H.M.S. »Habbakuk« – der Flugzeugträger aus Eis

FlugzeugträgerEs war eines der ehrgeizigsten, technologisch anspruchsvollsten und visionärsten Projekte des Zweiten Weltkriegs – die H.M.S. Habbakuk. Die Habbakuk sollte etwa 1200 m lang und 180 m breit sein, 12 m dicke Bordwände und eine Wasserverdrängung von mindestens zwei Millionen Tonnen besitzen. Und: Der Koloss sollte aus Eis bestehen. Die Idee war und ist brillant: Aufgrund des Auftriebs des verwendeten Materials wäre die Habbakuk, selbst im Fall größerer Beschädigungen, praktisch unsinkbar gewesen. Kleinere Schäden hätte man einfach durch Aufsprühen und Gefrieren lassen von Wasser reparieren können.

Die Kriegslage war mehr als ernst, als Lord Louis Mountbatten Ende 1942 endlich in seiner Funktion als »Military Chief of Combinded Operations« bei Winston Churchill vorstellig werden durfte. Bei sich hatte er ein kleines Paket von vielleicht kriegsentscheidender Bedeutung, inklusive einer visionären Idee, die den Ausgang des Zweiten Weltkriegs zugunsten der Alliierten maßgeblich beeinflussen könnte. Churchill befand sich noch im Badezimmer seiner privaten Gemächer, was Mountbatten nur wenig zu beeindrucken schien, denn er stürmte direkt ins Allerheiligste, entschuldigte sich vielmals und ließ den mürrischen Churchill erst gar nicht zu Wort kommen, der verdutzt in der Badewanne saß. »Schön, Sie hier im Bad zu erwischen. Genau der richtige Platz für meine kleine Demonstration«, begann Mountbatten, wobei er gleichzeitig den Inhalt seines kleinen Paketes freilegte. Mit wenigen Handgriffen befreite er den Inhalt des Paketes und warf einen Klumpen »Irgendetwas« in die Badewanne des Premierministers. Bei genauerem Hinsehen handelte es sich um einen Klumpen aus Eis. Minutenlang starrten die beiden auf den kleinen Eisklumpen der in der Badewanne zu Churchills Füßen schwamm. Minuten vergingen und es geschah nichts – der Eisklumpen schmolz nicht. Churchills Interesse war geweckt, Mountbatten konnte loslegen! So, oder ähnlich, soll sich diese denkwürdige Begebenheit zugetragen haben, die letztendlich im Projekt »Habbakuk« mündete. Doch der Reihe nach.

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Als Churchill und Mountbatten diese denkwürdige Begegnung haben, zeichnet sich die Kriegslage im Nordatlantik als sehr bedrohlich ab. Nach wie vor versenken deutsche Unterseeboote britische Kriegs- und Handelsschiffe mit mehreren Millionen Bruttoregistertonnen, was zu zeitweiligen Versorgungskrisen in Großbritannien führte. An eine Kontrolle der Schifffahrtsrouten war nicht zu denken. Zwar entspannte sich die Lage ab 1942 ein wenig, nachdem die Briten den deutschen Funkverkehr entschlüsseln und dank neuer Sonar- und Radartechnik die Unterwasserboote orten und bekämpfen können. Trotzdem ist der Nordatlantik noch immer ein sehr gefährliches Gewässer für Kriegsschiffe und Geleitzüge gleichermaßen.

Langstreckenbomber bzw. Langstreckenjäger, welche die Geleitzüge vielleicht auch nur partiell hätten schützen können, gab es nicht. Flugzeugträger verfügten zu der Zeit nur über sehr begrenzte Ressourcen, was die Reichweite der Jäger betraf – von der generellen Anzahl bzw. Verfügbarkeit von Flugzeugträgern einmal ganz zu schweigen. Der Weg von Nordamerika nach Europa war einfach zu weit für landgestützte alliierte Flugzeuge. Es war eine Zeit in der man zur Lösung dieser Misere ganze Heerschaaren von Wissenschaftlern ansetzte, um kreative Ideen aus dem Boden zu stampfen. Die Geleitzüge mussten vor den deutschen Unterseebooten geschützt werden – koste es, was es wolle. Und da kam Lord Louis Mountbatten ins Spiel. Als Chief of Combined Operations unterstand es ihm, Technologien zu entwickeln, die den Kriegsausgang entscheidend zu Gunsten der Alliierten beeinflussen sollten. Seine ihm zur Seite stehenden Wissenschaftler und Techniker produzierten Ideen am laufenden Band – wie phantastisch und abwegig sie auch immer waren. Die meisten der Gedankenspiele und Ideen haben niemals das Stadium des Reißbretts verlassen, und nur wenige Visionen wurden experimentell in die Praxis umgesetzt. Ein Projekt jedoch erreichte sehr schnell die Experimentierphase – der Flugzeugträger aus Eis mit dem Projektnamen »Habbakuk«. Der Koloss mit dem biblischen Namen sollte in der Mitte des Atlantiks stationiert werden, um die alliierten Geleitzüge gegen die deutschen U-Boote zu schützen, da dieser Bereich damals noch außerhalb der Reichweite landgestützter alliierter Flugzeuge lag.

