Heinrich Himmlers Alchemisten

AlchemistenSie hießen Heinz Kurschildgen und Karl Malchus, nannten sich Alchemisten und stellten die absurdesten Behauptungen auf. Vor allem wollten Sie aus allem Möglichen Gold herstellen. Das kam Nazi-Größen wie Heinrich Himmler gerade recht: Die Nationalsozialisten brauchten dringend Devisen und Gold, um Rohstoffe für die Rüstungsindustrie kaufen zu können. In Himmlers Forschungswahn des Okkulten und der Grenzwissenschaften sollten die »Goldmacher« und viele weiter dubiose Grenzwissenschaftler eine zentrale Rolle einnehmen. 
Ein recht unerforschter Bereich des Dritten Reiches ist der Okkultismus jener Zeit, dessen sich namhafte Nazigrößen aus den unterschiedlichsten Gründen bedienten. Einer ihrer »prominentesten« Vertreter war Heinrich Himmler, seines Zeichens Kriegsverbrecher, Reichsführer-SS, Chef der Deutschen Polizei, ab 1943 Reichsinnenminister und »Ober-Esoteriker« des Deutschen Reiches. Er war überzeugter Vegetarier, liebte Tiere, glaubte an Homöopathie und Horoskope, rauchte nicht, lehnte jede Form von Alkohol ab und hielt sich für die Reinkarnation des Slawenbezwingers Heinrich I. (919-936). Und: er war einer der maßgeblichen Säulen des nationalsozialistischen Schreckens und für millionenfachen Mord an Juden, Homosexuellen und Regimekritikern verantwortlich. Schon in seiner Jugend verschlang er mit Begeisterung Schriften über antisemitische Verschwörungstheorien und wurde fanatischer Anhänger allem Okkulten, das die Germanen als Herrenrasse qualifizieren sollte.

Atlantisforschung und Hexenkunde

Heinrich Himmlers großes Forschungsziel war es zu beweisen, dass der Ursprung der arischen Rasse im sagenumwobenen Atlantis beheimatet war. Arier sollten die Herrscher von Atlantis sein, hier sollten wie Wurzeln der germanischen Herrenrasse liegen. Um dies zu »beweisen« organisierte er diverse Expeditionsreisen – unter anderem nach Tihuanaku in Bolivien und nach Tibet. In Tihuanaku – einer Ruinenstadt zwischen Anden und dem Titicaca-See – vermutete Himmler eine Enklave der Überlebenden des Untergangs von Atlantis. Hier wollte er Überreste und vor allem Beweise für die Existenz der Ur-Arier finden. Diese Expedition finanzierte er aus einem Sonderfond mit 50.000 Reichsmark (umgerechnet mehr als 200.000 Euro). Der Expeditionschef war SS-Hauptsturmführer Edmund Kiss, dessen Expeditionsmitglieder aus Archäologen, Botanikern, Geologen und Luftbildforschern bestand. Wissenschaftliche Ergebnisse, geschweige denn ein Beweis für die Existenz der Atlantis-Ur-Arier, blieb die Expedition schuldig.
Ein weiteres Forschungsfeld Himmlers war die »Hexenkartothek« – eine staatliche Unternehmung des Nationalsozialismus zur Erforschung der Hexenverfolgung  und eines der mystischen Lieblingsthemen Himmlers. Himmler hatte hier jedoch auch ein persönliches Interesse: Laut eines Vetters Himmlers, dem SS-Obersturmbannführer und Stiftskanonikus der Münchener Hofkirche soll eine Urahnin Himmlers namens Margareth Himbler am 4. April 1629 als Hexe verbrannt worden sein. Das faszinierte Himmler, der in einem weiteren okkulten Forschungsprojekt sämtliche früheren Hexen-Hinrichtungsplätze kartografieren und systematisch erfassen wollte. Diese Plätze verfügten seiner Meinung nach auch heute noch über eine unermessliche spirituelle Energie. Die Hexenkartothek sollte aber auch noch einen weiteren, sehr viel praxisnaheren, propagandistischen Bezug haben – die Diskreditierung der katholischen Kirche, die Himmler und seinen Gefolgsleuten ein Dorn im Auge war. Die Hexenverfolgung war seiner Meinung nach ein Verbrechen der katholischen Kirche und ein gescheiteter Versuch, das altgermanische Erbe der deutschen Herrenrasse zu vernichten. Die „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse sollten nach Himmlers Willen in die NS-Propaganda und die Schulbildung der Heranwachsenden einfließen – was jedoch nicht geschah. Als konkrete Ergebnisse ausblieben, fokussierte sich Himmler lieber auf sehr viel vielsprechendere Dinge – Gold!

