Helden am seidenen Faden

HeldenViele Jahrzehnte bevor Felix Baumgärtner mit seinem spektakulären Stratosphärensprung für Furore sorgte und noch ehe sich die ersten Astronauten in ihren Apollo- und Sojuskapseln aufmachten, den erdnahen Raum zu besuchen, gab es Männer, die heldenmutig das Fundament für die erfolgreichen Raumfahrtprogramme der USA bereiteten. Die Rede ist von den ersten Raumfahrern, die mit Ballons in die oberen Schichten der Erdatmosphäre gebracht wurden und von dort per Fallschirm nach Stunden der Angst ins Nichts Richtung Erde sprangen oder über viele, viele Stunden – Unwetter inklusive – in einer Kapsel nicht viel größer als zwei Badewannen, wieder zurück zur Erde schwebten. Alles im Dienst der Wissenschaft und Forschung. Es sind genau diese Art von Geschichten, die Legenden und Helden hervorgebracht haben, ohne die eine moderne Raumfahrt, wie wir sie heute kennen, nicht existieren würde.

16. November 1959, Holloman-Airforce-Base in New Mexico. Es ist mitten in der Nacht, als die Holloman-Airforce-Base aus ihrem Tiefschlaf erwacht und sich hektisches Treiben breitmacht. Ingenieure, Wissenschaftler und Techniker der amerikanischen Luftwaffe bringen einen leeren, erschlafften Ballon auf dem Freifeld des Airfields in Stellung, um ihn mit Helium zu füllen. Die Anspannung aller Mitarbeiter liegt förmlich zum greifen in der Luft. Es ist ein Experiment, dass bisher noch niemand durchgeführt hat und dessen Ausgang trotz aller optimistischen Prognosen mehr als ungewiss ist. Das Edelgas strömt in den Ballon, Minute um Minute, Stunde um Stunde. Hat der Ballon am Boden schon überragende Dimensionen – 13 Meter in der Breite und mehr als 60 Meter in der Länge – so soll er sich in der Erdatmosphäre bis auf das 25fache der Breite und das 20fache der Länge ausweiten. Genug, um eine Plattform mit einem Testpiloten zu tragen.
Als sich Captain Joe Kittinger in den frühen Morgenstunden Richtung Ballon aufmacht, hat er schon eine mehrstündige Prozedur hinter sich. Um vier Uhr in der Nacht hatte er für zwei Stunden begonnen reinen Sauerstoff einzuatmen. Genau der Zeitraum, der notwendig ist, um den Stickstoffgehalt im Blut auf das notwendige Maß zu reduzieren. Joe Kittinger lässt diese Prozedur geduldig über sich ergehen, weiß er doch, dass sein Leben davon abhängt. Nach dem dies geschehen ist, ist es an der Zeit sich anzukleiden. Wissenschaftler kleiden den Testpiloten der Luftwaffe mit mehreren Schichten wärmeisolierender Kleidung ein. Anschließend pressen sie Kittinger in seinen Druckanzug und verfrachten ihn anschließend in eine Kältekammer. Er darf nicht schwitzen! Der Schweiß würde in großen Höhen zu mächtigen Eisplatten zwischen den Kleidungsstücken gefrieren, was einem Todesurteil nahe kommen würde.

Helden
Col. Joseph Kittinger Jr. (U.S. Air Force photo) © National Museum of the USAF

Irgendwann in den frühen Morgenstunden ist es dann soweit, gerade als die ersten Sonnenstrahlen die Wüste von New Mexico in ein märchenhaftes Licht tauchen. Ein gutes Omen? Schweren Schrittes bewegt sich Kittinger Richtung Ballon und wird sich der Tragweite seines Handelns erst wirklich gewahr, als er vor der Plattform steht. Nur wenige Kilogramm Stahl, ein Sitz, einige Zeltplanen, welche die Plattform umgeben und ein Ballon mit 56.000 Kubikmeter Helium sind die Garanten für den erfolgreichen Abschluss des Projektes »Excelsior«. Wissenschaftler verankern Joe Kittinger fest auf der Plattform und dann geht es los. Zuerst langsam und dann immer schneller bewegt sich der Helium-Ballon Richtung Stratosphäre. Dabei bläht sich der Ballon immer mehr zu seiner vollen Größe auf, da der Luftdruck mit steigender Höhe sinkt und das Helium sich voll entfalten kann. Es ist kalt, sehr kalt. Die Rekorder-Kiste an Kittingers Brust zeichnet konstant seinen Herzschlag und viele weitere Daten auf, die für die Wissenschaftler und Techniker von immenser Bedeutung sind.

Helden
»Lord take care of me now!« ©National Museum of the USAF

Nachdem der Höhenmesser die gewünschte Höhe von 23 Kilometern anzeigt ist es soweit – Zeit für den Sprung Richtung Erde. Kittinger möchte sich von seinem Sitz erheben, aber es geht nicht. Angefroren! Der erfahrene Testpilot muss handeln, möchte er nicht einen einsamen und kalten Tod erleiden. Nach unendlicher Mühe und einer gefühlten Ewigkeit, kann Kittinger sich schließlich doch lösen. Das alles hat wertvolle Zeit gekostet, genauer gesagt 11 Sekunden. Unglücklicherweise aktiviert Kittinger hierbei den Timer für seinen Spezialfallschirm. Diese frühzeitige Aktivierung des stabilisierenden Fallschirms hat zur Folge, dass sich der eigentliche Fallschirm viel zu früh öffnen wird. Egal, nur raus hier!

Nach einem kurzen Stoßgebet: »Lord, take care of me now.«, stürzt sich Kittinger über die Kante seiner Plattform ins Ungewisse. Nur 2,5 Sekunden nachdem er die Excelsior-Plattform verlassen hat, öffnet sich der Stabilisierungsschirm – viel zu früh, dass sich Kittinger noch nicht im freien Fall stabilisieren konnte. Kittinger pendelt, dreht sich unkontrolliert mit mehr als 80 Umdrehungen pro Minute, verheddert sich in den Zügen seines Schirms und verliert das Bewusstsein. Glücklicherweise funktioniert die Automatik seines Reserveschirms hervorragend. Dieser öffnet sich in einer Höhe von nur noch 1.800 Metern zum Boden. Wie durch ein Wunder überlebt Kittinger mit nur wenigen Blessuren – das Experiment ist ein voller Erfolg!

Und warum das Ganze?

Prinzipiell ging es bei dem Excelsior-Projekt darum eine neue Art von Fallschirm zu testen, die Piloten und vielleicht später auch Astronauten den Notausstieg in großer Höhe ermöglichen sollte. Und die Notwendigkeit hierfür war durchaus gegeben. Moderne Düsenflugzeuge der Airforce flogen immer höher und vor allem auch immer schneller. Aus diesem Grund beschäftigte sich die U.S. Air Force seit Beginn der fünfziger Jahre mit dieser Thematik. Es mussten Fallschirmsysteme her, die den unkontrollierten Flug eines ausgestiegenen Piloten in »geordnete Bahnen« lenken sollte, um dem Piloten eine sichere Heimkehr zu ermöglichen. Maßgeblich beteiligt an der Entwicklung neuer Rettungsschirme war Francis Beaupre, ein Techniker von Wright Field, der an dem Projekt Excelsior mitwirkte und es letztendlich erst mit seiner Erfindung ermöglichte. Er entwickelte den sogenannten »Beaupre Multi-Stage Parachute«, einem Fallschirm, der unkontrolliertes Drehen in großen Höhen mittels eines kleinen Stabilisierungsschirms verhinderte. Zudem verfügte das System über einen Timer- und Höhenmechanismus, der den Hauptschirm des Piloten bzw. Astronauten automatisch nach der Stabilisierungsphase öffnet.
Höhepunkt des Excelsior-Projektes war »Excelsior III«. Dieser Flug machte Kittinger endgültig zum Helden. Am 16. August 1960 morgens startete er zu seinem Weltrekordflug bis zu einer Höhe von 31.332 Meter auf. Wieder sprang er, diesmal ohne Schwierigkeiten, mit einem noch ungeöffneten Fallschirm und dem Druckanzug ins Nichts. Ein Helm mit Funkgerät sowie eine Kamera und der übliche Kasten zur Datenaufzeichnung vor der Brust waren ebenfalls mit von der Partie. Kittinger fiel vier Minuten und 36 Sekunden im freien Fall, bis sich in rund 5.500 Meter Höhe der Hauptfallschirm öffnete. Nach weiteren 9½ Minuten landete er sicher. Bei diesem Flug durchbrach Kittinger im freien Fall die Schallmauer mit einer Geschwindigkeit von maximal 1.149 km/h. Und das wichtigste überhaupt: der Fallschirm des Mr. Field versah seinen Dienst vorbildlich. Im Rahmen von Excelsior III stellte Kittinger drei Weltrekorde auf, die bis heute nicht übertroffen wurden: Höchste Ballonfahrt mit offener Gondel, höchste Geschwindigkeit eines Menschen ohne besondere Schutzhülle und längster Fallschirmsprung.

Rückblick: zwei Jahre zuvor – Projekt »Manhigh«

Als Captain Joseph Kittinger das erste Mal von der Excelsior-Plattform sprang war er eigentlich schon ein alter Hase in Sachen »Weltraum«. Parallel zum Excelsior-Programm, gab es ein zweites Projekt, das nicht den Test neuer Fallschirmsysteme zum Ziel hatte, sondern die Erforschung der erdnahen Atmosphäre, die Erfassung wissenschaftlicher Daten über das Verhalten eines Ballons in dieser Höhe sowie die Wirkung kosmischer Strahlung auf den Menschen. Bereits im Jahre 1955 begannen die Vorbereitungen für dieses ehrgeizige Projekt. Und die Verantwortlichen hierfür wollten einen jungen Testpiloten, dessen Ehrgeiz, Tatendrang und Mut schon damals die Runde machte – Captain Joe Kittinger!
Bevor jedoch aus einem wagemutigen Testpiloten ein Raumfahrer werden würde, brauchte man unbedingt ein Raumschiff. Wobei der Begriff Raumschiff an dieser Stelle zu viel verspricht. Die Wissenschaftler und Ingenieure der Air Force entwickeln eine kleine, geschlossene Kapsel, die nur zwei Hauptaufgaben haben würde – die Versorgung des Piloten mit Sauerstoff und Schutz vor dem lebensfeindlichen Weltraum.

Helden
Schematische Darstellung der Manhigh-Kapsel. © National Museum of the USAF

Besonders der Temperatur widmeten die Techniker große Aufmerksamkeit. Schließlich würden die Temperaturen in der Stratosphäre bis auf unter minus 70 Grad Celsius sinken.

Das dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt sein würde, grenzt aus heutiger Sicht an ein Wunder. Besonders der Aspekt Finanzen spielte eine große Rolle – das Budget der »Ballon-Piloten« war mehr als dürftig. Die Ballonpiloten der Air Force und ihre ehrgeizigen Projekte wurden von den verantwortlichen Militärs eher geduldet als gefördert. Das Thema Raumfahrt war zu dieser Zeit keine Option für Militärs und Regierungen. Das Treiben der Ballon-Piloten wurde eher belächelt und als Spinnerei abgetan – ein Fall für Science Fiction-Liebhaber und wissenschaftliche Phantasten. Davon ließen sich die Ballonpiloten aber nicht entmutigen. Sie beschlossen, auf eigene Faust die technischen, medizinischen und psychologischen Anforderungen der bemannten Raumfahrt zu testen – und das mit großem Erfolg!

