Unsterblichkeit in Silizium

UnsterblichkeitDmitry Itskov hat einen Traum. Und es ist ein gewaltiger, fast undenkbarer Traum. Itskov träumt von der Unsterblichkeit. Er glaubt fest daran, dass sein Bewusstsein in wenigen Jahrzehnten nur noch in elektronischer Form existieren wird. Um dieses Ziel zu erreichen, will er ein globales Netzwerk aus Forschern, Wissenschaftlern und Finanziers etablieren, das an der Erfüllung seines Traums arbeitet – dem Transfer seines Bewusstsein in eine künstliche Lebensform. Die dafür notwendigen finanziellen Mittel hat der Russe – er ist vielfacher Milliardär. Ein neues, gewaltiges Forschungszentrum, das sich ausschließlich der Entwicklung der notwendigen Technologien widmet, soll alle Aktivitäten bündeln.

Es ist der Menschheitstraum schlechthin – die Unsterblichkeit! Und es gleichzeitig ein Albtraum, denkt man einmal weiter über die Konsequenzen einer »Unsterblichkeit« nach. Der Traum, für ewig zu leben und niemals zu altern beschäftigt den Menschen schon seit den Zeiten seiner frühesten Geschichte. Und doch ist der Mensch der Unsterblichkeit nur marginal näher gekommen. Natürlich hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte die Lebensspanne eines Menschen drastisch erhöht – aber von der Unsterblichkeit sind wir noch immer immens weit entfernt. Jedes Jahr wächst die Weltbevölkerung im Schnitt um 1,2 Prozent, wobei die Bevölkerungsgruppe älterer Menschen um 3,1 Prozent wächst. Die dabei am schnellsten expandierende Gruppe ist jene der 79-jährigen mit 4,2 Prozent pro Jahr. Man sieht: Die Lebenserwartung steigt in allen Ländern der Erde kontinuierlich an – besonders in den Industrienationen der sogenannten »Ersten Welt«. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock hat errechnet, dass die mittlere Lebenserwartung eines Menschen in Europa regelmäßig um drei Monate pro Jahr steigt.

Die Uhr tickt 

Obwohl wir heutzutage sehr viel gesünder und damit länger leben, als unsere Vorfahren, ist dem Zellverfall derzeit nichts entgegenzusetzen. Schuld daran sind die sogenannten Telomere. Diese sitzen an den Enden der Chromosomen, also den Trägern des menschlichen Erbgutes. Bei jeder Zellteilung passiert nun das Unfassbare: Jedes Mal, wenn sich also die Zelle teilt, bricht ein winziges Stück dieser Telomere ab. Sie werden kürzer und verändern dadurch die Zelle mit dem Ergebnis, dass wir altern. Im Schnitt kann sich eine Zelle bis zu 52-mal teilen, ehe das Telomer-Stückchen aufgebraucht ist. Ist dies irgendwann der Fall, stirbt die Zelle. Doch, was wäre, wenn man die Telomere wieder reparieren könnte? Eine faszinierende Idee! Die Zelle könnte sich dann immer wieder teilen, wir wären unsterblich. Eine Idee, der auch die Wissenschaft anheimgefallen ist. Sie beschäftigen sich schon seit langer Zeit mit dem »Unsterblichkeitsprotein« Telomerase. Dieses Enzym trägt jeder Mensch in sich und es könnte der Schlüssel zur Unsterblichkeit sein. Telomerase ist eigentlich nichts weiter als ein Gen-Reperaturservice unseres Körpers. Es ist in der Lage die bei der Zellteilung abgebrochenen Telomer-Stücke quasi wieder zu erneuern bzw. zu reparieren. Wäre die Telomerase in all unseren Zellen aktiv, wären wir unsterblich, unsere Zellen würden sich immer und immer wieder teilen. Keine Zelle würde mehr sterben. Die ganze Sache hat nur einen Haken – Telomerase wird in gesunden menschlichen Zellen nicht produziert. Nur in Keimzellen (Samen- und Eizellen) sowie Krebszellen produziert der menschliche Körper das Enzym Telomerase und aktiviert es auch entsprechend. Dies ist übrigens auch die Erklärung für die Wucherungen, welche die Krankheit Krebs verursacht. Hier repariert die Telomerase die Telomere in den sich teilenden Krebszellen, sodass Krebszellen nicht sterben bzw. altern.