Himmlers Lieblinge – die »Goldmacher«

So esoterisch und okkult Himmlers »Forschungen« auch waren, sie hatten teilweise einen knallharten wirtschaftlichen Hintergrund. Im Laufe der Jahre entstand um Heinrich Himmler herum ein Netzwerk aus Scharlatanen, Mystikern und anderen esoterischen Ganoven. Des SS-Chefs »Lieblinge« im okkultem Universum seiner abstrusen Ideen waren dabei jene zweifelhaften Persönlichkeiten, die sich Alchimisten nannten und ihm versprachen, Gold in unbegrenzter Menge herzustellen! Himmler war fasziniert, blind vor Gier und sehr interessiert – schließlich galt es einen bevorstehenden Krieg zu finanzieren! Dabei kamen Himmler die Goldmacher und Alchimisten wie gerufen, um die Kriegskasse mit unermesslichen Goldvorräten aufzufüllen!

Himmler hatte unter den Alchemisten zwei Kandidaten, die ihm sehr vielversprechend erschien – Heinz Kurschildgen und Karl Machus. Kurschildgen fiel schon während den ersten Weltkriegs und in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit unhaltbaren wissenschaftlichen Theorien auf. So behauptete er beispielsweise, er könne aus Uranoxyd innerhalb von 15 Minuten Radium herstellen – ein Vorgang der in der Natur viele Millionen dauert. Und, was Himmler besonders interessierte: Er könne er Gold herstellen und zwar in beliebigen Mengen. Das weckte Begehrlichkeiten bei Wilhelm Keppler, seines Zeichens Wirtschaftsberater Adolf Hitlers. Dieser besuchte Kurschildgen in seinem Labor und verpflichtete Kurschildgen seine Experimente zur Herstellung von Gold den Sachverständigen beim Reichspatentamt vorzuführen. Weiterhin wurden SS-Obergruppenführer Dr. Werner Best sowie Heinrich Himmler über Kurschildgens erstaunliche Forschungen informiert. Im Rahmen der Kriegsvorbereitungen zum 2. Weltkrieg wären Kurschildgens Forschungen von strategischer Bedeutung. Kurzerhand veranlasste Himmler, das Labor nach Berlin zu verfrachten, um dort die Ergebnisse nachvollziehen zu können. Wie zu erwarten – ohne Erfolg! Kurschildgen wurde als Betrüger entlarvt und als geisteskranker Phantast eingestuft. 1936 wurde Kurschildgen zur Untersuchungshaft in das KZ Columbia-Haus eingewiesen und sein Fall erneut verhandelt. Das Urteil – drei Jahre Zuchthaus. Das und seine vorzeitige Haftentlassung passten Heinrich Himmler ganz und gar nicht. Schließlich hatte Kurschildgen Himmler mehr als vorgeführt und ihn auch unter seinen Parteigenossen blamiert. Selbst Goebbels machte sich über Himmler lustig. Also ließ Himmler Kurschildgen erneut in Haft nehmen. Kurschildgen wandte sich hilfesuchend an Reinhard Heydrich – und erreichte tatsächlich seine endgültige Entlassung. Bis zum Kriegsende war von Kurschildgen nichts mehr zu vernehmen. Er war wie von der Bildfläche verschwunden.

Ein weiterer vielversprechender Kandidat Himmlers war Karl Malchus. Ende 1937 traf sich Heinrich Himmler mit dem angeblichen Goldmacher. Der überzeugte Himmler auf ganzer Linie, der ihm im Konzentrationslager Dachau ein Laboratorium einrichtete und ein komfortables Salär bezahlte und zwar aus einem persönlichen Etat Heinrich Himmlers. Malchus wollte Gold aus Isar-Kies herstellen – eine abstruse Methode, die keinerlei wissenschaftliche Begutachtung standhielt. Gold? Fehlanzeige! Malchus wurde nach dessen Ergebnislosigkeit direkt ins KZ Dachau überführt und überlebte. Anfang der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts versuchte Malchus erneut mit seiner Idee Investoren zu finden. Ergebnislos!

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