»Project Plowshare« und die zivile Nutzung von Atombomben

Plowshare

Fracking – also das Fördern von im Gestein gebunden Gas- und Ölvorkommen durch den Einsatz eines Chemikalien-Cocktails, der unter hohem Druck ins Erdreich gepresst wird, ist mehr als umstritten. Wissenschaftler und Umweltaktivisten fürchten irreparable Schäden von Mensch und Natur. Fracking ist eigentlich ein alter Hut: Bereits in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts erprobten US-Wissenschaftler noch viel brachialere Methoden zur Erdgasförderung – Fracking mit Atombomben. Und das war nur eine Facette eines reichlich wahnwitzigen Programms, das glücklicherweise frühzeitig abgebrochen wurde – »Project Plowshare«.


Es ist ein sonniger und recht warmer Tag, dieser 10. Dezember 1967. Rund 100 Kilometer von der Ortschaft Farmington in New Mexico entfernt stehen auf einer Plattform am Rande des Leandro Canyon eine Gruppe von Menschen, die gespannt dem Countdown lauschen, der aus diversen Lautsprechern dröhnt. »Drei, zwei, eins, null.« Dann eine gespenstige angespannte Stille, der ein unheimliches dumpfes und fernes Grollen und eine kaum wahrnehmbare Erschütterung folgt. Alle auf der Plattform befindlichen Menschen reißen plötzlich die Hände in die Höhe, umarmen sich und schreien lauthals »Wir haben es geschafft! Wir haben es geschafft!«.

Fracking
Der schematische Aufbau der unterirdischen Sprengung.
© Copyright United States Department of Energy/ Wikimedia Commons

Was hier den Anwesenden die Freudentränen in die Augen trieb war der krönenden Abschluss bzw. die praktische Erprobung eines Jahre zuvor entworfenen Planes, die förderbaren Gasreserven um mehr als das Doppelte zu steigern. Mit staatlicher Unterstützung erprobte die »El Paso Natural Gas Company« ein in ihren Augen bahnbrechendes Verfahren, um wertvolles Erdgas und Erdöl aus tiefen Gesteinsschichten zu lösen. Das Ganze trug den Projektnamen »Gasbuggy«. Das eigentlich Wahnwitzige an dieser Idee war der Einsatz von Atombomben, um gigantische, unterirdische nukleare Explosionen herbeizuführen, die wiederum riesige Mengen Öl und Gas aus dem Gestein freisetzen sollten. Nachdem die Testresultate dieser unterirdischen Explosion mit einer Sprengkraft von 28 Kilotonnen durch die Projektverantwortlichen als durchaus zufriedenstellend bezeichnet wurden, ging es am 10.September 1969 mit dem Projekt »Rulison« (Sprengkraft 43 Kilotonnen) weiter und mündete schließlich im Projekt »Rio Blanco«, wo am 17. Mai 1973 auf einem Schlag drei Atombomben mit einer Sprengkraft von je 33 Kilotonnen unterirdisch zündeten. Am erfolgreichsten von allen drei Versuchen war der Rulison-Test, der die Ausbeute des Gasvorkommens um den Faktor Zehn steigerte. Erstaunlicherweise ließ sich das durch Atombomben-Fracking gewonnene Erdgas nur sehr schwer verkaufen. Wie sich herausstellte besaß es einen nur sehr geringen Brennwert; zudem war es schwach radioaktiv. Diese Radioaktivität allerdings war natürlichen Ursprungs und nicht durch die unterirdischen Kerndetonationen verursacht. Schlechte Karten für die El Paso Natural Gas Company, die durch den mi Verkauf nicht in der Lage waren, die immensen Kosten für die gewaltige Sprengung wieder in absehbarer Zeit einzuspielen.

Fracking
Das Testgelände rund um das Projekt Gasbuggy.
© Copyright United States Department of Energy/ Wikimedia Commons

Nachdem Rio Blanco extrem enttäuschende Ergebnisse in Sachen Gasausbeute erbrachte, zogen die Projektverantwortliche die Notbremse – ab 1973 war endgültig Schluss mit dem Fracking per Atombombe. Zudem häuften sich Befürchtungen, das die unterirdischen Explosionen Erdbeben auslösen könnten – ganz abgesehen von der unterirdischen Verseuchung des Bodens mit Radioaktivität. Zudem sorgten sich die Ölgiganten, dass durch die Explosionen im Erdgasgestein die darüberliegende, meist noch ungenutzte Ölschieferschicht, Schaden nehmen könnte. »Gasbuggy« war zwar Geschichte, aber das Fracking mittels unterirdischer Nuklearexplosionen war nur die Spitze des Eisberges – Stichwort »Project Plowshare«.

Atombomben zu Pflugscharen

Gasbuggy und die Folgeprojekte Rulison und Rio Blanco waren Bestandteile des sehr viel größeren Projektes »Plowshare« (engl. für Pflugschar). Definiertes Ziel dieses Projektes war der friedliche Einsatz von Atombomben. Ähnlich einer Pflugschar, die den Acker umwirft, sollte die Oberfläche der Erde dem Menschen weiter Untertan gemacht werden. Mitinitiator und »Vater« dieses wahnwitzigen Unterfangens waren Wissenschaftler des Lawrence Livermore Laboratory um den Physiker Edward Teller. Der hatte sich vor allem einen Namen gemacht als maßgeblicher Mitentwickler der Wasserstoffbombe, der die Vision von Atombomben für den »sauberen industriellen Gebrauch« hatte und diese auch in die Tat umsetzen wollte. Tellers Motto: »Wir werden die Erde so verändern, wie es uns passt.«

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Edward Teller ( geb. am 15. Januar 1908 in Budapest, Österreich-Ungarn; † 9. September 2003 in Stanford, Kalifornien). © Copyright United States Department of Energy/ Wikimedia Commons

Präsident Lyndon B. Johnson war ein großer Verfechter dieses Programms und Anhänger von Tellers Visionen. So rührte er die Werbetrommel wie es nur ging für den Bau eines zweiten Panamakanals mittels Atombomben. Notwendig war und ist der Ausbau dieses Nadelöhrs bis in unsere Zeit. Schon in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts staute sich der Schiffsverkehr vor den Schleusentoren des Panamakanals. Gigantische Erdbewegungen mittels Atombomben schienen das probate Mittel der Zeit zu sein, um den geschätzten Arbeitsaufwand des Erdaushubs auf ein »vernünftiges« Maß zu beschränken. Johnson beauftragte die Wissenschaftler in Livermore, rund um Edward Teller, Alternativrouten für einen zweiten Kanal auszuarbeiten. Die fackelten nicht lange und präsentierten schon nach kurzer Zeit eine Route durch Panama sowie eine zweite Route durch Kolumbien. Die Wissenschaftler rechneten mit ungefähr 300 atomaren Sprengungen und der Umsiedlung von mehr als 40.000 Menschen. Gott sei Dank blieb es bei den Plänen.

Ebenfalls weit fortgeschritten waren die Pläne das Projekt »Chariot« – wiederum ein Unterprojekt von »Plowshare«. Hierbei wollte 1958 die United States Atomic Energy Commission auf Drängen lokaler Politiker des US-Bundesstaates Alaska mit Hilfe diverser Wasserstoffbomben einen künstlichen Tiefwasserhafen bei Kap Thompson schaffen, um einen wirtschaftlichen Aufschwung der Region zu initiieren. Und wenn man schon einmal dabei war, sollte auch gleich der Zugang zum Ozean freigebombt werden. Der Wahnsinn scheiterte glücklicherweise an der relativ kurzen eisfreien Zeit sowie den Bürgerprotesten von Bewohnern, Umweltschützern sowie den Ureinwohnern von Point Hope, die eine massive nukleare Verseuchung der Gegend befürchteten. Letztendlich begraben wurde der Plan jedoch erst 1962 von John F. Kennedy höchstpersönlich. Maßgeblich für die letztendliche negative Entscheidung war aber wohl die Tatsache, dass es keine Verwendung für einen Hafen in der Gegend gab.

Na dann sprengen wir halt ein großes Loch…

Sämtliche Projekte Plowshare´s endeten schon kurz nach Prüfung ihrer Machbarkeit. Um dennoch Politiker und die Wirtschaft von der Leistungsfähigkeit der kontrollierten, atomaren Sprengungen zu überzeugen, verlagerten Teller und sein Team die Forschungen und Tests auf das Atomtestgelände der Wüste von Arizona.

Plowshare
Bevor es zur großen »Sedan« kam, wurden diverse kleinere Explosionen durchgeführt.
© ENERGY.GOV (HD.8A.042) [Public domain], via Wikimedia Commons

Am 6. Juli 1962 ließen sie hier einen Sprengsatz von 104 Kilotonnen detonieren. »Sedan«, so der Name des »Big Bangs« blieb das augenfälligste Projekt des Plowshare-Programms: Die gigantische Explosion bewegte rund zwölf Millionen Tonnen Sand und Gestein. Nachdem der Staub verzogen war, sah man nur noch einen hundert Meter tiefen Krater mit einem Durchmesser von knapp einem halben Kilometer. Nach »Sedan« folgten weitere Tests, die aber allesamt Tellers Versprechen, eine »saubere, industrielle Nuklearbombe« zu liefern schuldig blieben. Projekt »Plowshare« wurde daraufhin beendet. Einer der Hautgründe hierfür war wohl letztendlich der Konflikt der USA mit dem 1963 vereinbarten Atomteststopp-Vertrag. Dieser untersagte klipp und klar Explosionen, bei denen mit radioaktivem Niederschlag außerhalb des nationalen Territoriums zu rechnen war.

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