Festung des Wahnsinns




Festung des Wahnsinns

Es gibt Orte auf dieser Welt, die auch heutzutage noch das unendliche Leid längst vergangener Epochen in unsere Zeit echoen. So auch die »Maunsell Sea Forts« vor der Ostküste Englands, die man auch als Horror-Türme oder Festung des Grauens bezeichnet. Und beim Anblick dieser kann man sich auch gut vorstellen, warum das so ist: Sie erinnern an Jahre der Verzweiflung und Vernichtung. Die gigantischen See-Festungen trieben ihre Besatzungen in den Wahnsinn!

1939 war kein gutes Jahr für die britischen Seekräfte. Die deutsche Marine traf direkt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs das Insel-Königreich an seiner empfindlichsten Stelle – der Schifffahrt. Von diesem Lebensnerv hing das britische Wohlbefinden in allen Bereichen des täglichen Lebens ab. Tausende Frachter war damals täglich rund um den Globus unterwegs, um Fracht aus aller Welt nach Großbritannien zu bringen. Das Schicksal einer Insel! Zudem wickelten die Briten ebenso einen Großteil des innländischen Warenverkehrs ebenfalls über den Seeweg ab. Besonders die Ostküste Großbritanniens war hierbei von entscheidender Bedeutung.

Seeminen als tödliche Gefahr

Ohne Unterlass verminten deutsche Zerstörer die Ostküste Großbritanniens und die Themse-Mündung. Die zivile Schifffahrt wurde zum Russisch-Roulette. Bereits in den ersten Kriegsmonaten sanken mehr als einhundert Schiffe durch Minen und mit ihnen wertvolle Lebensmittel und kriegswichtige Güter. Und dann auch das noch: Ab November 1939 wurden die deutschen Minen auch noch durch Flugzeuge abgeworfen. Die Handelsschifffahrt kam komplett zum Erliegen. Man musste sich dringend der tödlichen Minen entledigen beziehungsweise es durften keine neuen Minen durch die Deutschen verlegt werden. Die Admiralität sah nur eine Chance – die deutschen Minensucher mussten unbedingt abgeschossen werden, und zwar soweit in der offenen See, ehe diese ihr Zielgebiet erreichten.

Ein Architekt als Retter

Irgendwer erinnerte sich im britischen Kriegsministerium an einen gewissen Herrn Guy Maunsell, seines Zeichens Architekt und Bauingenieur. Der hatte eine sehr große Sorge, nämlich eine Invasion der Deutschen vom Seewege her. Aus diesem Grund hatte er der Admiralität bereits vor Jahren vorgeschlagen, bemannte und fest verankerte Tauchkapseln rund um die britische Küste zu positionieren. Die sollten sämtliche Feindbewegungen auf dem Wasser und darunter beobachten und feindliche Bewegungen sofort melden. Keine einzige Kapsel wurde jemals realisiert. Dennoch hatte der Wake Patriot von nun an einen Fuß in der Tür der Admiralität.

Und Maunsell hatte eine Idee – die Errichtung gewaltiger Offshore-Bauten mitten im Ozean. Ein schwimmfähiger Ponton sollte zwei jeweils hohle Betontürme von sieben Meter Durchmesser enthalten. Die Türme wiederum sollten auf insgesamt sieben Etagen eine Besatzung von 120 Mann beherbergen, nebst Ausrüstung und Verpflegung. Den Abschluss der Türme bildeten zwei 3,7-Zoll-Flak- und zwei 40-Millimeter-Bofors-Geschützen, die den deutschen Minenlegern mächtig einheizen sollten.

Und tatsächlich: Vier dieser gewaltigen 33 Meter hohen und 4.500 Tonnen schweren »Naval Sea Forts« hievte man von Februar bis Juni 1942 an ihre jeweiligen Standorte. Sechs bis zwölf Seemeilen vor der britischen Küste setzte man die Bauwerke auf Grund und verankerte sie.

Ein zweites Modell ist notwendig

Gleichzeitig zu den Naval Sea Forts draußen auf dem Ozean entwickelte Maunsell ab 1941 Flugabwehranlagen für die Mersey-Bucht vor Liverpool sowie der Themse-Mündung. Eine andere Konstruktion musste erdacht werden, da hier der Boden ein anderer war, als auf offener See. Maunsell fand auch hier eine Lösung: Auf einem Stahlbetonsockel montierte man vier hohle Stahlbetonträger, die ein zweistöckiges Stahlgebäude von elf man elf Metern Grundfläche trugen. Jeweils sieben dieser 750 Tonnen schweren Türmen wurden zu einer Art Ensemble kombiniert und bildeten eine Festung. Auch diese Festungen waren, wie ihre Kollegen auf dem Ozean, schwer bewaffnet.

Festung des Wahnsinns
Eine Maunsell-Seefestung vor der Themse-Mündung. © Wikimedia Commons/ Russss

Die Besatzungen drehten durch

Man kann es sich lebhaft vorstellen – die Lebensbedingungen auf diesen künstlichen Inseln waren katastrophal. Zu manchen Zeiten hielten sich 256 Mann Besatzung auf den Wasser-Festungen auf. Die Enge und Abgeschiedenheit führte zu schweren Depressionen und Psychosen. Besonders die Besatzungen der Naval Sea Forts litten unter ihren Lebensbedingungen. Die Mannschaften verbrachten die Nächte in den Betonröhren unter Wasser. Nur den Offizieren ging es besser – die hatten extra Schlafräume im oberen Teil der Betonröhren mit ausreichend Licht und Ölheizungen.

Sechs Wochen mussten die Mannschaften an Bord der Festungen verbringen. Viele mussten anschließend in psychiatrische Behandlung. Die Opfer dieser Lebensbedingungen nannten ihre Bauwerke »Fort Madness«.

Und die Bilanz?

Tja, die war sehr beachtlich: Insgesamt schoss das schwimmende Fort der Themse-Mündung 22 deutsche Flugzeuge ab und vernichtete mehr als 30 V1-Fügelbomben. Ein beachtlicher Erfolg. Die Naval Sea Forts hingegen waren weniger erfolgreich und wurden alsbald nach Kriegsende versenkt bzw. gesprengt.

Für die Festung an der Themse-Mündung hingegen hatte die britische Admiralität andere Pläne. Man kam nach längeren Beratungen im War Office überein, diese im Dienst zu behalten. Und noch mehr: Man wollte diese Maunsell Army Forts zur Absicherung der britischen Häfen und Schiffsrouten auf elf Festungen rund um Großbritannien ausbauen. Die Finanzierung schlug jedoch fehl. So kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war einfach nicht genügend Geld da. Im Jahre 1956 stellte man sämtliche Wartungsarbeiten an allen See-Festungen ein. Allein in den sechziger Jahren erregten die Seefestungen noch einmal die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, als britische Piratensender die Plattformen besetzten.

Hier ein weiteres Stück Zeitgeschichte: H.M.S. »Habbakuk« – der Flugzeugträger aus Eis

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2 Kommentare

    • Hallo Ralf, ich glaube, die hatten damals einen alten Fischtrawler als Sendestation. Müsste ich noch mal nachforschen. LG Ingo

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