Ivar Kreuger und die Macht der Streichhölzer

Er war Industriemagnat, Visionär, Bankier und einer der reichsten Männer der zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Zu seinen besten Zeiten kontrollierte er annähernd zwei Drittel des weltweiten Streichholzmarktes. Und: Ivar Kreuger war ein Betrüger, vielleicht der größte Betrüger des letzten Jahrhunderts. Am 12. März 1932 jagt er sich eine Kugel ins Herz, als sein Lügenkonstrukt einzustürzen drohte. Oder wurde er ermordet? Feinde hatte er sich jedenfalls mehr als genug gemacht.

Es ist der später Nachmittag am 11. März 1932, als ein gut gekleideter Mann mittleren Alters seinen Fuß in ein Waffengeschäft im Pariser Zentrum setzt. Er weiß, was er will. Nach wenigen Minuten entscheidet er sich für eine 9-Millimeter-Browning, inklusive vier Packungen passender Munition. Seinen Namen – Ivar Kreuger – trägt der Verkäufer ordnungsgemäß, samt korrekter Adresse, in das Verkaufsbuch ein. Am folgenden Tag findet Kreugers engster Mitarbeiter, Krister Littorin, seinen Chef im Bett des Schlafzimmers mit der Pistole in der Hand. Direkt über dem Herzen des Industriellen ist ein kleines Loch zu sehen – der Mann ist tot. Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Sämtliche Zeitungen Europas und der restlichen Welt überschlagen sich mit Nachrichten über den Selbstmord des schwedischen Industriegiganten.

Wer war dieser Mann, der seinem Leben ein solch abruptes Ende setzte, und warum tat der dies? Eines ist sicher, Ivar Kreuger war eines der größten Wirtschaftsgenies und einer der mächtigsten Männer seiner Zeit. Geboren wurde er am 02. März 1880 in Kalmar (Schweden). Kreugers Vorfahren waren deutsche Einwanderer, die als Handwerker arbeiteten. Sie trugen den Namen »Kröger«, der im Schwedischen allerdings nur schwer auszusprechen war. Deshalb nannten sie sich fortan »Kreuger«. Um 1830 schlug Ivars Urgroßvater, Anders Lorentz Kreuger, den beruflichen Werdegang eines Großhandelskaufmanns ein – mit Erfolg. Er war geschäftlich und gesellschaftlich so erfolgreich, dass er zum russischen Konsul ernannt wurde. Zehn Jahre zuvor, im Jahre 1820, wurde Ivar Kreugers Großvater geboren – Peter Edward Kreuger. Er gründete später mit seinem Schwager Jennings das Familienunternehmen »Kreuger & Jennings«. Diese Firma stellte erstmals Zündhölzer her und erwarb im Lauf der Jahre eine der vielen in Schweden ansässigen Zündholzfabriken. Der Grundstein für das spätere Imperium wurde gelegt. 1852 wurde Ernst Kreuger, Ivars Vater, geboren. Er heiratete Jenny Forssmann und zeugte mit ihr sechs Kinder. Ivar war der Drittgeborene aus der Ehe. Ernst stieg erfolgreich ins Streichholzgeschäft ein und vergrößerte das Unternehmen, indem er über die Jahre hinweg weitere Firmen zum aufstrebenden Imperium hinzukaufte. Ivar Kreuger übernahm das angehende Streichholzimperium jedoch nicht sofort von seinem Vater, sondern machte erst einmal eigene geschäftliche Erfahrungen als Bauingenieur in den USA, Südafrika und Großbritannien. Er machte aus seiner kleinen Konstruktionsfirma Kreuger & Toll im Lauf weniger Jahre ein weltumspannendes Imperium, das aus 260 Fabriken und rund 75.000 Mitarbeiter bestand.

Ivar Kreuger
Ivar Kreuger managte sein Imperium von seinem Stockholmer Büro aus.

Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts umfasste sein Trust fast zwei Drittel der weltweiten Streichholzproduktion, Goldminen, Erzberg- und Verhüttungswerke, große Teile der schwedischen Papierindustrie samt den dazugehörigen Wäldern, teure Immobilien in einigen europäischen Hauptstädten und die Telefonfirma Ericsson. Kreuger gehörten in Schweden Wälder von der Größe Belgiens, aus denen er Zündhölzer herstellte.
Neben der Produktion unterschiedlicher Gebrauchsgüter war Kreuger auch Finanzier. Zwischen 1925 und 1930 vergab er Staatsanleihen an 17 Länder in einer Höhe von rund einer halben Milliarde Dollar. Das tat er jedoch nicht aus purer Menschlichkeit – im Gegenzug ließ er sich das Zündholzmonopol in den entsprechenden Ländern garantieren. Die Vorgehensweise war dabei immer dieselbe: Erst einmal trieb der die nationalen Hersteller mit Niedrigstpreisen in den Bankrott, anschließend kaufte er die bankrotten Betriebe auf, bis er den Markt beherrschte. War die Übernahme abgeschlossen und die Stellung als Monopolist gefestigt, verhandelte er mit den jeweiligen Regierungen um die Gewährung des gesetzlichen oder vertraglichen Zündholzmonopols. Als Gegenleistung bot er dem Staat langfristige Kredite zu günstigen Konditionen an. Ab 1929 kontrollierte Kreuger in der Weimarer Republik etwa 65 % des deutschen Zündholzmarktes. Da die Staatskassen der Republik durch Reparationszahlungen und die Weltwirtschaftskrise stark geschwächt waren, nahmen Politiker gern das Angebot Kreugers über einen von 125 Mio. Dollar an. Auch in diesem Fall wurde Kreuger das Zündholzmonopol garantiert. Am 29.01.1930 wurde das »Zündwarenmonopolgesetz« durch den Reichstag verabschiedet. Die Reichsanleihe lief vereinbarungsgemäß über 53 Jahre, und da sich die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches verstand, wurde das Zündholzmonopol erst zum 15.01.1983 aufgehoben.

