Social Bots – Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln




Unfassbar! Was waren das noch für Zeiten, als wir uns unsere politische Meinung noch durch den Blick in die vertraute Tageszeitung, diverse politische Fernsehsendungen, Parteien vor Ort und Diskussionen mit echten Menschen bildeten. Diese Zeiten scheinen ein für alle Mal vorbei zu sein. In der virtuellen Welt formiert sich eine unübersehbare Heerschar von künstlichen »Intelligenzen«, die sich anschickt, unsere Meinung zu beeinflussen und zu manipulieren. Der traditionelle Meinungsbildungsprozess mündiger Bürger soll durch diese »digitalen Dreckschleudern« unterminiert und sabotiert werden. Wir leben in einer Zeit, in der eine objektive Meinungsbildung immer komplexer und komplizierter wird. Und das Thema der durch Social Bots generierten Propaganda-Meldungen wird uns in Zukunft immer stärker begleiten. Doch ist das wirklich so?

Der hinter uns liegende US-Wahlkampf war ein Lehrbeispiel par excellence in Sachen elektronische Propagandaschlacht. Glaubt man diversen Analysten und Wahlkampfbeobachtern, waren es nicht die unermüdlichen Wahlhelfer und Politiker selbst, sondern Bots – also automatisierte Skripte – die rund um die Uhr unterschiedlichste Inhalte (Content) generierten, die den Wahlsieg bringen sollten. Beispiel Donald Trump: Unter seinen rund 12,4 Millionen Follower auf Twitter waren ungefähr 4,6 Millionen Fake-Accounts. Experten schätzen, dass bei Trump jeder vierte Unterstützer-Tweet vorgetäuscht war. Aber auch die Demokraten um Hillary Clinton nutzten eifrig Bots, um ihren Standpunkt im Netz klarzulegen. Bei ihr schätzt man, dass jeder vierte Unterstützer-Tweet vorgetäuscht war und das ein Drittel ihrer Follower keine echten Menschen, sondern Roboter waren. Samuel Woolley, Forschungsdirektor des Computational Propaganda Project, ist der Meinung, dass 80 Prozent von Trumps Twitter-Traffic automatisiert war und ist. Nach dem ersten TV-Duell zwischen Donald Trump und Hillary Clinton etwa sorgten Bots dafür, dass der Hashtag #TrumpWon (»Trump siegte«) zum Trending Topic auf Twitter in die Höhe schoss.

Wissenschaftlich wurde das Ganze natürlich auch untersucht: Emilio Ferrara und Alessandro Bassi von der University of Southern California zeigen in einem Aufsatz auf, dass im Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton fast 20 Prozent der politischen Kommunikation auf Twitter von Bots bestritten wurden. Trumps Bot-Armee lag hierbei klar vorn. Und bei einer Wahl, die so knapp ausging wie diese, kann man nicht ausschließen, dass die republikanischen elektronischen Kommunikations-Helferlein massiv den Wahlausgang geprägt haben.

Eine Gefahr für die Demokratie?

Ist es tatsächlich so, dass ein potentieller Wähler seine Meinung auf Basis von Bot-Meldungen ändert, die das Land überfluten? Ändert man seine Meinung wegen so ein bisschen Social Media-Propaganda? Im Fokus von Social Bots stehen nicht jene Wähler, die sowieso eine eigene gefestigte Meinung haben, sondern jene, die noch unentschlossen oder eher wankelmütig in ihrer Meinung sind, wem sie die Stimme geben sollen. Und in den derzeitigen politischen Verhältnissen sind das nicht wenige, auch hier in Deutschland im Wahljahr 2017.

Social Bots haben Macht, besonders dann, wenn sie Fake-News (Falschmeldungen) in die sozialen Netzwerke hineinschwemmen und somit bestimmen, womit sich Politiker, Medien und ganz normale Menschen befassen. Gleichzeitig unterdrücken sie damit andere diskussionswürdige Wahlkampfthemen. Social Bots eignen sich in nahezu perfekter Art und Weise uns Menschen zu manipulieren. Der kanadische Soziologe Phil Howard äußerte sich dem Deutschland gegenüber hierzu wie folgt: »Bots werden von Politikern nicht so sehr genutzt, um einen bestimmten Standpunkt zu verbreiten, sondern um die Leute zu verwirren.« Das Ziel hierbei: Desinformation!