Geoffrey Pyke – ein Wissenschaftler mit Mut zur Vision

Letztendlich war Habbakuk die Idee eines einzelnen Mannes – Geoffrey Pyke. Seine Idee war einfach wie genial: Eis ist unsinkbar, selbst wenn es massiv von Bomben oder Torpedos getroffen werden sollte und große Teile des Eisbergs zerbersten – der Rest schwimmt weiter. Eine bestechende wie auch wünschenswerte Eigenschaft für Kriegsschiffe! Schäden wären einfach zu reparieren, indem man Wasser einfach gefrieren lässt und damit die schadhaften Stellen ausbessert. Zudem wären Schiffe aus Eis preiswert herzustellen und könnten zudem Dimensionen annehmen, die mit traditioneller Bauweise kaum zu bewerkstelligen wären.

Ein Problem hatte Pyke allerdings. So schön die Visionen von Schiffen aus Eis auch waren, das Material an sich ist sehr leicht brüchig und für den Schiffbau eher ungeeignet. Da kam Pyke auf seine geniale Idee: Warum das Material Eis nicht mit einem anderen, stabileren Material mischen? Den Durchbruch allerdings erlangten zwei amerikanische Wissenschaftler, die am selben Problem arbeiteten, nämlich Eis sehr viel stabiler zu machen, um es als Baustoff verwenden zu können. Der Durchbruch kam Ende 1943, der Geburtsstunde des »Pykrete«. Der Begriff Pykrete ist ein Kunstwort – eine Mischung aus dem Namen des Erfinders Pyke, und der englischen Bezeichnung für Beton »Concrete«. Den amerikanischen Wissenschaftlern gelang dabei ein Verbundwerkstoff, der aus etwa 14 Prozent Sägemehl (oder einer anderen Form feiner Holzfasern) und zu 86 Prozent aus Wassereis bestand.

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Das neue »Super-Eis« zeichnete sich durch eine erstaunlich niedrige Schmelzrate aus. Das Geheimnis lag hierbei in der geringen thermischen Leitfähigkeit des neuen Materials bei gleichzeitig verbesserten Materialeigenschaften gegenüber reinem Wassereis, die jenem von Beton sehr nahe kamen.
Pyke war mehr als begeistert von den Eigenschaften des neuen Materials und begann sofort seine Visionen eines gigantischen Eis-Flugzeugträgers zu Papier zu bringen. Die ganze Sache bekam zudem einen starken Anschub, da Mountbattens Demonstration bei Churchill zu starker Begeisterung geführt hatte, erst Recht, als er ihm die potentiellen Möglichkeiten für den Kriegsschiffbau darlegte. Und die Daten waren mehr als beeindruckend: Der Flugzeugträger aus Eis sollte eine Gesamtlänge von etwa 1.200 Metern bei einer Breite von 180 Metern aufweisen und zwölf Meter dicke Bordwände sowie eine gigantische Wasserverdrängung von mindestens zwei Millionen Tonnen besitzen. Ob der ungeheuren Ausmaße, auch für heutige Verhältnisse, sollte der Gigant aufgrund des Auftriebs des verwendeten Materials, wie ein Eisberg praktisch unsinkbar sein. Kleinere Schäden hätte man einfach durch Aufsprühen und Gefrieren lassen von Wasser reparieren können.