Ivar kreuger

Nur wenige Wochen nach Kreugers Tod meldet die Mutter-Firma Kreuger & Toll Konkurs an. Erst jetzt kommt das ganze Ausmaß der geschäftlichen Katastrophe ans Tageslicht. Kreuger hat im großen Stil Bilanzen gefälscht, der Konzern war nichts anderes, als ein gigantisches Kartenhaus, das nach dem Tod seines Erbauers schnell zusammenbrach. Fast täglich erscheinen in der internationalen Tagespresse neue spektakuläre Meldungen über Ivar Kreuger und sein angebliches Imperium. Innerhalb kürzester Zeit wird der Mythos Kreuger demontiert. Fazit in den damaligen Medien: Der König der Schwindler hat sich selbst gerichtet. So sehen es übrigens auch heute noch die meisten Schweden.

Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein….


Betrachtet man das geschäftliche Dilemma, in dem sich Kreuger befand, so spricht einiges für den Aspekt des Selbstmordes. Der Selbstmord und seine Begleitumstände weisen jedoch einige Merkwürdigkeiten auf. Selbstmord per Herzschuss ist äußerst selten, die meisten Selbstmörder schießen sich in den Kopf. Zudem mutet es als fast unmöglich an, dass Kreuger mit der Waffe in der Hand gefunden wurde. Die Pistole hätte vom starken Rückschlag aus der Hand geschleudert werden müssen. Dann war da noch die Sache mit den Patronen. Die französischen Ermittler fanden insgesamt 97 Schuss Munition, die Kreuger für die Waffe mit gekauft hatte – reichlich viel für einen Selbstmord. Zudem wurde die Waffe in der linken Hand Kreugers gefunden, Kreuger war aber erwiesenermaßen Rechtshänder. Die Liste der Merkwürdigkeiten wird aber noch länger. Laut Angaben der französischen Gerichtsmediziner war die Eintrittswunde viel zu klein für ein 9-Millimeter-Geschoss. Außerdem fanden sich an der Innenseite der Kleidung nicht die üblichen Schmauch- und Gewebespuren, die auftreten, wenn die Automatikpistole für einen Moment beim Nachladen wie ein Staubsauger funktioniert.
Stellt sich die Frage, wer ein Motiv hätte, Ivar Kreuger zu töten. Die Liste ist länger und vor allem prominenter, als man denkt. Ein Kandidat wäre Stalin. Kreuger hatte mit ihm wegen Krediten verhandelt. Aber Stalin blieb hart. Er wollte auf gar keinen Fall ein Zündholzmonopol in der Sowjetunion zulassen. Es zu einem regelrechten Streit zwischen den beiden. Was Stalin aber viel mehr aufbrachte, war die Tatsache, dass Kreuger mit seinen Krediten die brenzlige innenpolitische Situation in Frankreich (1927, 75 Millionen Dollar) und Deutschland (1930, 125 Millionen Dollar) zu Ungunsten der proletarischen Bewegung stabilisierte. Zudem finanzierte Kreuger die Trotzkisten, Stalins Widersacher, in Mexiko mit großzügigen Geldspenden.

Und dann war da noch das amerikanische Bankhaus J. P. Morgan, dem Kreuger kräftig in die Suppe spuckte. Schließlich bastelte er an einem weltweiten Stahl-Trust, ein Feld, das die Morgans besetzt hielten. Außerdem hatten sie Geld an Staaten verliehen, bevor Kreuger ihnen mit günstigeren Konditionen für die Schuldner das Geschäft verdarb. Und in Schweden bekamen die mächtigen Wallenbergs Angst, von Kreuger auf den zweiten Platz verwiesen zu werden. Jeder der Genannten hatte sich über das Verschwinden Kreugers von der internationalen Wirtschaftsbühne zu freuen.

Letztendlich wird sich wohl nicht mehr endgültig klären lassen, was zum Tode Ivar Kreugers führte. Vieles spricht für einen Auftragsmord. Ivar Kreuger umgibt bis heute eine Aura des Mysteriösen und Unerklärlichen. Schon 1932 schrieb der Berliner Reporter Manfred Georg treffend: »Von Ivar Kreuger steht bisher eigentlich nur eines fest – dass er leidenschaftlich Maiglöckchen liebte.«

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