Auch im Bundestag geht die Angst um. Dinge wie Brexit, Trumps Wahlsieg und der Aufstieg der AfD lassen bei Abgeordneten und Berufspolitikern die Alarmglocken läuten. Sie befürchten, dass der bevorstehende Bundestagswahlkampf eine massive Schlammschlacht wird. Ausgetragen im Internet, einem Medium, dass sie teilweise noch immer nicht verstehen und noch weniger kontrollieren können. Und zwei Dinge haben sie als besonders gefährlich gemacht – Social Bots und Fake-News. Aber müssen die Herrschaften wirklich bangen? Wohl kaum! Twitter, Hauptspielwiese für Bots, wird in Deutschland nicht ansatzweise so massiv genutzt wie etwa in den Vereinigten Staaten.

Panikmache oder reale Gefahr?

Bots sind unheimlich schwer zu erkennen. Vor allem lässt sich nur sehr schwer ermitteln, ob hinter einem Account ein Mensch oder eine Maschine steht. An dieser Stelle wir oft eine Studie der Universität Oxford herangezogen. Diese besagt, dass während der TV-Debatten zur US-Wahl Hunderttausende derartiger Maschinen-Accounts auf Twitter unterwegs waren – vor allem aus dem Trump-Lager. Doch hier machen es sich die Wissenschaftler zu einfach. Sie bewerteten, dass jeder Account mit mehr als 50 Botschaften zu einem bestimmten Schlagwort pro Tag verschickt wurde, einfach als Bot eingestuft wurde. Mit Sicherheit gibt es sehr viele, politisch aktive Menschen, die über ein verstärktes »Mitteilungsbedürfnis« verfügen.

Geht von Social Bots überhaupt die Gefahr der Wählerbeeinflussung aus? Gibt es dafür Belege? Klare Aussage: Nein, die gibt es nicht! Politikwissenschaftler und Social Bot-Experte der TU München Simon Hegelich hat hierzu eine Studie für die Konrad-Adenauer-Stiftung verfasst, die hierzu eindeutig Stellung bezieht. Und das Fazit ist, dass es derzeit keine Anzeichen gibt, dass Social Bots massiv zur politischen Willensbildung beitragen. Genauso wenig lässt sich nachweisen, ob Wahlkampfplakate, Fernsehspots oder Talk-Sendungen auf die Urteilsbildung von Wählern einwirkt.

Auch Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Club hat eine eindeutige Meinung. Für ihn ist das Phänomen der Social Bots ein absolut Harmloses. Seiner Meinung nach gibt es in Deutschland maximal vier Millionen Twitter-Nutzer. Selbst wenn es gelänge, fünf Prozent davon zu beeinflussen, seien das weit weniger als ein Prozent der Wähler. Für ihn sind Social Bots nicht das Problem, sonder vielmehr ein Symptom »eines Vertrauensverlusts in Politik und Medien«. Völlig absurd hält er die Idee eines sogenannten »Wahrheitsministeriums«.

Kritiker und Beschwichtigen in Sachen Social Bots sind lediglich in einem Punkt einig – es muss viel mehr im Bereich der Medienkompetenz getan werden. Der mündige Bürger muss lernen objektiv mit den neuen Medien umzugehen. Dinge wie Kennzeichnungspflicht, Wahrheitsministerien etc. sind lediglich verzweifelte Versuche die Kontrolle über ein Medium zu bekommen, das sich nicht ansatzweise kontrollieren lässt. Schlechte Karten für Politiker, die gern mal die allgemeine Meinung unter Kontrolle haben möchten! Prinzipiell sind Bots nichts Schlechtes. Die entscheidende Frage ist, ob sie als Dienstleister oder als Manipulatoren eingesetzt werden.

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