Swiss Fort Knox – der Datenbunker in den Schweizer Alpen

Die Informationsgesellschaft produziert Daten, und zwar so viele wie noch niemals zuvor – Tendenz steigend. Besonders für Unternehmen, Versicherungen oder Behörden sind Daten das Kapital schlechthin, quasi der Rohstoff, der Industrie, Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben aufrechterhält. Und genau aus diesem Grund muss mit diesen Daten umgegangen werden, wie mit »rohen Eiern«. Datenverlust jedweder Art führt nicht selten zur wirtschaftlichen Katastrophe mit millionenschweren Verlusten. Und damit genau dies nicht passiert, hat die schweizer SIAG Secure Infostore AG in den Schweizer Alpen (der genaue Standort ist streng geheim), den größten und sichersten Datenbunker auf diesem Erdball in Fels gehauen – Swiss Fort Knox.

Sensible Daten brauchen hochsichere Lagermöglichkeiten jenseits des unternehmenseigenen Tresors, die gegen Terrorismusanschläge und Naturkatastrophen gefeit sind – von solchen Trivialitäten wie Brand oder Diebstahl einmal ganz zu schweigen. Es ist das Risiko schlechthin, dem Unternehmen heute ausgesetzt sind – der Datenverlust. Gehen wichtige Informationen wie Kundendaten, Kennwörter, Bank- und Versicherungsdaten unwiderruflich verloren bzw. fallen in falsche Hände ist das jeweilige Unternehmen in aller Regel ziemlich schnell am Ende und der Schaden unermesslich.

Das muss wohl auch Christoph Oschwald gedacht haben, Gründer der Mount10 International AG, und ließ vor vielen Jahren seine Beziehungen zum Schweizer Militär spielen. Ziel war es, vor allem den Generalstabschef der Schweizer Armee für Oschwalds ehrgeizige Pläne bzw. Visionen zu gewinnen, eine digitale Datenfestung in den Schweizer Alpen zu errichten – ein katastrophensicheres Daten-Center für das digitale Kapital von Unternehmen und Regierungen, bewacht von der Armee und vor allem vor jedweder Bedrohung durch Naturkatastrophen und elektronischen Angriffen durch Hacker geschützt. Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte: Oschwald hatte Erfolg mit seinen kühnen Plänen – 1996 wurde der Datenbunker in den alten Räumlichkeiten einer alten Armeefestung der Schweizer Armee in Betrieb genommen. In den finsteren, engen Gängen dieses geheimen ABC-Bunkers, den die Schweizer Armee in den siebziger Jahren irgendwo bei Gstaad im Berner Oberland in den Berg getrieben hat, zog neues Leben ein. Die Mischung war und ist bizarr – digitale Hightech-Anlagen modernster Bauart betrieben in den zweckdienlichen Bunkern des Kalten Krieges.

Swiss Fort Knox
Der Eingang zur Schweizer Datenfestung. © MOUNT10

Bis die Anlage jedoch betriebsbereit und den Anforderungen eines hochsicheren Datacenters entsprach, war es ein weiter Weg. Für mehr als 50 Millionen Franken wurden Berg und Bunker mit Glasfaser verkabelt, eine ausgetüftelte Klimatisierung eingebaut und das Ganze schließlich mit einer fünffach redundanten Stromversorgung ausgestattet. Bewacht wurde die gesamte Anlage von bewaffneten Soldaten des Festungswachtkorps – einer Elitetruppe, die unter anderem auch die schweizerische Nationalbank schützt. Seit 2003 hat die Nachfolgeorganisation des traditionsreichen Festungswachtkorps den Schutz der Anlage übernommen. Dem Swiss Fort Knox attestieren Versicherungen – und die sind in solchen Sachen bekanntermaßen mehr als penibel – das Attribut »zero risk«. Und das aus gutem Grund: Der Anlage ist mit Nichts beizukommen. Weder Atombomben, noch biologische oder chemische Waffen können dem wertvollen Datenbestand etwas anhaben. Selbst ein Atombombenangriff, inklusive einem sogenannten »NEMP«, soll dem Datacenter nichts anhaben können. Dieser nukleare elektromagnetische Impuls besteht aus starker Gammastrahlung, die sämtliche elektronischen Anlagen im näheren Umkreis sofort lahmlegt und Computer zerstört. Natürlich außer jenen in den Tiefbunkern in Zweisimmen. Hier übernimmt das jahrmillionenalte Gestein einen natürlichen Strahlungsschutz. Bemerken Detektoren einen sprunghaften Anstieg radioaktiver Strahlung in der Außenwelt, fährt sofort ein Notstromaggregat hoch und liefert für 24 Stunden Batteriestrom. Ist diese Energiequelle versiegt, übernehmen Generatoren die Aufgabe der Stromversorgung. Hierfür stehen Tausende Liter Heizöl zur Verfügung, die Autonomie für mehrere Wochen garantieren und natürlich dem damit verbundenen Datenerhalt. 

Swiss Fort Knox
Was im Berg so drin steckt. © MOUNT10

Als Besucher – wenn man überhaupt Zutritt zum Allerheiligsten bekommt – muss man eine mehrstufige Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen. Dazu werden erst einmal alle Besucher in einem durchsichtigen Kasten aus Panzerglas aufs Genaueste elektronisch vermessen. Ein Scanner erfasst dabei Fingerabdrücke und modernste Sensoren untersuchen den Besucher auf Sprengstoff und Chemikalien jedweder Art. Erst wenn keine Gefahr für die Daten besteht, öffnet sich das gewaltige Tor zum Datenzentrum. Hier lagern schließlich bei konstanten 19 Grad Celsius und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit die digitalen Schätze nationalen und internationalen Unternehmen und Regierungen. Und ein kurioser Aspekt am Rande: Selbst für Polizei, Armee und Finanzbehörden sind manchmal die Türen zum Datenzentrum verschlossen. Denn das Datenlager genießt für internationale Staatskunden exterritorialen Status, ähnlich einer Botschaft.

Und die machen ihre Verträge in der »Sky-Bar«. Diese erreicht man über einen Tunnel, der direkt am Abgrund, inmitten einer steilen Felswand, endet. Nur ein schmaler Gittersteg führt weiter hinaus zur Sky-Bar, bei der es sich um einen alten Wachtturm handelt, mit einer atemberaubenden Aussicht über die Schweizer Alpen. Wer hier seinen Vertrag unterschreibt, ist automatisch Mitglied im sehr auserlesenen »Sky-Bar-Club« und darf einmal im Jahr eine Hand voll Freunde auf den schwankenden Ausguck laden.

Zentraler Bestandteil des Datacenters ist ein Robotersystem, das für 1 Million Franken installiert wurde und nicht größer ist, als ein handelsüblicher Transporter. Dieser verwaltet den Datenbestand. Die Datenträger in den dicht gedrängten Schubfächern des Automaten verwalten eine Kapazität von mehr als 50.000 Gigabyte an Daten – Tendenz extrem steigend.

Mittlerweile besteht das Swiss Fort Knox aus zwei unabhängigen unterirdischen Datacenter. Die Anlagen sind 10 km voneinander entfernt und per Hochleistungsnetzwerk untereinander und mit dem Rest der Welt verbunden. 

Sicherheit für jedes Budget

Die Kosten für einen ganzen Raum belaufen sich auf rund 19.500 Franken pro Monat. Es geht aber preiswerter: Für »nur« 2.000 bis 6.000 Franken im Monat bekommt ein potenzieller Kunde einen Speicherschrank. Und selbst als noch kleinerer Kunde kann man seine Daten den Profis anvertrauen – 9 Schweizer Franken pro übertragenem Gigabyte.

Da die Bandbreite des Internets in den letzten Jahren explosionsartig angewachsen ist heutzutage ein völlig automatisches Backup bei gleichzeitiger Verschlüsselung der Daten möglich. Dank dieser Entwicklung und hochsicherer Datenverschlüsselung steht das Swiss Fort Knox heute professionellen Einzelanwendern und Unternehmen jeder Größe ohne Einschränkung zur Verfügung. Sämtliche Datensicherungen erfolgen online und vollautomatisch ohne Beeinträchtigung des täglichen, produktiven Betriebs des Kunden. 

Das Online-Backup ist für den Kunden ein Kinderspiel. Nach der einfachen Installation der Swissvault-Software bleibt nur noch die Auswahl der schützenswerten Daten – der Datentransfer ins Schweizer Alpenmassiv geschieht vollautomatisch, und ohne das der Kunde etwas davon mitbekommt. Die Dateien werden dabei verschlüsselt übertragen und in beide Datenzentren gespiegelt – bei Bedarf sind sie innerhalb weniger Minuten wieder auf dem eigenen Computer verfügbar. Ist das nicht möglich, startet ein Hubschrauber oder Jet von der Piste vor dem Bunker und fliegt die Daten auf Datenträgern gespeichert direkt zum Kunden.

