Fordlândia – Henry Fords vergessene Dschungelstadt

Henry Ford baute in den zwanziger Jahren mitten im Dschungel des Amazonas eine Arbeitersiedlung, die ihresgleichen suchen sollte. »Fordlândia« sollte bieten, was des Arbeiters Herz begehrte – tolle Wohnungen und Häuser, einen Golfplatz, Burger-Läden und natürlich Alkoholverbot. Ford machte das natürlich nicht uneigennützig. Für seine Autos konnte der Industriemagnat alles herstellen – bis auf Gummi bzw. Kautschuk. Letztendlich war die Mustersiedlung nichts anderes als eine Plantage. Und die flog ihm irgendwann um die Ohren. Es kam zum Arbeiteraufstand und das Militär rückte an.

Es ist einer jener mystischen verlorenen Orte, die weitgehend in Vergessenheit geraten sind und wohl in wenigen Jahrzehnten komplett von der Landkarte verschwunden sein werden – »Fordlândia«.

Das Weihnachtsfest im Jahre 1930 sollte kein Gutes werden. Zwar hatte der millionenschwere Auto-Tycoon Ford extra ein Dutzend Weihnachts-Kiefern in den brasilianischen Urwald einfliegen lassen, aber das hob die Stimmung in Fordlândia auch nicht maßgeblich.  Hier, am Rio Tapajos, einem Nebenfluss des Amazonas wollte der steinreiche Automobilunternehmer Henry Ford 1928 eine Kleinstadt aus dem Boden stampfen. Eine Mustersiedlung nach amerikanischem Vorbild – Holzhäuser, ein Golfplatz, Burger-Restaurants, feuerrote Hydranten inklusive. Aber rechte Dankbarkeit wollte bei den brasilianischen Hilfsarbeitern nicht recht aufkommen, die Wald für die Amerikaner abholzten.

Die Bauarbeiter mussten zu jeder Tageszeit mit der Arbeit beginnen und konnten sich nicht nach dem jahreszeitlich bedingten Wetter richten. Zudem wurden sie verpflichtet in der Betriebskantine ungeliebte Speisen, wie Naturreis, Haferbrei oder Dosenfrüchte zu sich zunehmen. Das Essen wurde ihnen dabei sogleich per Personalnummer wieder vom Lohn abgezogen. Die Stimmung gärte. Als schließlich auch noch Selbstbedienung eingeführt und sich die Wartezeiten dadurch immens verlängerten wurde, kam es zum Aufstand. Wütend demolierten die Arbeiter die Einrichtung, brannten die Bürogebäude nieder, zerstörten die Maschinen und versenkten sämtliche Ford-Trucks im Rio Tapajós. Dabei riefen sie »Brasilien für Brasilianer« und »Tötet alle Amerikaner!« Die Kantinenverhältnisse waren jedoch nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Eine katastrophale Fehlentscheidung 

Fords Unterhändler Willis Blakeley erwarb für den Spottpreis von 125.000 Dollar die Rechte an einem rund 10.000 Quadratkilometer großen Areal. Der optimale Platz für eine riesenhafte Kautschukplantage samt Mustersiedlung? Mitnichten! Die Topografie war allein schon wegen der bergigen Landschaft für eine Plantage völlig ungeeignet. Erschwerend kam hinzu, dass es hier den südamerikanischen Mehltau gab – einen der gefährlichsten Gummibaum-Schädlinge überhaupt.

Blakeley war ein Mann, der von Botanik oder etwa größeren Bauvorhaben nicht die geringste Ahnung hatte. Ausgerechnet in der Regenzeit versuchte er den Urwald zu roden, um Platz für die Plantage und Fordlândia zu schaffen. Es kam, wie es kommen musste – die Baumfäller und ihre gewaltigen Maschinen blieben schließlich im Morast stecken. Kurzerhand ließ Blakeley den Urwald mit einer gigantischen Menge an Kerosin abfackeln. Der Boden war anschließend für eine landwirtschaftliche  Nutzung kaum mehr zu gebrauchen. Aber das störte Blakeley nur wenig.

Viel ist nicht mehr zu sehen von Henry Fords einstiger Vorzeigestadt im Dschungel Brasiliens. ©https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fordlandia.JPG

Während sich Fords Projektverantwortlicher in einer luxuriösen Hacienda einrichtete, mussten seine Arbeiter in fensterlosen Baracken ohne WC unterkommen oder draußen in Hängematten schlafen. Im Jahre 1928 besuchte ein brasilianischer Ford-Händler die Mustersiedlung und Plantage, um sich einen Überblick über den Fortschritt der Bauarbeiten zu verschaffen. Er war schockiert und berichtete der Ford-Zentrale in Michigan: »Keine sanitären Einrichtungen, keine Mülltonnen, Millionen Fliegen. Dreißig von 104 Männern sind krank. Es gibt zwar keine Toten, aber viele Fälle von Malaria. In der Küche gibt es so viele Fliegen, dass man kaum das Essen auf dem Tisch sehen kann.« Blakeley wurde gefeuert.

Aber auch sein Nachfolger bekam die Situation nicht in den Griff. Immer wieder flammten Unruhen auf, die von bewaffneten Söldnern Fords brutal eingedämmt und niedergedrückt wurden. Zwar kamen tausende Arbeiter nach Fordlândia, doch ebenso viele verließen die Siedlung bereits nach kurzer Zeit wieder. Zu schlimm und zu drastisch waren die Arbeit- und Lebensverhältnisse. Die Sterblichkeitsrate war extrem hoch. Bereits 1930 lagen mehr als 300 Menschen auf dem Fordlândia-Friedhof begraben.

Die Natur schlägt zurück 

1930 war ein Schlüsseljahr – im Rahmen eines Neubeginns feuerte Ford fast alle Arbeiter und sämtliche illegalen Bars und Bordelle wurden dem Boden gleichgemacht. Man teerte Straßen, baute Schulen und eröffnete Friseure, Fleischereien und Bäckereinen. Eine Golfanlage und Gartenwettbewerbe sollten amerikanischen Lifestyle in den Dschungel bringen. Aber es half alles nichts – Ford verlor, und zwar gegen einen übermächtigen Feind, den er bereits mehrfach auf die Füße getreten hatte – die Natur! Sie hatten die Kautschukbäume viel zu dicht aneinander gepflanzt, um natürlich mehr Ertrag aus der Plantage zu holen. Ein fataler Fehler. Durch die viel zu dichte Bepflanzung schufen sie den idealen Nährboden für Schädlinge wie Pilze, Käfer und Raupen. Millionen von Bäumen gingen verloren.

Latex wurde in Fordlândia nie gefördert. 1945 verkaufte Henry Fords Sohn, Henry Ford II, sämtliche Besitztümer am Amazonas. Umgerechnet auf einen heutigen Wert hatte sein Vater mehr als eine Milliarde Dollar investiert. Ford Junior verhökerte den Landstreifen nun für 244.200 Dollar.

Lust auf mehr Wissenschaft, Technik und Geschichte im Krimi- und Thriller-Format? Dann werfen Sie doch einen Blick auf Meine Thriller oder Über mich, den Thriller-Autor.

Thriller

Print Friendly, PDF & Email

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen