Die Kunst des Vergessens – warum Vergessen wichtig ist!

VergessenDas menschliche Gehirn ist eines der größten Wunder unseres Universums. Es ist die Steuerzentrale unseres Körper und Geistes und mit jedem Teil des Körpers über Nervenbahnen verbunden. Was auch immer wir tun, denken und fühlen – das Gehirn ist stets beteiligt, es ist der Platz unseres Bewusstseins und Gedächtnisses. Und es ist für das Vergessen verantwortlich. Diese vielleicht auf den ersten Blick banal erscheinende Funktion ist jedoch für uns Menschen überlebenswichtig.

Das menschliche Gehirn ist die Schaltzentrale unseres Körpers und eines der wichtigsten und noch immer rätselhaftesten Organe des Menschen. Neben unzähligen Funktionen steuert es vor allem unsere Wahrnehmung, erzeugt Gefühle und speichert Erinnerungen. Hierfür verantwortlich sind ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen, die über zahllose Botenstoffe gleichzeitig miteinander kommunizieren und es somit ermöglichen, das wir viele Funktionen gleichzeitig erfahren können – sehen, riechen, schmecken, hören usw. Trotz dieses überaus komplexen Vorgangs arbeitet unser Gehirn im »Normalmodus« äußerst effizient und verbraucht dabei weniger Energie, als etwa die Beleuchtung des Kühlschranks.

Die Effizienz und parallele Verarbeitung unterschiedlichster Eindrücke beruht vor allem auf der Tatsache, dass jede der 100 Milliarden Gehirnzellen Tausende von Verbindungen zu anderen Gehirnzellen aufbauen kann, wodurch ein sehr komplexes Netzwerk. Neurowissenschaftler schätzen, dass die Länge aller Nervenbahnen zusammenaddiert eine Länge von etwa 5,8 Millionen Kilometern erreichen würde – das entspräche dem 145fachen des Erdumfangs. Die Verbindungen der Gehirnzellen untereinander sind mal mehr und mal weniger stark ausgeprägt, je nachdem wie oft bzw. intensiv die Nervenbahnen vom Menschen genutzt und beansprucht werden. Entlang der Nervenbahnen fließt Strom, der ganz bestimmte Nervenzellen reizt, je nachdem was gerade gefordert wird. Wird somit eine Nervenzelle durch einen ankommenden Stromreiz stimuliert, verändert sie innerhalb kürzester Zeit ihren Zustand. Die angesprochene Gehirnzelle wird entweder angeregt (Wissenschaftler sprechen dann von »feuern«) oder gehemmt. Beginnt sie zu feuern, sendet sie Botenstoffe an die folgenden Nervenzellen aus, damit diese ebenfalls beginnen Botenstoffe zu versenden. Das Netzwerk der Nervenzellen untereinander ist laut Neurowissenschaftlern nichts anderes als unsere Erinnerung. Geht es darum, dass unsere Gehirn Erlebtes und Erlerntes speichern soll, steigert es den Energieverbrauch schlagartig auf bis zu 20 Prozent der Gesamtenergie, die menschlichen Körper zur Verfügung steht. Ein sehr erstaunlicher Fakt, da das Gehirn nur etwas zwei Prozent der Körpermasse ausmacht. Ein Indiz dafür, was für komplexe Vorgänge von statten gehen, wenn wir uns erinnern bzw. das Gedächtnis bemühen – und von alledem merken wir in der Regel rein gar nichts.

Wie funktioniert unser Gedächtnis?

Unser Gedächtnis sollte man nicht als Ganzes betrachten. Sich an das Essen von gestern Abend zu erinnern ist etwas ganz anderes, als sich Fakten ins Gedächtnis zu rufen, wie etwa die Hauptstadt Großbritanniens heißt oder die Formel des Pythagoras lautet. Am Gedächtnis in all seinen unterschiedlichen Facetten sind die verschiedensten Hirnbereiche beteiligt. Zuerst einmal wäre da das sensorische Gedächtnis – es ist das kurzlebigste und empfängt neue Informationen und das innerhalb weniger Millisekunden. Sind die Eindrücke hier erst einmal abgelegt tritt sofort das Kurzzeitgedächtnis in Aktion. Hier werden die Informationen ungefähr eine Minute aufbewahrt. Leider ist die Kapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses äußerst begrenzt – es ist lediglich in der Lage sich sieben Dinge auf einen Schlag zu merken bzw. abzulegen. Das Kurzzeitgedächtnis ist verantwortlich, um sich etwa Telefonnummern, die Zutaten für ein Rezept, eine kurze Einkaufsliste oder den soeben gelesenen Satz zu merken. Begegnen uns die Informationen im Kurzzeitgedächtnis häufiger, wenn wir etwa eine Nummer immer wieder anschauen und aufsagen, werden diese Informationen in das Langzeitgedächtnis transferiert und dort mehr oder weniger dauerhaft verankert. Die Verbindungswege zwischen den neu aktivierten Nervenzellen durch das Kurzzeitgedächtnis werden in unserem Gehirn quasi als elektrisches Muster »eingebrannt«.

