Ruth Belville – von Beruf: Zeithändlerin

Ruth Belville Zeithändlerin

»Wie spät ist es?«, eine Frage, die für uns so selbstverständlich ist, wie die Luft zum atmen. Die aktuelle Uhrzeit geben uns Armbanduhren, Funkuhren, Mobiltelefone, das Internet, Rundfunk und Fernsehen und viele weitere elektronische Helferlein rund um die Uhr wieder. Ganz anders im Jahre 1892: Uhren für Jedermann waren eher selten anzutreffen und wenn, dann waren diese Uhren sehr ungenau. Dies war der Zeitpunkt, als eine clevere Engländerin das Geschäft ihrer Eltern übernahm, professionalisierte und perfektionierte. Es war die Geburtsstunde einer außergewöhnlichen Geschäftsidee – die der Zeithändlerin.

Arnold war etwas ganz Besonderes – und das gleich in mehrerlei Hinsicht. Arnold als schnöde Uhr zu bezeichnen wäre reichlich untertrieben: von seinem wertvollen silbernen Uhrengehäuse einmal ganz abgesehen konnte Arnold eine interessante Vita aufweisen. Ursprünglich wurde das Präzisionschronometer und Prachtstück von einer Uhr eigens für August Friedrich, seines Zeichens Herzog von Sussex, angefertigt. Der hatte sich jedoch etwas anderes vorgestellt und schickte die Uhr mit der Seriennummer 485/786 dem Uhrmacher mit dem Hinweis zurück, sie sei »groß wie eine Bettpfanne«. Eine bittere Enttäuschung für den Uhrmacher! Aber was Arnold so einzigartig machte war ihre neue Besitzerin Ruth Belville, die eine Geschäftssymbiose mit Arnold einging und mit dem silbernen Chronometer ihren Lebensunterhalt bestritt. Und das in dem wohl merkwürdigsten Beruf im ganzen britischen Empire – als Zeithändlerin.

Ruth Belville Zeithändlerin
Ruth Belville am Royal Greenwich Observatory. © Hulton-Archive Getty Images/ Fox Photos/Hulton Archive/ Fotograf nicht namentlich bekannt

Was für uns heute selbstverständlich und jederzeit verfügbar ist, war Anfang des 19. Jahrhunderts noch sehr rar und begrenzt verfügbar. Die Rede ist von der genauen Uhrzeit. Zwar gab es bereits öffentliche Uhren, diese waren jedoch alles andere als genau und stetes Ärgernis der Bürger Londons. Es gab zu dieser Zeit nur einen Ort in London, der über die genaue Uhrzeit verfügte und dies war der Arbeitsplatz des Königlichen Hofastronoms am Royal Greenwich Observatory. Und genau aus diesem Grund klopften viele Bürger der Metropole täglich an die Pforten des astronomischen Observatoriums, um nach der genauen Uhrzeit zu fragen. Das nervte den Astronomen und behinderte ihn bei seiner täglichen Arbeit so sehr, dass er seinen Assistenten beauftragte, einen »Zeitservice« einzurichten. Und dieser Assistent war John Henry Belville – Ruth Belvilles Vater. Der königliche Hofastronom John Pond gab Belville eine sehr teure Präzisionsuhr und schickte ihn jeden Tag in die City, um die Londoner gegen eine kleine Gebühr mit der aktuelle Uhrzeit zu versorgen. Und so kam Arnold in den Besitz der Familie Belville.

Nach dem Ruhestand ihres Vaters übernahm Ruth den Job des Zeithandels und perfektionierte ihn. Ab 1892 sah man Ruth auf den Strassen der Londoner Innenstadt und des geschäftigen West Ends, klopfte an die Türen ihrer Kunden, ließ die Kunden einen Blick auf Arnold werfen und nahm einen kleinen Geldbetrag entgegen. Jeden Morgen fuhr Ruth zum Greenwich Observatory um Arnold mit der genauen Uhrzeit zu versorgen. Zu Spitzenzeiten versorgte Ruth mehr als 200 Kunden täglich mit der genauen Uhrzeit.

