Heißes Pflaster

haringey_westminster_first_shoot_hires-146Wer hätte das gedacht: Straßenkehricht als Millionen-Pfund-Geschäftsmodell! Der Dreck, den die Straßenreinigung Tag für Tag von den Straßen saugt, ist wertvoller, als man denkt. Es sind vor allem die edlen und seltenen Mikrobestandteile wie Palladium, Platin und Rhodium, auf die es der französische Entsorger »Veolia« abgesehen hat. Der betreibt im britischen Ling Hall eine weltweit einzigartige technische Anlage, die aus dem Schmutz die raren Metalle herausfiltert. Ein wirtschaftlich heißes Pflaster!

Der tiefbraune, muffig riechende Matsch, den die Zentrifuge der Sortierstraße ausspuckt, sieht so gar nicht nach etwas von größerem Wert aus. Vielmehr könnte man meinen, der feuchte, bröselige Stoff diene etwa als Basismaterial für Blumentröge oder Einkaufstaschen. Doch weit gefehlt: Für das französische Entsorgungsunternehmen Veolia ist dieser Dreck exquisiter als Gold. Denn was die Anlage da im Halbstundentakt verlässt, enthält in kleinsten Mengen Palladium, Platin und Rhodium – seltene und begehrte Elemente, die aus einer wohl eher unvermuteten Quelle stammen: von stark befahrenen Straßen.

Das Geld liegt auf der Straße

Doch wie gelangen die wertvollen, mikroskopisch kleinen Metallpartikel auf Autobahnen und Bundesstraßen? Dies geschieht durch Katalysatoren von Benzin-Otto-Motoren der Automobile, die auf den Straßen unterwegs sind. Diese emittieren die Mikropartikel, und zwar jeden Augenblick und auf jedem Meter, den sie zurücklegen. Aus Veolias Sichtweise die pure Verschwendung der sehr seltenen Rohstoffe. Beispiel Platin: Seit Jahren steigen die Preise, allein im Vorjahr um mehr als 13 Prozent. Platin ist ein sehr kostbarer und rarer Rohstoff, der dringend für die Produktion von Katalysatoren in Kraftfahrzeugen benötigt wird. Bei einem weltweit steigenden Pkw-Umsatz zahlreicher Hersteller lässt sich durchaus erahnen, wie gefragt Platin ist. Auch Palladium wird in der Katalysatortechnik verarbeitet. Das silberweiße Übergangsmetall zählt zu den Platinmetallen und ist zwar absolut betrachtet preiswerter als Platin, aber gerade das steigert die Nachfrage der Automobilindustrie. In den vergangenen fünf Jahren stieg der Kurs für Palladium an der Rohstoffbörse um sagenhafte 270 Prozent.

Auch Rhodium ist begehrter als Gold und ebenfalls in der Automobilkatalysatortechnik relevant. Die weltweite Fördermenge liegt bei durchschnittlich 22 Tonnen pro Jahr. Das ist umgerechnet ein Würfel von nicht einmal zwei Kubikmetern, was an dem hohen spezifischen Gewicht von Rhodium liegt. Also theoretisch beste Aussichten für Unternehmen, die sich dem Recycling dieser Metalle verschrieben haben. Veolia will eigenen Angaben zufolge nach intensiver Forschungsarbeit eine entsprechende Technologie entwickelt haben. Im britischen Ling Hall hat das Entsorgungsunternehmen um gut fünf Millionen Pfund (umgerechnet 6,53 Millionen Euro) eine Sortieranlage errichtet, um die seltenen Metalle aus dem Kehricht zu fischen. Noch ist es ein relativ unsicheres Investment, das stark abhängig von den Weltmarktpreisen für Palladium, Platin und Rhodium ist. Aber die Chancen stehen sehr gut, da diese wertvollen Metalle im Preis von Jahr zu Jahr steigen. Schließlich sind diese Edelmetalle nicht nur seltene, sondern auch endliche Ressourcen unseres Planeten.

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Veolias Fahrzeuge in Großbritannien sammeln Strassenkehricht und gewinnen daraus Edelmetalle. © Veolia

Bis sich die Anlage in der derzeitigen Form amortisiert hat, dürften allerdings noch einige Jahre ins Land ziehen. Bisher werden aus jährlich 30.000 Tonnen Straßenkehricht gerade mal fünf Kilogramm seltener Metalle extrahiert, was einem Marktwert von rund 80.000 Pfund oder 104.500 Euro entspricht. Es ist freilich auch erst der Anfang. Die Anlange in Ling Hall untersteht einem steten Optimierungsprozess und hat ihre Kapazitätsgrenzen noch lange nicht ausgereizt. Großbritannien wurde als Standort gewählt, weil das Land immer noch Europameister ist, wenn es darum geht, Müll zu deponieren. Um die Deponiekosten zu minimieren, sind britische Gemeinden sehr erpicht darauf, Müll recyceln zu lassen. Eine Tonne Straßenkehricht auf einer Mülldeponie zu lagern, kostet den Steuerzahler bis zu 150 Pfund. Das Recycling durch eine Sortieranlage wie jene von Veolia kostet pro Tonne weniger als die Hälfte – praktisch für die Kommunen wie auch die Entsorger.

Ab in die Waschmaschine

Es ist ein unstetes Treiben auf der Anlage in Ling Hall. Alle paar Minuten kommen gelbe Müllfahrzeuge angefahren und entleeren ihre unappetitliche Ladung in die Anlage. Der Straßenkehricht landet zuerst in einer riesigen Trommel, die Mitarbeiter gern »Waschmaschine« nennen. Unter immensem Lärm werden in dieser Stufe der Mülltrennung zunächst die großen Bestandteile des Straßenmülls separiert. Was übrigbleibt, ist eine homogene Masse, die ein Förderband eine Stufe nach oben transportiert. Hier übernehmen riesige Siebe und eine Wasserstation, die Sand, Steine und andere nicht metallische Bestandteile voneinander trennen. Das Häufchen, welches dabei übrig bleibt, wandert erneut eine Etage höher ins Herz der Anlage – in die Zentrifuge. Was hier genau geschieht und welche Technologien dabei zum Einsatz kommen, ist strengstes Firmengeheimnis. Fest steht nur, dass Metallspuren und Erdreste zu einer braunen Masse verdichtet werden, die anschließend wieder in die Außenwelt entlassen wird und auf einem Haufen am Ende der Sortieranlage landet. Da trocknet sie einige Zeit, um dann abtransportiert zu werden. Nächster Halt ist Ellesmere Port, Cheshire. Dort übernimmt eine Auswaschanlage den Job der Edelmetallaufbereitung. Die in der braunen Trockenmasse verbliebenen Feinstaubelemente, welche die Edelmetalle enthalten, werden dabei separiert. Im letzten Arbeitsschritt bereitet die Anlage die Edelmetalle auf, um sie per Zwischenhändler wieder der Autoindustrie zuzuführen.

Die Menge macht´s

Damit sich die Extraktion der Edelmetalle aus dem Straßendreck dereinst lohnen kann, muss Veolia diverse Einrichtungen betreiben. Dazu hat sich der französische Entsorger bereits im gesamten Königreich um die 50 Straßenreinigungsverträge gesichert. In Großbritannien fallen jährlich etwa 440.000 Tonnen Straßenkehricht an. Mittelfristig möchte Veolia in unterschiedlichen Aufbereitungsanlagen ungefähr 165.000 Tonnen dieses wertvollen Drecks auf bereiten, um daraus jährlich 1,5 Tonnen Platin zu gewinnen. Die Prognosen für Palladium fallen etwas geringer aus – rund 1,3 Tonnen. Rhodium liegt weit unter diesen Fördermengen – genaue Zahlen sind hierbei nicht bekannt.

Faktum ist jedoch: Jene Edelmetalle, die Veolia aus dem Straßenkehricht gewinnt, erleben derzeit und aller Voraussicht nach auch in Zukunft immense Preissprünge nach oben. Dies liegt vor allem in der Tatsache begründet, dass der chinesische Automarkt trotz schwächelnder chinesischer Konjunktur enorme Wachstumsraten aufweist. Zudem finden edle Metalle auch immer mehr Einsatz im Bereich der Elektronik, beispielsweise als Kontaktwerkstoff für Relais in Kommunikationsanlagen sowie in einer Vielzahl medizinischer Geräte. Und auch zukünftige automobile Entwicklungen setzen auf die Edelmetalle: Brennstoffzellen wasserstoffbetriebener Autos nutzen als Elektronenmaterial Palladium und Platin.

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