Tuskegee Airmen – die vergessenen Helden

Tuskegee AirmenSie kämpften äußerst erfolgreich für die Befreiung Europas vom Joch des Nationalsozialismus und sie rangen für ihre eigene Freiheit und Anerkennung jenseits des Schlachtfeldes in den eigenen Reihen gegen Apartheid und Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe. Die Rede ist von den »Nightfighters« (wie sie verächtlich von den weißen US-Piloten wegen ihrer Hautfarbe genannt wurden) – einer Elitestaffel von US-Kampfpiloten während des Zweiten Weltkriegs, die ausschließlich aus farbigen Piloten bestand. Ihr Weg hin bis zum ersten Einsatz war ein sehr steiniger und ein Spiegelbild politischer Verhältnisse in den USA der vierziger Jahre, als Rassentrennung und Demütigung farbiger Gesellschaftsschichten zum alltäglichen gesellschaftlichen Leben gehörte.

An Schlaf war nicht zu denken. Schon vor Stunden hatte sich Lieutenant Colonel Benjamin O. Davis, Jr. aus dem Mannschaftszelt geschlichen und sich auf die alte marode Bank neben dem Verpflegungszelt gesetzt. Er wollte nicht eine Minute dieses bedeutsamen Tages verpassen, der wie eine schwere Bürde auf ihm lastete. In wenigen Stunden würden seine 26 Piloten der 99th Fighter Squadron zeigen müssen, ob sich das immense Engagement seiner Jungs gelohnt hatte. Er hatte seine Zweifel – zu viele Steine und Widrigkeiten mussten sie allein wegen ihrer Hautfarbe in den letzten Jahren überwinden. Das hatte sich auf die Moral seiner »Red Tails«, wie sie sich gern wegen der roten Leitwerke ihrer Mustangs nannten, ausgewirkt. Außerdem hatte es viel zu lange gedauert, bis der erste Einsatzbefehl kam. Doch heute würde es endlich soweit sein! Es war der Tag ihres ersten Einsatzes und Davis war sich sicher, dass jeder einzelne seiner Piloten sich der historischen Tragweite ebenso wie er bewusst war. Sie kämpften nicht nur für ihr Land, es war auch ein Kampf gegen die immer noch allgegenwärtige Rassendiskriminierung ihres Heimatlandes.

Gedankenversunken zündete er sich eine Zigarette an und starrte auf die nordafrikanische Landschaft in Oued N’ja, Französisch Marokko, die sich friedlich vor ihm langsam aus der Nacht schälte. Kein Geräusch war zu vernehmen, an diesem 2. Juni 1943. Absolute Ruhe umgab das kleine Flugfeld und heute morgen war es nicht die Ruhe, die er so sehr mochte – es war die Ruhe vor dem Sturm. Es würde ihr Tag werden!

Tuskegee – ein Fleckchen Nichts im Süden Alabamas

Die Geschichte der farbigen amerikanischen Kampfpiloten während des Zweiten Weltkriegs ist eine außergewöhnliche Geschichte vom unbändigen Willen farbiger Piloten, die entgegen aller rassistischen Vorurteile und Diskriminierung seitens amerikanischer Politik nur ein Ziel hatten – Kämpfen für ihre Heimat und zwar hoch über den Wolken. Und wie schwer und ambitioniert dieses Vorhaben war, zeigt eine »Studie« des War College der US Army aus dem Jahre 1925. Hierin heißt es abschließend: »Schwarze sind geistig unterlegen, von Natur aus unterwürfig und Feiglinge im Angesicht jeder Gefahr. Sie sind deshalb für den Kampfeinsatz ungeeignet.« Und genau aus diesen absurden Gründen wurden Soldaten farbiger Herkunft lediglich in Arbeitsbataillonen oder Rüstungsfabriken eingesetzt. Farbigen Männern den Eintritt in die US-Luftwaffe zu gewähren? Einfach undenkbar für die Militärs und Politiker jener Tage! Und dennoch, es gab eine Organisation, die sich exakt dafür einsetzte – die National Association for the Advancement of Colored Peoples (NAACP). Und genau diese Organisation gewann in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer mehr gesellschaftlichen Einfluss in den USA. Präsident Roosevelt musste eine positive Geste finden, um die NAACP zu beschwichtigen und die hinter dieser Organisation stehende gewaltige Wählerschaft letztlich auf seine Seite zu ziehen. Außerdem waren die Zeiten schon schwer genug – Roosevelt konnte nicht noch Rassenunruhen auf eigenem Boden gebrauchen. Was lag da näher, als Zugeständnisse in Sachen Pilotenausbildung einzuräumen. Roosevelt war sowieso der Meinung, dass dies nicht zum Erfolg führen würde. Also, was sollte es!

Tuskegee Airmen
Zweiundzwanzig Mitglieder der Tuskegee Airmen vor einer Ausbildungsmaschine. © The Black Archives of Mid-America

Roosevelts Berater suchten ein Fleckchen Erde im tiefsten Süden der USA aus – Tuskegee. Dies war schon für sich genommen eine Hürde für farbige Piloten, da hier immer noch aller Orten offener Rassismus vorherrschte. Schon während der Anreise mit der Eisenbahn werden die angehenden Piloten damit konfrontiert. Sie müssen ihre Plätze im Zug für Weiße räumen, sind aber klug genug, sich nicht von den Rassisten provozieren zu lassen und gehen jedem Streit aus dem Weg. Schließlich haben sie ein großes Ziel. Sie wollen Piloten werden. Alles in allem kein guter Start! Tuskegee wurde auch deshalb ausgewählt, weil es hier das sogenannte »Tuskegee Institute« gab – eine zivile Flugschule mit strengen Regeln und einem straffen Ausbildungsprogramm, das unter Leitung von Charles Alfred Anderson stand. Er war der erste farbige Pilot, der in den USA eine zivile Pilotenlizenz erhalten hatte. Um die Pilotenanwärter zu entmutigen und das Projekt scheitern zu lassen, führte die United States Army Airforce (USAAF) einen sehr strengen Aufnahmetest durch. Doch damit hatten die Militärobersten nicht gerechnet – sie erreichten damit das komplette Gegenteil! Die potentiellen Kampfpiloten bissen sich durch. Fast ausnahmslos entstammten die farbigen Pilotenanwärter der amerikanischen Mittelschicht und verfügten über eine überdurchschnittliche Intelligenz. Alles in allem wurden durch die strengen Aufnahmetests und die über alle Maßen harte Ausbildung eine fliegerische Elite von farbigen Piloten geschaffen. Trotz der hervorragende Ausbildungsergebnisse wurden die Piloten jedoch nicht in den Kriegseinsatz geschickt – man hielt sie im tiefsten Süden der USA versteckt.

Lieutenant Colonel Benjamin O. Davis, Jr. schnippte seine Filterlose in den Wüstensand von Oued N’ja und lächelte, als er an Tuskegee und das Jahr 1941 denken musste. Er konnte sich noch genau erinnern, wie er und seine Kameraden tatenlos zusehen mussten, wie ihre weißen Pilotenkameraden an die Front geschickt wurden, während sie hier in Alabama versauerten, ohne die geringste Chance auf einen aktiven Kampfeinsatz zu haben. Und plötzlich kam Hilfe von unerwartete Seite – die First Lady der USA hatte ihre Sympathie für die Tuskegee-Airmen entdeckt. Seit diesem Jahr war Benjamin O. Davis, Jr. wahrscheinlich Mrs. Roosevelts glühendster Verehrer.

Eleanore Roosevelt und die Tuskegee Airmen

Eleanore Roosevelt war eine bemerkenswerte Person: Die Menschenrechtlerin aus tiefster Überzeugung begann bereits 1934 sich öffentlich für die Interessen der Farbigen einzusetzen und besonders gegen die Rassentrennung zu protestieren. Und als sie von dem farbigen Pilotenausbildungsprogramm in Tuskegee erfuhr, avancierte es sehr schnell zu einem ihrer Lieblingsprojekte – sehr zum Ärger ihres Gatten, der es ja nur zur Beruhigung des NAACP ins Leben gerufen hatte, um es letztendlich scheitern zu sehen. 1941 besuchte Eleanore das Tuskegee Airfield. Und noch ehe der überrumpelte Secret Service reagieren konnte, saß die First Lady mit einem farbigen Piloten in einer Maschine und drehte vor den begeisterten Piloten eine Platzrunde von über einer Stunde. Die Aktion generierte Öffentlichkeit von Feinsten, die sich fragte, warum so gut ausgebildete Piloten nicht ihren Dienst an der Front versahen. Die verantwortlichen Militärs gerieten unter Druck, zumal es immer mehr personelle Engpässe besonders im Bereich Nordafrika, Sizilien und Italien gab. Schließlich gab die USAAF nach und setzte mit großem Widerstreben die »schwarzen Männer« ein.

Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte

Die P-38 schnurrte wie ein Kätzchen. Kein Wunder, bei dem Wetter. Die Wetterfrösche hatten wieder einmal recht behalten – keine Wolke am Himmel, keine gefährlichen Winde. Alles war bestens gelaufen, der Bomberverband, dem sie Gleitschutz boten, hatte seine tödliche Fracht abgeliefert und war jetzt auf dem Weg zurück in die Staaten. Wieder einmal gab es keinerlei Verluste bei den Bombern und bei seinen Jungs auch nicht. Der Krieg war wohl bald vorbei, von Gegenwehr der Deutschen war fast nichts mehr zu spüren – weder Flak am Boden noch deutsche Jagdflieger waren in den vergangenen Monaten nennenswert gewesen. Trotzdem war Davis war jedes mal froh, wenn er seine Bomber unbeschadet aus dem Zielgebiet eskortiert hatte. Lieutenant Colonel Benjamin O. Davis, Jr. schaute aus seinem Cockpit-Fenster und salutierte dem Leader der Bomberstaffel – sein Zeichen, dass er und seine Jungs jetzt gleich abdrehen würden. Der Pilot grüßte zurück und hob respektvoll seinen Daumen nach oben. Davis musste grinsen. Ja Respekt, das war es, was sich seine Jungs in den letzten beiden Jahren erarbeitet hatten. Es spielte keinerlei Rolle mehr, welche Hautfarbe sie hatten. Die Tuskegee-Airmen hatten mehr als oft bewiesen, dass sie zu den Besten der Besten zählten.

Unter erfolgreichen Führung von Benjamin O. Davis flogen die ersten Piloten in der 99. Schwadron ihre ersten Einsätze als Begleitflugzeuge von Bombenfliegern, die deren Dienste zunehmend zu schätzen wussten. Insgesamt flogen die Red Tails knapp 2.000 Begleiteinsätze wobei nicht ein einziger Bomber durch den Angriff feindlicher Jäger verloren ging. Alle Angriffe wurde erfolgreich durch die farbigen Piloten vereitelt. Die Bomberbesatzungen waren mehr als beruhigt, wenn die Mustangs mit ihren roten Leitwerken sie begleiteten. Es war fast eine Garantie, dass man wieder mit heilen Knochen nach hause gelangen würde. Insgesamt 992 Piloten wurden zwischen 1941 und 1946 ausgebildet, wovon »nur« 84 im Kampf ihr Leben verloren. Die Red Tails schossen mehr als 400 feindliche Flugzeuge ab, zerstörten rund 900 Bodenziele und versenkten sogar einen Zerstörer der deutschen Kriegsmarine lediglich mit der Feuer kraft ihrer Bordkanonen. Keine andere vergleichbare fliegende Kampfeinheit konnte mit derartigen Ergebnissen aufwarten. Die Ergebnisse sprachen für sich, so dass die heimischen Skeptiker nach und nach ihre rassistischen räumende einstellen mussten. Dennoch, obwohl die Ergebnisse einzigartig waren, wurde an der Heimatfront selten bis gar nicht über die farbigen Piloten berichtet. Ganz im Gegenteil, noch im Jahr 1944 schreib eine US-Zeitung wie folgt: »Die Verwendung von Negern im Air Corps der Army könnte wieder eingestellt werden. Es wurde ein Bericht bekannt, in dem die Leistungen der negriden Piloten als unbefriedigend gelten. Den Negern Konvoi-Eskorten zuzuweisen, könnte der einzig verbliebene Ausweg sein, da sie weder die Intelligenz noch die Reflexe für die komplexen Aufgaben eines Kampfpiloten zu haben scheinen. Das große Tuskegee-Experiment, der negriden Rasse zu erlauben, Flugzeuge zu fliegen, ist gescheitert.« Den Piloten war dies egal. Sie wollten immer nur eines – kämpfen für ihr Land und für eine bessere Zukunft, in der es egal sein würde, welche Hautfarbe ein Pilot hat.

Tuskegee Airmen
Eine P-51 der Tuskegee Airmen mit charakteristischer Lackierung.

Lieutenant Colonel Benjamin O. Davis, Jr. hat überlebt. Als er am 4. Juli 2002 im Alter von 90 Jahren verstarb, hatte er eine einzigartige Karriere in der American United States Air Force hinter sich. Er war Befehlshaber der Tuskegee Airmen, hatte sich ein Leben lang mit Herz und übermenschlichen Engagement gegen Rassismus in den Streitkräften eingesetzt und war schließlich der erste afroamerikanische Offizier, der am 9. Dezember 1998 durch Präsident Bill Clinton in den Rang eines Viersterne-Generals befördert wurde. Bereits im Juli 1948 war er Präsident Harry S. Truman behilflich eine »Executive Order« zu verfassen, die Integration farbiger Soldaten in den kämpfenden Verbänden regeln sollte. Die USAAF waren die Ersten, die sich zu dieser Order bekannten.

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