Eine schmutzige Kampagne

Doch das »Zeitimperium« der Ruth Belville bröckelte; ihr Erfolg weckte Begehrlichkeiten und rief diverse Neider auf den Plan. Einer der es besonders ernst meinte, war ein Mann mit Namen St. John Wynne, der für eine Vereinheitlichung der Uhrzeit plädierte und alle Uhren durch ein telegrafisches Signal mit der Greenwich-Zeit synchronisieren wollte. Er fand es einen unhaltbaren Zustand, dass eine gewöhnliche Frau aus dem Volke für die genaue Uhrzeit Londons verantwortlich sein sollte. Außerdem brachte er Ruth Belville mit schlüpfrigen Behauptungen in Misskredit. So fand er es sehr außergewöhnlich, dass Ruth Belville ihre Uhr ihn Greenwich korrigieren lassen konnte – und zwar sooft es ihr beliebte. Wynne behauptete, dass Ruth Belville sich diese Sondergenehmigung durch Einsatz ihrer weiblichen Reize erschlichen hatte. Ein Skandal! Öl ins Feuer goss die Londoner Times, indem die Zeitung diese skandalträchtige These aufgriff und aufs »Beste« ausschmückte. Was verschwiegen wurde war die Tatsache, dass Wynne Geschäftsführer der »Standard Time Company« war, dem größten britischen Unternehmen für telegrafische Zeitsignale. Doch die Negativ-PR-Kampagne des St. John Wynne ging nicht auf. Obwohl der königliche Hofastronom die schlüpfrigen Aussagen nicht dementierte und Ruth damit nicht entlastete, waren die Londoner Ihrer Zeitlady treu. Und die Kundenzahlen stiegen sogar noch an, was vor allem an den störanfälligen und teuren Telegrafenleitungen lag, die zunehmend landesweit eingeführt wurden.

Doch die Zeichen der Zeit waren nicht aufzuhalten. Langsam kamen zunehmend Telefone in den wohl situierten Haushalten auf und auch hier erkannte Ruth das Potential der neuen Technologie. Sie erweiterte ihr Geschäftsfeld und bot von nun an die telefonische Übermittlung der Uhrzeit an. Am Ende sollte es genau dieser Geschäftszweig sein, der Arnold in den Ruhestand schicken sollte. Im Sommer des Jahres 1936 wurde ein neuer Telegrafendienst eingeführt, der bis in unsere Tage überlebt hat – die telefonische, automatisierte Zeitansage. Und es sollte ein Erfolgsmodell werden. Bereits im ersten Jahr der Einführung der telefonisches Zeitansage, die man TIM nannte (auf Grundlage der zu wählenden Nummern 8, 4 und 6), gingen mehr als 20 Millionen Anrufe ein. Im Jahre 1939 legte Ruth Belville ihren Job als »Greenwich Time Lady« nieder – sie hatte nur noch ungefähr 20 zahlende Kunden.

Ruth starb am 7. Dezember im Alter von 89 Jahren in ihrer kleinen Wohnung im Londoner Stadtteil Beddington an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Mit dem Tod der Greenwich Time Lady endete eine 103jährige Tradition. Ruth Belville hatte keinerlei Nachkommen und angesichts der sekundengenauen Übermittlung der Uhrzeit mittels Telefon und dem aufkommenden Rundfunk, sah das Royal Greenwich Observatory keinerlei Notwendigkeit mehr, diesen charmanten Service durch andere Personen fortzuführen.

Kurzinfo: Die Notwendigkeit einer einheitlichen Zeit
Bis ins 18. Jahrhundert hatte jeder Ort in England seine eigene Uhrzeit. Eine absurde Situation, die darin gipfelte, dass bereits zwei benachbarte Ortschaften unterschiedliche Zeiten hatten. Daraus resultierte, dass es in ganz Großbritannien Zeitunterschiede von bis zu einer halben Stunde gab. Als im 19. Jahrhundert die Eisenbahn eine immer stärker werdende Rolle in der Industrialisierung einnahm, führte dies zu zunehmenden Schwierigkeiten. Im Jahr 1821 gab es in Großbritannien bereits 120 Eisenbahngesellschaften mit einem Streckennetz mit Tausenden von Kilometern. Doch leider gab es an fast jeder Haltestelle ein andere Uhrzeit, die ein pünktliches Umsteigen quasi unmöglich machte. Zudem passierten viele Bahnunfälle, da eine Synchronisierung mehrere Züge auf einem Schienenstrang anhand einer einheitlichen Uhrzeit nicht möglich war. Ein unhaltbarer Zustand, dem die britische Eisenbahngesellschaft Great Western Railway 1840 ein Ende bereiten wollte – sie führte an jeder ihrer Haltestellen eine einheitliche Uhrzeit, die »Railway Time« ein. Als Grundlage nahm man die Greenwich-Zeit des Royal Greenwich Observatory.

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