Ein Koloss jenseits aller Vorstellungskraft

Nach den Berechnungen, der Mountbatten unterstehenden Wissenschaftler und Techniker, sollten mit dem Bau der Habbakuk mehr als 8.000 Menschen acht Monate lang beschäftigt sein – eine aus heutiger Sicht mehr als optimistische Schätzung! Auf der Habbakuk sollten bis zu 150 zweimotorige Bomber stationiert werden. Als Defensivbewaffnung waren unter anderem 40 doppelrohrige 4,5-Zoll-(11,4-cm)-Geschütztürme sowie zahlreiche leichtere Flugabwehrwaffen vorgesehen.
Die Habbakuk sollte im fernen Kanada aus 280.000 Eisblöcken zusammengesetzt werden. Und das aus gutem Grund: in den arktischen Regionen Kanadas hätte man das Wasser von selbst zu Eis bzw. Pykrete gefrieren lassen können. Ein Problem waren die Dieselmotoren im Schiffsinneren, die während des Betriebs aller Wahrscheinlichkeit viel zu viel Abwärme erzeugt hätten – auch zu viel Wärme für das neue Super-Eis. Der Super-Flugzeugträger wäre von innen heraus langsam, aber sicher geschmolzen. Um dies zu verhindern waren als Antrieb 26 Elektromotoren in externen Motorgondeln vorgesehen, die der Habbakuk eine stattliche Geschwindigkeit von bis zu zehn Knoten (19 km/h) verliehen hätten. Zudem sollten Kälteanlagen im Schiffsinneren das Schmelzen des Schiffes verhindern.

Ehe man mit der Realisierung des Riesen beginnen wollte, sollten erst einmal Experimente mit dem neuen Verbundwerkstoff stattfinden, ob er in großem Maße auch hielt, was seine Schöpfer versprachen. Und so begannen im Sommer 1943 am Lake Louise in Alberta (Kanada) Experimente mit dem neuen Pykrete. Zudem entstand am nur wenige Kilometer entfernten Patricia Lake ein kleiner Prototyp aus ganz normalen Eis mit den Abmessungen 18 x 9 Meter und einer Wasserverdrängung von 1000 Tonnen. Im Inneren des Prototyps versah eine kleine 1 PS starke Kältemaschine ihren Dienst, die das Schmelzen des Prototyps verhinderte.
Um die skeptischen, amerikanischen Alliierten mit ins Boot zu holen, nahm Mountbatten einen Block Pykrete und reiste damit nach Quebec. Um die Stabilität des Pykretes den reichlich skeptischen Amerikanern zu demonstrieren, feuerte er sogar einen Schuss aus seinem Revolver in das neue Material. Mit leider fatalen Auswirkungen: Die Kugel prallte unglücklich vom Pykrete-Block ab und streifte den »American Chief of Naval Operations«, jedoch ohne ihn ernsthaft zu verletzen. Die Stimmung war wohl mehr als »im Eimer«.
Um es kurz zu machen – die Amerikaner waren wenig begeistert, was vielleicht auch an der unglücklich verlaufenen Demonstration lag. Ihre Argumente jedoch waren schlagend: Vor allem zweifelten Sie daran, dass Wissenschaftler, Konstrukteure und Techniker die technischen Probleme überhaupt bis 1945 lösen könnten. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hätten die Amerikaner ihre konventionelle Flugzeugträgerflotte dermaßen stark aufgestockt, dass eine Habbakuk überflüssig gewesen wäre. Churchill ließ sich überzeugen und stellte das Projekt ein. Zudem wären die Kosten aus dem Ruder gelaufen. Diese wurden mit 70 Millionen Dollar veranschlagt, was den alliierten Verbündeten zu viel war. Außerdem war bereits absehbar, dass die Entwicklung neuer landgestützter Langstreckenbomber das Projekt auf absehbare Zeit überflüssig machen würde.

In einem nach dem Krieg veröffentlichten Artikel kritisierte der für die britische Admiralität tätige Sir Charles Goodeve neben den reinen Baukosten vor allem den enormen Verbrauch an Rohstoffen. Dazu zählten unter anderem 40.000 Tonnen Kork für Wärmeisolierungen, tausende Kilometer Stahlrohre für die Zirkulation des Kältemittels und ungeheure Mengen an Holzschliff, um aus Eis das begehrte Pykrete zu machen. Das Projekt Habbakuk endete damit, dass man 1943 die Kältemaschine im Prototypen auf dem Patricia Lake abstellte, was schließlich zum Schmelzen und Sinken des Schiffs führte.

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