Trotz all der imposanten Sicherheitstechnik – eines ist Fakt: Eine 100prozentige Sicherheit gibt es nicht! Den meisten physischen Gefahren trotzt der ehemalige Flugzeugbunker mit Bravour. Lediglich den Gefahren, die per Datenleitung ins Allerheiligste strömen, muss man misstrauisch und mit großer Vorsicht begegnen. Jedes Kabel, das nach draußen führt, ist ein potenzielles Einfallstor für Spionage und Hacker. Zum Sicherheitskonzept des Swiss Fort Knox gehört ebenfalls, die Namen der Kunden nicht zu nennen. Die Identität der Kunden ist absolut geheim. Alle wichtigen Informationen sind mindestens zweifach vorhanden – stürzt ein System ab, übernimmt ein anderes dessen Aufgaben.

Swiss Fort Knox
Unterbrechungsfreie Stromversorgungen (UPS) und Dieselgeneratoren gewährleisten eine Stromversorgung rund um die Uhr – auch in Notfällen. © MOUNT10

Auch die Kommunikation per Internet ist redundant ausgelegt. Alle Glasfaserleitungen, die den Datenbunker mit dem Internet verbinden, sind doppelt geführt und verzweigen in mehrere Richtungen. Zudem ist der Swiss Fort Knox-Betreiber Kunde bei allen maßgeblichen Telefongesellschaften, um nicht von einem einzelnen Provider abhängig zu sein. Die Internetkommunikation erfolgt über verschiedene Knoten. Fällt eines der Datendrehkreuze aus, werden die elektronischen Informationen sofort umgeleitet. 

Wer ist der typische Kunde?

Wer leistet sich einen Platz im sichersten Datenbunker der Welt? Die Frage ist schnell beantwortet und überrascht: »Die höchste Kundendichte überhaupt haben wir im Saanenland selbst«, sagt CEO Christoph Oschwald. Dazu zählen Gstaad Tourismus, Fünfsternehotels, Skilifte, Restaurants, Treuhänder – sie alle laden ihre Bits und Bytes ins Bergmassiv.

Derzeit beherbergt das Swiss Fort Knox Zehntausende Kunden aus insgesamt dreißig Ländern. Und erstaunlicherweise sind dabei nur knapp 5 Prozent der Kundschaft sehr große Firmen bzw. multinationale Unternehmen. Die restlichen 95 Prozent der Kundschaft sind zu zwei Drittel Einmannunternehmen. Und kurioserweise sind Kunden aus den USA nur sehr rar mit von der Partie. Der Grund hierfür liegt in der Verschlüsselung der Daten. Die Verschlüsselung ist zu hoch für den amerikanischen Geheimdienst. Dazu Oschwald: »Wir mussten uns zwischen hoher Sicherheit für die Kunden und dem US-Markt entscheiden. Wir wählten die Sicherheit«. Ein klares Bekenntnis zum digitalen Bankgeheimnis.

Infobox: Das Festungswachtkorps

Die Geschichte des Festungswachtkorps lässt sich bis ins vorletzte Jahrhundert zurückverfolgen. Es war ca. 1890, als die Festungsverwaltungen des schweizer Militärs eine ganz besondere Truppe schaffen mussten, um den Betrieb Forts zu gewährleisten. Hauptaufgabe der Festungswachen war und ist die Bewachung und der reibungslose Betrieb der schweizerischen, permanenten Festungswerke sowie die Instandhaltung deren militärischer Ausrüstung. Außerdem zeichnet sich das Festungswachtkorps für die Bedienung der eingebauten technischen Anlagen, der eingelagerten Munition, Lebensmittel und Vorräte aller Art verantwortlich. Hierbei gilt Andermatt als der Heimatort des Festungswachtkorps und Airolo als »Geburtsort« des Festungsbaues mit dem Forte Airolo. 

Am 1. April 1942 wurden die ständigen Fortwachen mit der freiwilligen Grenzschutztruppe zum Festungswachtkorps vereinigt. Als Resultat dieser Fusion entsandt eine neue Truppe mit einem entsprechend neuartigen Anforderungsprofil. Das Festungswachtkorps musste neben hohem Können im Einsatz der Festungswaffen, vor allem durch technische Kenntnisse im Bereich der Instandhaltung der Festungsanlagen brillieren. Das Hauptgewicht hat sich heutzutage hauptsächlich von der kämpfenden Truppe hin zu Reparatur- und Unterhaltsarbeiten sowie die technische, taktische Waffenausbildung der Werk- und Festungsformationen verlagert.

Im Jahr 2003 war es dann mit dem Festungswachtkorps vorbei. Dies lag vor allem daran, dass die alten, ortsfesten Festungsanlagen in den schweizer Alpen nicht mehr den Bedürfnissen der Zeit entsprachen. Mobilität ist gefragt, und da kann eine Bergfestung nun leider mal nicht mehr mithalten. So wurde das traditionsreiche Festungswachtkorps in die neue Organisation »Militärische Sicherheit«.

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