Neurotheologie – dem Glauben auf der Spur

NeurotheologieMal ganz direkt gefragt: Glauben Sie an Gott? Ein Großteil der Bundesbürger würde wahrscheinlich direkt mit Nein antworten oder sich nur sehr verhalten zu Glaube und Religiosität bekennen. Nur wenige Menschen leben den Glauben inklusive Gott – zumindest hierzulande. Lassen Sie uns doch mal ein Gedankenexperiment starten. Was wäre, wenn unumstößlich bewiesen wäre, dass es keinen Gott gibt, dass der Glaube an Gott lediglich ein biochemischer Prozess unseres Gehirns wäre? Genau diese These vertreten zunehmend Hirnforscher, die sich mit dem Forschungsgebiet der Neurotheologie beschäftigen – ein Forschungsareal mit explosivem Potential. Öffnen Neuropsychologen und Hirnforscher die Büchse der Pandora, wenn Sie Religion und Glauben lediglich auf biochemische Prozesse in unserem Gehirn reduzieren und damit die Existenz eines Gottes bzw. einer Religion massiv in Frage stellen?

Weltweit bekennen sich mehr als 5 Milliarden Menschen zu einer der großen Religionen, wie Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus oder Taoismus – Tendenz stabil bis leicht steigend. Mit diesem gewaltigen Potenzial aktiv gläubiger Menschen möchte sich eine kleine Riege von Naturwissenschaftlern anlegen, indem sie behaupten, dass Glaube nichts weiter ist, als ein biochemischer Prozess unseres Gehirns.

Hierzulande vielleicht kein ganz so tragisches Problem. Aber: Was würde passieren, wenn unumstößlich bewiesen werden könnte, dass Glaube nur eine Laune unseres Gehirns wäre, Glaube quasi überflüssig werden würde, da es keinen Gott gibt? Wie würde sich der Verlust des Glaubens bzw. der Religion auf unsere globale Gesellschaft bzw. Länder auswirken, deren Bewohner sehr viel gläubiger sind als jene in unseren Breitengraden. Würde alles beim Alten bleiben oder würden wir in eine Katastrophe steuern. Brauchen wir den Glauben zum überleben? Was würde mit all diesen Menschen geschehen, die tief in einer Religion verwurzelt sind, wenn deren Glaubensgrundlage auf einen Schlag entzogen werden würde.

Doch erst einmal zurück zum Begriff der Neurotheologie. Es war erst vor wenigen Jahren, als Neurologen auf ein Phänomen aufmerksam wurden, das sie vor ein Rätsel stellte. Schläfenlappen-Epilepsie-Patienten berichteten ihren behandelten Ärzten von religiösen und mythischen Erfahrungen während ihrer Anfälle. Und: diese Aussagen häuften sich, als man bei weiteren Patienten mit entsprechender Krankengeschichte nachforschte. Es war die Geburtsstunde eines ganz speziellen Bereichs der Hirnforschung – der Neurotheologie. Also der Frage, ob Glaube ein Produkt unseres Hirns und der Evolution ist. Dieser Aspekt der Hirnforschung und das Phänomen der Schläfenlappen-Epilepsie-Patienten interessierte auch den kanadischen Neuropsychologen Michael A. Persinger von der Laurentian University in Ontario. Dieser hatte bereits in früheren Untersuchungen festgestellt, dass zwischen Visionen, unerklärlichen Geruchsempfindungen und mythischen Erfahrungen, von denen oft Patienten mit Schläfenlappen-Epilepsien berichteten, ein Zusammenhang besteht muss. Patienten ohne religiösen Hintergrund bzw. entsprechender Affinität beteuerten glaubhaft, mythische Erlebnisse während ihres Anfalls, gehabt zu haben und berichteten von einem unbestimmten Gefühl, einer »fremden Macht begegnet zu sein« bzw. die Offenbarung eines göttlichen Wesens erfahren zu haben. Wie konnte das sein?

Persinger vermutete den Grund derartiger Erfahrungen im linken Schläfenlappen. Um seine Theorie zu wissenschaftlich zu untermauern, setzte er Probanden mittels eines umgebauten Motorradhelmes diese Hirnregion schwachen Magnetfeldern aus. Das Verfahren – man nennt es auch transkranielle Magnetstimulation – wird bereits in der Medizin verwandt, um etwa Migräne-Patienten den Schmerz zu lindern. Diese Technik regt den linken Schläfenlappen an, einer Region wie Persinger vermutete, die mit mystischen Wahrnehmungen in Verbindung zu steht. Der Grund: Bildgebende Verfahren zeigten, dass es bei der Schläfenlappenepilepsie nämlich genau in diesem Bereich des Hirns zu unkontrollierten, gewitterartigen Energie-Entladungen kommt. Und tatsächlich, nach der Stimulation mit dem »God helmet«, wie er sofort von den einschlägigen Medien benannt wurde, gaben rund 80 Prozent der Probanden an, nach der Stimulation eine andere Präsenz neben ihnen im Raum verspürt zu haben.

Neurotheologie Glaube
Ist Glaube nur ein biochemischer Prozess unseres Gehirns?

Natürlich sind Persingers Untersuchen und Versuche nicht unumstritten. So hatte beispielsweise eine Forschergruppe der Uppsala University um Pehr Granqvist versucht, Persingers Versuchsablauf nachzustellen, um die Kontrollbedingungen maßgeblich zu verschärfen. Das Ergebnis: In einer Doppelblindstudie – weder Versuchspersonen, noch Wissenschaftler wussten, wer zur Kontrollgruppe gehörte und wer tatsächlich den Magnetfeldern ausgesetzt wurde – konnten Persingers Ergebnisse nicht bestätigt werden. Dennoch, Persinger ist kein Einzelkämpfer. Viele namhafte Forscher scheinen zunehmend einige von Persingers Argumenten zu bestätigen. So auch der Psychologe und Neurowissenschaftler Vilayanur Ramachandran von der California University in San Diego. Er verblüffte die Gemeinde der Neurowissenschaftler mit der Aussage, ein so genanntes »Gottes-Modul« entdeckt zu haben. Die Gemeinsamkeit mit Persinger: Ramachandran lokalisierte ebenfalls den linken Schläfenlappen als Sitz religiöser Erfahrungen. Im Gegensatz zu Persinger jedoch zeigte er auf, dass bei der Beschäftigung mit Glauben bei Versuchspersonen mehrere Hirnareale beteiligt sind. Etwa dem limbischen System und der Amygdala, die Erlebnissen einen emotionalen Faktor zuweist und damit beispielsweise religiöse Erlebnisse als etwas ganz Besonderes markiert.

Das zeigen etwa auch Gehirnscans von betenden Nonnen und meditierenden Mönchen. Der amerikanische Hirnforscher Andrew Newberg und sein inzwischen verstorbener Kollege Eugene D’Aquili von der Universität in Philadelphia fotografierten dabei den Blutfluss der meditierenden »Profis«. Und tatsächlich: Im Hinterkopf der Probanden trat eine weitgehende »Funkstille« ein. Dieser Bereich des Hirns ist unter anderem für die räumliche Orientierung und das Körpergefühl verantwortlich. Das »Abschalten« dieses Hirnareals sorgt laut Newberg für den Verlust des räumlichen Gefühls und der eigenen Wahrnehmung und somit für das ganz spezielle Gefühl der religiösen Ekstase bei meditierenden Menschen. Auch der Hypothalamus ist dabei mit von der Partie. Er ist der »Glücksbringer« des Gehirns. Menschen die sehr viel, sehr lang und sehr tief meditieren, haben diesen Bereich des Hirns aufs Beste trainiert. Otto-Normalverbraucher weisen in diesem Bereich eine weitgehend symmetrische Aktivität. Anders bei den Meditationsprofis: Hier sind beide Seiten unterschiedlich stark aktiviert. Dennoch wissen Neuroforscher noch nicht, ob dieser Zustand auf die Meditation zurückzuführen ist, oder ob Menschen, die gern und viel meditieren von vornherein andere Gehirne haben als Menschen, die keine Lust auf Meditation haben. Die berühmte Frage, was zuerst da war – die Henne oder das Ei.

Glaube als überflüssiges Beiwerk der Evolution?

Also, ist Glaube doch nur eine Frage von Energieentladungen spezieller Hirnareale und biochemischer Prozesse? Es scheint tatsächlich immer mehr dafür zu sprechen. Werden auf Grund neuer Forschungsergebnisse der Hirnforschung nun Menschen massiv vom Glauben an Gott abfallen, der Religion den Rücken kehren oder werden wir etwa in ein finsteres Zeitalter des Glaubenskrieges zwischen Gläubigen und Atheisten fallen? Wahrscheinlich nicht, auch wenn bewiesen werden würde, dass Glaube und Religiosität nur ein Produkt unseres Hirns wäre – Glaube ist ein Grundbedürfnis des Menschen.