Helden
Die Original Manhigh-Kapsel steht heute im National Museum of the USAF. © National Museum of the USAF

Am frühen Morgen des 2. Juni 1957 ist es soweit: Testpilot Kittinger, Ballon und Kapsel sind klar zum Start in eine Höhe von 30 Kilometer. Alles verläuft zunächst, wie am Schnürchen, bis das Funkgerät aufgibt. Kittinger kann zwar die Crew am Boden noch hören, sich aber nicht mehr erreichen. Lediglich Morsezeichen sind noch möglich. Und als wäre das nicht schon genug, bemerkt Kittinger kurz darauf, dass die Sauerstoffreserven zu schnell schwinden. Kittinger entschließt sich, die akute Notlage nicht nach unten zu morsen. Schließlich hat er ja noch die Sauerstoffreserven in seinem Raumanzug. Nach gut zwei Stunden erreicht er so das Ziel. Er schwebt in einer Höhe von 29.260 Metern. Aber der Sauerstoff wird mehr als knapp, so dass sich Kittinger sofort auf den Weg nach unten machen muss. Trotz der Funk- und Sauerstoffpanne wird Manhigh I ein voller Erfolg und legt mit seinen gesammelten Daten den Grundstein für die moderne bemannte Raumfahrt.
Das Manhigh-Programm stellt das amerikanische Militär nur sechs Wochen nach dem dritten erfolgreichen Flug von Manhigh III ein. Schuld daran ist eine kleine metallene Kugel, die am 4. Oktober 1957 in die Erdumlaufbahn geschossen wurde und die Erde vielfach umrundete, bis sie nach 92 Tagen in der Erdatmosphäre verglühte. Die Rede ist von »Sputnik 1«, der amerikanischen Militärs und der Regierung einen gehörigen Schrecken versetzte. Die NASA mit ihren milliardenschweren Programmen wird ins Leben gerufen und die Helden am seidenen Faden verschwinden im Vergessen.

Kurzinfo: Manhigh II
Am 19. August 1957 startet Manhigh II. Pilot David Simons erklärt sich bereit, über 24 Stunden im Weltraum zu verbringen, sich selbst, die Stratosphäre und den Weltraum zu beobachten. Die Kapsel funktioniert wunderbar und nach zwei Stunden knackt er die 30-Kilometer-Marke. Die folgenden Stunden schwebt die Gondel unbeweglich in der Stratosphäre. Die Zeit braucht Simons auch, um mehr als 25 wissenschaftliche Experimente abzuarbeiten. Ein Unwetter wird Simons jedoch fast zum Verhängnis. Die Wolken schneiden den Ballon von der Wärmeabstrahlung der Erde ab. Das Helium kühlt ab, der Ballon schrumpft und sinkt. Er muss befürchten, mitten in das gewaltige Unwetter gezogen zu werden. Nur mit viel Mühe und Glück hält sich Simons über dem gefährlichen Unwetter bis der ganze Spuk vorüber ist. Die Landung glückt und Simons wird zum Medienstar.

Kurzinfo: Manhigh III

Manhigh III war der letzte Flug im Rahmen des Manhigh-Programms. Clifton McClure stieg am 8. Oktober 1958 bis auf 29.900 Meter und landete wieder unversehrt. Der größte Unterschied zu Manhigh I und Manhigh II lag in der Tatsache begründet, dass die Kapsel in der Länge vergrößert wurde. Die Länge betrug nun 2,70 Meter und der Durchmesser 91 Zentimeter.

Kurzinfo: Made in Germany

Ballon und Manhigh-Kapsel wurden in Minneapolis von Otto C. Winzen gebaut. Winzen wurde 1918 in Köln geboren, kam 1937 in die USA und gründete nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Frau Winzen Research Inc. Sein Hauptinteresse galt dem Bau von Höhenballons für Navy und Air Force. Sein Geld verdiente er anfangs jedoch anderweitig – nämlich mit der Produktion von Gemüsebeuteln und Fluid-Paks (mit Plastikfolie ausgekleidete Pappschachteln). Ein Pak kostete 25 Cent und war damit eine echte Alternative zur Dose, die mit Herstellung und Wiederaufbereitung 5 $ das Stück kostete. 1972 entwickelte und baute Winzen Research einen Ballon, der bis heute den Rekord für mit einem Ballon jemals maximale Höhe hält – 51,816 Meter über Chico in Kalifornien.

Lust auf mehr Wissenschaft, Technik und Geschichte im Krimi- und Thriller-Format? Dann werfen Sie doch einen Blick auf Meine Thriller oder Über mich, den Thriller-Autor.

facebook-bild

Print Friendly, PDF & Email

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen