Die letzten Heiden Europas

NaturreligionDie Mari aus der russischen Teilrepublik Mari El sind etwas ganz Besonderes. Sie leben seit mehr als zweitausend Jahren an der mittleren Wolga und am Ural und gehören der Volksgruppe der Wolga-Finnen an. Ihre Sprache gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie. Doch das eigentlich Erstaunliche ist, dass sie die letzten Heiden Europas sind (so bezeichnen sie sich gern selbst mit einem Augenzwinkern). Ihr Leben und der Alltag sind auch heute noch durchdrungen von einer sehr alten Naturreligion, die das Leben in Einklang mit der Natur lehrt.

Die Szenerie hat etwas sehr Bizarres: Auf dem schneebedeckten Boden des tiefen Fichtenwaldes knien gut ein Dutzend Menschen. Es sind Männer und Frauen in derber Winterkleidung und schweren Stiefeln. Unter den selbstgemachten Wintermänteln der Frauen lugen die bunten Säume der reich verzierten Trachtenkleider hervor. Sie lauschen den Worten und Beschwörungen eines alten Mannes mit einem weißen Hut und eindrucksvollen Vollbart, der ihnen den Rücken zugewandt hat und seine Hände beschwörend in Richtung eines anscheinend uralten Baumes erhebt. Fast könnte man meinen, man sei Gast bei einer Druiden-Zeremonie. Und so ganz unrecht hat man mit dieser Vermutung nicht. Die weiche, sonore und durch Mark und Bein gehende Stimme zieht die anwesenden Menschen sofort in ihren Bann. Der Mann – nennen wir ihn ruhig einmal Druiden – bittet um Wohlstand, Gelingen und Gesundheit für alle, die an diesem Tag gekommen sind. Er beendet das Gebet an Mutter Natur und die Bäume mit dem Wunsch, dass es auch Dmitri Medwedjew und Wladimir Putin gut gehen möge und dass Sie auch den Anwesenden helfen mögen.

Aha, wir sind also in Russland! Genauer gesagt in der Teilrepublik Mari El. Noch nie gehört? Dann geht es Ihnen wahrscheinlich so, wie der Mehrzahl der Menschen. Die Teilrepublik Mari El befindet sich im Wolga-Becken ungefähr 800 Kilometer östlich von Moskau entfernt und ist in etwas so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Der Landstrich besteht zur Hälfte hauptsächlich aus Getreidefeldern und zur anderen Hälfte aus dichten Wäldern. Und dieser Wald ist bemerkenswert unzerstört – für russische Verhältnisse. Und das hat seinen Grund: Zum einem liegt das an jeglicher fehlender Industrie und zum anderen an den Mari.

Die heiligen Haine sind tabu

Am guten Zustand der Wälder ist die Naturreligion der Mari »schuld«. Die Mari leben seit dem 6. Jahrhundert nach Christus in diesem Fleckchen Erde und haben sich selbst vom Zaren, Stalin und den Kommunisten und der Sowjetunion nicht ihre Lebensart und Religion nehmen lassen. Von den vielen Versuchen einer Christianisierung einmal ganz zu schweigen. Die Mari glauben daran, dass jedes Ding und Lebewesen eine Seele besitzt. Zudem gibt es eine Vielzahl von Göttern, die für die unterschiedlichsten Dinge zuständig sind. Und damit die Gottheiten den Mari gewogen bleiben opfert man ihnen regelmäßig Tiere und unzählige Speisen und Getränke. Dies geschieht in einer schier unübersehbaren Anzahl von kleineren Waldgebieten, den sogenannten heiligen Hainen. Und hier darf kein Baum gefällt, keine gepflückt, kein Obst oder Gemüse geerntet werden. Zudem ist es strikt verboten zu rauchen, zu fluchen oder zu lügen. Die Mari bezeichnen die sauberen Lichtungen in den Wäldern als ihre religiösen Kathedralen. Die Mari verehren und beten in den heiligen Hainen vor allem ihren höchsten Gott an – den Großen Weißen Gott »Osh Kugu Yumo«.

Heiden

Zwar bezeichnen sich die Mari oft als die letzten Heiden Europas, aber dies ist nur die halbe Wahrheit. Die meisten der insgesamt 650.000 Mari sind mittlerweile getauft und meist Mitglieder der Russisch-Orthodoxen Kirche. Dennoch haben die Mari ihre Traditionen weitestgehend bewahrt – gegen die Einflüsse des Christentums als auch gegen eine permanente, jahrzehntelange Unterdrückung durch eine sowjetische Politik.

Die »kleinen Leute«

Die Mari nennen sich selbst die »kleinen Leute«. Außenstehende bezeichnen sie fast immer als scheu, bescheiden und sehr höflich. Für die Mari ist ein Ding der Unmöglichkeit die Natur auszubeuten. Das käme einem Sakrileg gleich und ist für die kleinen Leute einfach unvorstellbar. Zudem handelt es sich bei den Mari um ein Volk, welches die Konfrontationen scheut. Und genau hierin liegt wohl das Geheimnis begründet, weswegen sie als ethnische Minderheit bis heute überlebt haben.

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Von den 650.000 Mari leben nur die Hälfte in der Republik Mari. Die andere Hälfte siedelten sich im Laufe der Jahre rund um Baschkortostan und im Gebiet Kirow an. Die Mari leiden unter dem geringen politischen Einfluss ihrer ethnischen Minderheit. Das Sagen hat die Mehrheit, und das sind die Russen. Im Kabinett sitzen lediglich zwei magische Minister, welche die Ressorts Landwirtschaft und Kultur abdecken. Und auch die magischen Dialekte werden an immer weniger Schulen unterrichtet.

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