Solange Menschen geboren werden und sterben müssen, werden sie immer wieder fragen, woher sie kommen und wohin sie gehen. Dies hat Menschen zu allen Zeiten umgetrieben. Letztendlich wird sich auf Basis der Forschungsergebnisse der Neurotheologie aller Wahrscheinlichkeit nicht viel an dieser Situation ändern. Gläubige Menschen werden weiterhin glauben und das ist gut so – auch wenn die Neurotheologie respektive Hirnforschung zweifelsfrei beweisen könnten (und davon sind die Wissenschaftler noch sehr weit entfernt) das Gott nur ein Produkt unseres Gehirns und der Evolution ist.

Bislang ist die Neurowissenschaft mit ihrer Spezialsparte Neurotheologie nicht in der Lage begreiflich zu machen, warum unser Hirn die Fähigkeit zum Spiritismus entwickelt hat. Und warum die Evolution diese anscheinend nicht lebensnotwendige Funktion aussortiert hat? Es liegt wohl daran, dass Religiosität biologische und gesellschaftliche Vorteile mit sich bringt. Beispiel Volkszählung Schweiz. Diese ergab, dass religiöse Frauen eher nach religiösen Männern suchen und dass aus diesen Partnerschaften auch mehr Kinder entstehen. Damit sichern religiöse Gemeinschaften letztendlich den Fortbestand der Art.

Religion und Glaube mag für das tägliche Leben keinen praktischen Mehrwert bieten, aber aus sozialer Sicht helfen sie, die Gesellschaft zu sichern und zu letztendlich erhalten. Und genau aus diesem Grund nehmen Hirnforscher an, dass unsere Gehirne mit der grundlegenden Fähigkeit ausgestattet sind, religiöse Zustände zu erzeugen. Den genauen Zusammenhang zwischen den neurologischen Erkenntnissen über den Sitz religiösen Empfindens im Hirn und den sozio-anthropologisch-religionswissenschaftlichen Ansätzen gilt es dennoch herzustellen und wissenschaftlich zu fundamentieren. Das Fazit: Vielleicht ist Gott doch keine Fehlschaltung unseres Hirns.

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6 Kommentare

  1. Hm. Für mich zum Verständnis: Unter der Annahme, dass tatsächlich bewiesen wäre, dass die Annahmen einer Religion falsch sind (wofür Neurowissenschaft natürlich eher ungeeignet ist, aber das spielt für die hypothetische Frage ja keine Rolle), denkst du trotzdem noch, dass es wünschenswert ist, dass Menschen ihre Lebensentscheidungen auf diesen falschen Annahmen gründen und weiterhin glauben, was unstreitig unwahr ist, weil sie dann in deinem Sinne besser funktionieren?
    Oder habe ich was missverstanden?

    • Hallo Muriel,
      Religion hat ihre Daseinsberechtigung, auch wenn man den Glauben vielleicht auf bloße biochemische Prozesse reduzieren könnte. Religion bzw. Glaube dient meiner Ansicht nach als eine Art soziales Bindemittel, dass Menschen verbindet – heute vielleicht nicht mehr so, wie es noch in früheren Zeiten der Menschheit der Fall war. Viele Menschen „funktionieren“ tatsächlich besser, wenn sie einer sozialen Gruppe angehören. Ob das nun eine religiöse Gemeinschaft sein muss, sei einmal so dahingestellt.

    • Ja gut, aber wofür braucht man denn in deinen Augen den religiösen Teil? Siehst du zum Beispiel irgendeinen Beleg dafür, dass eher religiöse Gesellschaften wie in den USA, in Italien oder im Iran besser funktionieren als eher nichtreligiöse wie Großbritannien, Skandinavien oder Japan? Mir ist nicht klar, wo du deine These hernimmst, und wie genau sie eigentlich lautet.
      Oder um auch noch mal zu meiner Ursprungsfrage zurückzukommen: Verstehe ich richtig dass du es für wünschenswert hältst, dass Menschen unwahre Dinge glauben, damit sie in deinem Sinne besser ihren Zweck erfüllen?

      • Es ist natürlich nicht wünschenswert, dass Menschen unwahre Dinge glauben, um besser zu „funktionieren“ oder um besser mit dem eigenen Leben zurechtzukommen. Aber bisher haben die Neurowissenschaften keinerlei definitiven Beleg hervorbringen können der beweist, dass Glaube lediglich ein Hirngespinst ist. Und selbst wenn es irgendwann einmal einen unumstößlichen Beweis geben sollte, der diese These untermauert, werden die meisten Gläubigen diesen Umstand ignorieren. Um es auf den Punkt zu bringen: Egal was die Neurowissenschaften herausfinden werden, es wird sich bei Gläubigen in ihren Ansichten wahrscheinlich nur sehr wenig ändern. Und ob Gesellschaften auf Basis einer Religion besser oder schlechter funktionieren – dafür lassen sich Argumente für Pro und Contra finden, je nachdem wen man fragen wird.

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