Was geschieht in unserem Gehirn, wenn wir uns erinnern – vielleicht an den Strand vom letzten Sommerurlaub. Laut Neurowissenschaftlern passiert dann Folgendes: Der Strand vom letzten Urlaub (und viele andere Dinge) entspricht einer ganz bestimmten Kombination von Nervenzellen (Neuronen), die gemeinsam feuern bzw. elektrisch aktiv sind. Dadurch entsteht ein Muster im Gehirn, das den Strand aus unserem Beispiel repräsentiert. Für Gesichter, Gegenstände, Kontonummern und alles was wir erlebt und gespeichert haben gibt es dabei ein entsprechendes spezielles Muster von gemeinsam feuernden Nervenzellen im Gehirn. Aber wie ist es möglich, ein solches Muster auch noch nach Jahrzehnten zu aktivieren? Ganz einfach – es ist eine Frage der am Vorgang beteiligten Nervenzellen. Eine beispielsweise im Kurzzeitgedächtnis abgelegt Telefonnummer vergessen wir relativ schnell, da am entsprechenden elektrischen Muster nur sehr wenige Nervenzellen beteiligt sind und die Verbindungen zwischen ihnen nur sehr locker sind. Ganz anders bei dauerhaften Erinnerungen! Hier spielen zwei Faktoren eine bedeutende Rolle: Erstens sind bei abgelegten Informationen im Langzeitgedächtnis sehr viel mehr Nervenzellen beteiligt, das elektrische Signal bzw. Muster ist also um ein Vielfaches stärker. Und zweitens sind die Verbindungen zwischen den beteiligten Nervenzellen ausgeprägter. Bei häufig abgerufenen Dingen aus dem Langzeitgedächtnis sind die Nervenzellen vergleichsweise über eine mehrspurige Autobahn miteinander verbunden, als bei den Nervenzellen des Kurzzeitgedächtnisses, die nur eine holprige Landstraße benutzen.

Wir müssen vergessen!

So schön, angenehm und beeindruckend es auch sein mag ein gutes Gedächtnis haben, die Notwendigkeit Dinge zu vergessen ist für uns überlebenswichtig. Sicherlich, Vergesslichkeit ist unangenehm und ein Problem das wohl jeder kennt. Aber vielleicht ist das Vergessen gar nicht so sehr ein Problem, sondern viel mehr eine Fähigkeit. Unser Gedächtnis funktioniert nur deswegen so gut, weil es überflüssige und weniger wichtige Informationen einfach aussortiert. Wäre es uns unmöglich nie mehr etwas vergessen zu können, würden die gespeicherten Erinnerungen unser Leben überfluten, das Lernen nahezu unmöglich machen und das Gehirn letztendlich massiv überfordern. Wechseln wir unseren Mobilfunkanbieter und bekommen wir eine neue Rufnummer zugewiesen, vergessen wir die alte Telefonnummer relativ schnell, ebenso bei der PIN einer alten Kreditkarte. Oder ein anderes Beispiel: Nur die wenigsten Menschen können auf Anhieb sagen, wo sie vor zwei Tagen geparkt haben. All diese Informationen und noch viele, viele mehr, die täglich auf uns einströmen, werden von unserem Gehirn sofort aussortiert, da deren Bevorratung einfach nicht mehr notwendig ist.

Neurologen erkennen zunehmend, dass das Vergessen für unser Gehirn die gleiche Bedeutung hat, wie etwa das Lernen und Erinnern. Der beste Verbündete im Kampf für das Vergessen ist der Schlaf. Am Tag gebildete Verbindungen zwischen Nervenzellen lösen sich im Schlaf zum Teil und so vergessen wir einfach Informationen – natürlich nur jene, deren Nervenbahnen nur lose bzw. nicht sonderlich ausgeprägt miteinander verbunden waren. Durch diesen Mechanismus stellt das Gehirn eine Art Gleichgewicht her und gewährleistet, dass es für neue Informationen wieder aufnahmebereit ist. Ist dieser Mechanismus gestört kann Katastrophales geschehen – wie das Beispiel Solomon Schereschewski zeigt!

Solomon Schereschewski – der Mann, der nichts vergessen konnte

Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich an jedes gesprochene Wort, das Sie jemals von sich gegeben haben erinnern, an jede Tätigkeit, die Sie jemals vollzogen haben – einfach gesagt, Sie könnten sich an alles erinnern, was jemals in Ihrem Leben passiert ist. Ein Albtraum! Und Solomon Schereschewski lebte diesen Albtraum. Er war ein Mann, der nichts vergessen konnte. Geboren wurde Schereschewski 1886 in Russland. Seine Gabe entdeckte man jedoch erst einige Jahre später im Jahre 1905 im Rahmen der Ausübung seines Berufes als Journalist und Korrespondent einer Moskauer Zeitung. Irgendwann einmal bemerkte sein Chef, dass sich Schereschewski bei Redaktionskonferenzen und Treffen zur Tagesplanung niemals Notizen machte. Dies verärgerte ihn und er stellte Schereschewski zur Rede. Erstaunlicherweise stellte sich zu seiner Verwunderung heraus, dass sich sein Mitarbeiter tatsächlich an alles erinnern konnte, was jemals im redaktionellen Alltag passierte – und das wortwörtlich! Er war so beeindruckt von Solomons außergewöhnlichem Gedächtnis, dass er ihn Professor Luria, einer damals führenden Kapazität im Bereich der Neurologie, vorstellte. Luria unterzog Schereschewski den unterschiedlichsten Tests, um die Grenzen seines Erinnerungsvermögens zu bestimmen. Zu seinem Erstaunen gab es diese nicht. Schereschewskis Erinnerungsvermögen war grenzenlos. Jede Erinnerung war permanent und unauslöschlich in seinem Gehirn eingebrannt!

Nicht nur, dass Schereschewski über ein makelloses Erinnerungsvermögen verfügte – er zudem auch Synästhetiker. Jedes Wort löste in ihm ganz bestimmte Sinneswahrnehmungen und Gefühle aus. Sein Gehirn übersetzte empfangene Informationen automatisch in ein intensives Erlebnis. Die tägliche Flut an Erlebtem mit dem Schereschewski konfrontiert wurde und der er schutzlos ausgeliefert war, hatte auch ihre Schattenseite. Dinge, mit den wir ohne Probleme umgehen, bereiteten ihm enorme Schwierigkeiten, so dass er im gewissen Sinne mental behindert war. Immer öfter versank er regungslos in seine tiefe innere Geisteswelt, die randvoll mit Informationen und Gefühlseindrücken gefüllt war und jeden Moment zu bersten drohte. Er wechselte von Job zu Job ohne auch nur ansatzweise eine Tätigkeit zu finden, bei der er seine bemerkenswerten Fähigkeiten einsetzen konnte. Schließlich tingelte er auf diversen Bühnen als »Erinnerungs- Mann« und demonstrierte seine Fähigkeiten einem zahlendem Publikum vor. Doch auch das befriedigte ihn nicht. Schereschewski versank immer mehr in tagelange Tagträume, um seine riesige Innenwelt zu erkunden und in irgendeiner Art und Weise zu ordnen. Ohne Erfolg! Seine »Gabe« trieb ihn in den Wahnsinn, er starb in 1958 einer Heilanstalt, tief in seine innere Welt versunken und schon seit vielen Jahren nicht mehr ansprechbar.

Man sieht also, das Vergessen ist ein immens wichtiger Vorgang, der nahezu automatisch und ohne unser Zutun abläuft. Doch auch nach all den Jahren der Hirnforschung ist man sich noch immer nicht wirklich einig, wie das Vergessen funktioniert. Verschwinden vergessene Informationen für immer oder schlummern sie nur irgendwo und warten darauf durch einen ganz bestimmten Reiz aktiviert zu werden. Eine wichtige Fragestellung, die besonders Psychologen interessiert, die versuchen, traumatische Erfahrungen zu therapieren. Der »Trick«, absichtlich zu vergessen, würde bei der Therapie von Traumaopfern überaus hilfreich sein. Vielleicht kommt ja irgendwann einmal die Pille für das Vergessen.

Kurzinfo: Die Pille fürs Vergessen

Die Vergessensforschung lernt zunehmend die chemischen Prozesse in unserem Gehirn, wenn es um das Vergessen geht, zu verstehen. Nicht wenige Wissenschaftler sehen als Endziel ihrer Forschungsarbeiten ein Medikament, das Vergessen machen könnte. Und der Markt hierfür ist da. Immer mehr Menschen leiden an Angststörungen. Umweltkatastrophen, Flugzeugabstürze, Kriege oder Terroranschläge lässt die Zahl jener, die an posttraumatischen Belastungsstörung leiden regelrecht explodieren. Bisher therapiert man mit langen Gesprächen oder einer Konfrontatiostherapie, was aber nicht immer den gehofften Erfolg bringt bzw. sehr lange dauert. Deshalb hoffen Psychologen, dass zukünftig Medikamente gegen die unerwünschten Erinnerungen eingesetzt werden können. Gegner äußern hierbei starke Bedenken. Sie befürchten, dass unangenehme Erinnerungen einfach weggedrückt werden, die aber noch irgendwo in unserem Gehirn vorhanden sind und wieder durchbrechen können. Deshalb setzen sie nach wie vor auf eine Aufarbeitung der schrecklichen Dinge, die Traumapatienten quälen.

Kurzinfo: Synästhesie

Die Synästhesie bezeichnet die Verbindung mehrerer physisch getrennter Bereiche der Wahrnehmung. Menschen, die Wahrnehmungen derart verknüpft erfahren, bezeichnet man als Synästhetiker. Sie »schmecken« Zahlen oder verbinden diese mit Farben, sie schmecken Gehörtes und sehen Musik. Sie verknüpfen also ihre Sinne untereinander. Diese Verknüpfungen ermöglichen es Synästhetikern sich Dinge auf eine ganz besondere Art und Weise zu merken.

Lust auf mehr Wissenschaft, Technik und Geschichte im Krimi- und Thriller-Format? Dann werfen Sie doch einen Blick auf Meine Thriller oder Über mich, den Thriller-Autor.

Print Friendly, PDF & Email

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen