Gott und das Weltall – die Astronomen des Vatikan

VatikanSeit über 400 Jahren erforschen Astronomen der Vatikanischen Sternwarte den Himmel. Ihr Ziel ist es, Wissenschaft und Glauben zu verbinden. Bereits im 16. Jahrhundert begann der Vatikan den Himmel zu erforschen. Seitdem richten Jesuiten ihre Fernrohre auf die Sterne, um mit streng wissenschaftlichen Mitteln rätselhafte Himmelsphänomene zu erforschen. Es sind aber nicht nur die wissenschaftlichen kosmologischen Dinge, welche die Jesuiten beschäftigen – es ist auch die Suche nach außerirdischen »Brüdern und Schwestern« im Glauben.

Der kleine Raum ist vollgestopft mit Computern, unzähligen Monitoren und einer schier unglaublichen Menge an technischen Geräten, deren Sinn und Aufgaben sich einem Laien auch auf den zweiten Blick nicht erschließen. Die Geräuschkulisse ist gewöhnungsbedürftig – es piept, es summt, es klickt, von der stets surrenden Klimaanlage einmal ganz zu schweigen. Und mittendrin hockt der Jesuitenpater Funes. Mit müden Augen schaut er aus dem Fenster, reibt sich die Augen und starrt gedankenversunken jedoch immer noch fasziniert auf den gleich zu erwartenden Sonnenaufgang hier auf dem Mount Graham, weit oberhalb des Südens Arizonas. Nur der 3,267 Meter hohe Berg, bietet die Bedingungen, die für einen erfolgreiche Himmelsbeobachtung notwendig sind. Pater Funes ist weit weg von zu haus; weit weg vom Observatorium des Castel Gandolfos – dem Sommersitz der Päpste.

Eine Berufung zwischen Glaube und Wissenschaft

Pater José Gabriel Funes hat einen ungewöhnlichen Job in einem außergewöhnlichen »Unternehmen« – der 51jährige argentinische Jesuit ist Direktor des vatikanischen Observatoriums und damit Chefastronom der katholischen Kirche. Auf die Frage hin, als was sich Funes sieht kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: »Jesuit natürlich!« Man erwartet eine Ergänzung zur knappen Antwort, die in Richtung Wissenschaft geht. Beim weiteren Überlegen jedoch ist eine derartige Antwort überflüssig. Er ist Jesuit und das in bester Tradition. Jesuiten waren seit ihrer Gründung durch den Spanier Ignatius von Loyola jeher der Wissenschaft und dem Bildungswesen zugetan. Da sie dem weltlichen Leben nicht abgeneigt sind – sie tragen kein Ordergewand, haben keine Klöster und verzichten auf ein gemeinsames Chorgebet – verlieren sie niemals die Bodenhaftung. Ihr Ziel ist es in die Welt zu gehen, direkt zu den Menschen und dort helfen, wo die Not am größten ist. Und sie packen stets die größten Probleme ihrer Zeit an – die Bildung. Sie bilden Priester aus und schicken sie in die Welt um sogenannte Kollegien zu gründen, die Vorläufer heutiger Gymnasien. Besonderen Wert legen die Jesuiten dabei auf die Verbindung von religiöser Erziehung und humanistischer Bildung. Die Schüler an den im Mittelalter neugegründeten Kollegien lernen neben alten Sprachen auch Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie, Physik, Medizin und Rechtswissenschaft. In Forschung und Wissenschaft sind Jesuiten stets mit an vorderster Front dabei: So entdeckte der Jesuit Christoph Schreiner zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Sonnenflecken, berechnete die Umdrehungszeit der Sonne und ihre Achsenneigung. Der Erfolg der Jesuiten im Bereich der Astronomie lässt sich beispielsweise daran ablesen, dass viele Mondkrater und Mondgebirge die Namen von Jesuiten tragen.

Trotz der langen Tradition im Bereich der Naturwissenschaften und hier speziell der Astronomie drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet der Vatikan eine moderne Sternwarte auf dem Mount Graham in Arizona betreibt. Funes schmunzelt und holt ein wenig weiter aus: »Das Interesse an der Astronomie fing eigentlich im Jahre 1582 an, als Papst Gregor XIII. den Kalender reformieren wollte, um einen einheitlichen Termin für das für die katholische Kirche so bedeutsame Osterfest zu finden. Er setze hierfür eine Kommission aus Mathematikern und Astronomen ein, die dieses Problem lösen sollten. Papst Leo XIII. wollte mit der Gründung des vatikanischen Observatoriums im Jahre 1891 der Welt beweisen, dass die Kirche kein Gegner der modernen Wissenschaft ist, sonder diese ganz im Gegenteil ehr hoch schätzt.«

Seit über 400 Jahren erforschen nun die Astronomen der Vatikanischen Sternwarte den Himmel. Ihr erklärtes Ziel dabei ist es, Wissenschaft und Gauben zu verbinden, quasi eine Brücke zu schlagen, um die ungeklärten kosmologischen Rätsel unserer Zeit einer Antwort ein Stückchen näher zu bringen. Funes dazu: »Die Interessenlage in unserer kleinen Gruppe von Astronomen ist sehr vielschichtig. Wir haben Spezialisten für unser Sonnensystem, andere Kollegen beschäftigen sich Meteoriten und andere wiederum erforschen die Sterne unserer Milchstrasse. Wir arbeiten dabei, und da bin ich sehr stolz darauf, eng mit dem Stewart Observatorium der University of Arizona zusammen, um wissenschaftliche Erkenntnisse auszutauschen oder Symposien zu verschiedensten Themen der Astronomie zu veranstalten.«

Es sind aber auch Fragen eher philosophische und existenzieller Natur, die sich aus der Forschung im Bereich der modernen Astrophysik ergeben, mit denen sich die Pater auf dem Mount Graham beschäftigen: Eröffnet sich beispielsweise bedingt durch neueste Theorien im Bereich der dunkler Materie und schwarzer Löcher ein völlig neuer Zugang zu Gott?

 Die Suche nach außerirdischen »Schwestern und Brüdern«

Pater Funes und seine wissenschaftlichen Jesuiten-Kollegen haben sich seit einiger Zeit ein neues Ziel auf ihre Fahnen geschrieben – die Suche nach außerirdischen Leben! Stellt sich die Frage, warum gerade der Vatikan nach Leben jenseits unseres Sonnensystem sucht. Das es die vatikanischen Astronomen damit sehr ernst meinen bewies eine Konferenz Anfang März 2014 über außerirdisches Leben, an der mehr als 200 führende Astrobiologen aus aller Welt die an der Vatikanischen Sternwarte teilnahmen. An und für sich nichts Besonderes, wäre der Ausrichter dieser Veranstaltung nicht der Vatikan gewesen. Grund für das hochrangig besuchte Symposium war die schnell wachsende Anzahl neu entdeckter Exoplaneten, auf denen Leben wie auf der Erde möglich sein könnte.

»Wir haben derzeit keinen Beweis für die Existenz außerirdischen Lebens, was nicht heißt, dass es da draußen keines gibt. Es wird meines Erachtens sehr schwierig werden, sollten wir Leben im All entdecken, mit diesen Wesen Kontakt aufzunehmen – die Kontaktaufnahme ist die eigentliche Herausforderung unserer extraterrestrischen Forschung.«, so Funes auf die Frage, ob er an intelligentes Leben jenseits unseres Sonnensystems glaubt. Zudem gibt Funes zu verstehen, dass es für ihn und seine Kollegen keinen Widerspruch zwischen seinem Glauben und der Suche nach außerirdischen Leben gibt, das sogar höher als unsere Menschheit entwickelt sein könnte. Für Pater Funes ist es ein durchaus schlüssiger und logischer Gedanke, dass Gott auch auf anderen Planeten in den unendlichen Weiten des Alls intelligentes Leben geschaffen haben könnte. »Gottes schöpferische Freiheit kennt keine Grenzen. Also warum sollte wir nicht an außerirdischen  Brüdern und Schwestern glauben – auch sie wären Teil der göttlichen Schöpfung.«, so Funes.
Obwohl er mit dieser Erklärung bei Wissenschaftlern ohne klerikalen Hintergrund auf wenig Verständnis stoßen wird, finden er und seine Kollegen durchaus auf Beachtung, was deren Forschung betrifft. Funes hält es für möglich, dass es sich bei uns Menschen um das verlorene Schaf des Universums handelt, das der Erbsünde unterliegt.

Wir sind das verlorene Schaf

Die Erbsünde ist ein Begriff der christlichen Theologie für einen Unheilzustand, der dadurch entstanden ist, dass Adam und Eva den Sündenfall herbeigeführt haben und deshalb aus dem Paradies verstoßen wurden. Wir Menschen als Nachfahren Adam und Evas auf dieser Erde haben auch heutzutage immer noch die Konsequenzen dieser Tat zu tragen. Funes glaubt, dass im All intelligente Lebewesen existieren könnten, die in voller Freundschaft und Harmonie mit ihren Schöpfer leben könnten, da es dort vielleicht niemals den Sündenfall gegeben haben könnte – sie also nicht der Erbsünde unterliegen.

Was auf den ersten Blick sehr religiös und irgendwie weltfremd klingt hat aber weitreichende Konsequenzen. Spinnt man den Gedanken weiter, dass gläubige Aliens nicht der Erbsünde unterliegen, würden sie dem universellen Schöpfer näher stehen und hätten deshalb ein sehr viel besseres Verständnis des Evangeliums und dem Wesen Gottes. Der Kontakt zu Außerirdischen, so glauben viele Theologen und auch die vatikanischen Astronomen, würde das Wissen und Verständnis des Evangeliums grundlegend verändern.
Guy Consolmagno, Sprecher des Vatikan, Astronom des Vatikans, Jesuit, ehemaliger NASA-Mitarbeiter und Professor an der Harvard Universität und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bringt es auf den Punkt. Er glaubt, dass es sich bei Aliens, die man eines Tages finden würde, um die »Retter der Menschheit« handeln könnte, welche die Christen zu einer neuen Dimension des Glaubens hinführen könnten. Das alles mag sehr bizarr und wenig realistisch klingen, aber über genau diese Dinge denken wichtige offizielle Vertreter des Vatikan nach.

Pater Funes schaut in den kristallklaren Sternenhimmel Arizonas. Ob ihn dabei diese philosophisch-religiösen Fragen beschäftigen ist nur schwer abzuschätzen. Er ist fasziniert von den unendlichen Weiten und den unendlichen Möglichkeiten des Alls fasziniert. Ob er und seine Kollegen eines Tages einen Exoplaneten finden werden, der von einer intelligenten Spezies bevölkert ist und ob diese Kontakte mit uns wünschen und ob sie an einen Gott und Schöpfer glauben – dass alles steht auch für Pater José Gabriel Funes in den Sternen. Aber möglich wäre es!

Kurzinfo: Exoplaneten

Seit 1995 weiß man dass auch andere Sterne, wie unsere Sonne von Planeten umkreist werden. Seitdem wurden tausende von Exoplaneten entdeckt – Tendenz steigend. In den letzten Jahren hat die Technik, um Exoplaneten in fremden Sonnensystem zu entdecken wahre Quantensprünge vollzogen. Anhand der Messergebnisse können Wissenschafter heutzutage sehr viel über gefundene Exoplaneten herausfinden: wie groß er ist und wie schwer er ist. Es lässt sich definieren, welchen Abstand zu seinem Stern hat, wie hoch die Oberflächentemperatur ist und wie lange er braucht, um seinen Stern zu umkreisen. Es lassen sich sogar Aussagen zur bestehenden Atmosphäre treffen und wie diese zusammengesetzt ist. Und theoretisch könnten man auch Aussagen über Leben auf diesen Planeten treffen indem man die Atmosphäre analysiert. Ist viel Sauerstoff mit Spuren von Methan vorhanden, dann gibt es mit höchster Wahrscheinlichkeit auch biologische Prozesse, denn nur hierbei entstehen diese Stoffe.

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