem Verkehr. Mit der Verhaftung wollten Geheimdienst und Kriegsministerium auf Nummer sicher gehen. Denn ein weitreichendes militärisches Ereignis durfte auf gar keinen Fall durchsickern – die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. Die Geheimdienste und Militärs setzten alles daran, dass keine Indiskretionen durchsickerten, die den Erfolg der groß angelegten Mission gefährden würden.

Die höllische Nell schloss man nach dem Verfahren im Frauengefängnis Holloway Prison weg und begnadigte sie erst Ende September 1944, als der D-Day – die Landung in der Normandie – längstens vorüber war. 1951 wurde der »Witchcraft Act« auf Betreiben Winston Churchills abgeschafft.

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