Würde die Wissenschaft es hinbekommen, das die Telomerase auch in ganz normalen Zellen funktioniert würde das Altern der Vergangenheit angehören. Menschen könnten dann nach Meinung von Experten zwischen 600 und 800 Jahren leben. Das Ende des menschlichen Lebens wäre dann nur durch Krankheiten, Unfälle oder andere Katastrophen beschränkt. Inwiefern dieses Lebens lebenswert wäre, ist ein soziologisch-philosophisches Problem!

Itskov und sein synthetisches Bewusstsein

Dmitry Itskov glaubt nicht an die biologische Unsterblichkeit und sieht im menschlichen Körper mit seinen eingebauten Verfallsmechanismen keinerlei Zukunft – er setzt auf moderne Computertechnik; sein ewiges Leben findet in Computerchips statt. Und seine Ziele sind ehrgeizig: Spätestens 2045 soll es möglich sein, das menschliche Bewusstsein auf künstliche Lebensformen zu übertragen. Der russische Milliardär ist ein sogenannter Transhumanist, deren erklärtes Ziel es ist, das Bewusstsein vom menschlichen Körper und seinen Unzulänglichkeiten zu trennen. Transhumanisten träumen von bewussten Robotern und einer Zukunft mit denkenden Maschinen.

Dmitry Itskov (hier links im Bild) möchte spätestens 2045 das menschliche Bewusstsein auf künstliche Lebensformen übertragen. © Connie Connors/ PR-Advisor »2045«

Damit Itskovs Visionen und die seiner transhumanistischen Freunde Realität werden, hat er die »Initiative 2045« gegründet und möchte in Russland sogar eine Partei ins Leben rufen. Diese soll das Ziel verfolgen, die politischen und rechtlichen Voraussetzungen zu etablieren, um das menschliche Bewusstsein auf Maschinen übertragen zu können. Zudem ist Itskov derzeit dabei, ein globales Netzwerk aus Forschern zu etablieren, dessen Erkenntnisse sich in einem neuen Forschungszentrum bündeln sollen. Die Initiative 2045 gliedert sich in vier Schritte: Der erste Schritt beinhaltet bis zum Jahre 2020 die technologischen Grundlagen zu schaffen, um Roboter-Avatare mit bloßer Gedankenkraft zu steuern. Im zweiten Schritt sollen ab 2025 Gehirne von schwerkranken Menschen in Roboter verpflanzt werden, um ihnen ein Weiterleben zu ermöglichen. Der dritte Schritt der Roadmap des russischen Milliardärs beginnt ab dem Jahre 2035. Ab dann sollen Itskovs Wissenschaftler in der Lage sein, das menschliche Gehirn und Bewusstsein auf Computer zu kopieren und dieses anschließend in einen Roboter zu verpflanzen. Dies wäre der erste Schritt zur Unsterblichkeit. Und auch an die Kosten eines künstlichen Avatars, als Platz für das unsterbliche Bewusstsein hat Itskov bereits gedacht. Dank Massenfertigung soll dieser nicht mehr als ein heute üblicher Kleinwagen kosten. Ab 2045 soll dann der letzte Schritt vollzogen werden. Dies wäre die Unsterblichkeit in reinen KI-Strukturen, die keinerlei synthetischen Körper mehr benötigen würden. Die Repräsentation der Persönlichkeit geschehe dann durch holografische Avatare.

Dass alles klingt nach Science Fiction, Spinnerei und düsteren Terminator-Versionen und nicht erstrebenswerten Zukunftsvisionen. Aber erstmals in der Historie des Menschen gibt es jemanden, der über unvorstellbare finanzielle Mittel verfügt, die Forschung und Entwicklung in diesem Bereich massiv voranzutreiben! Damit die auf den ersten Blick erschreckende Vision des Russen bei den Menschen und potentiellen Kunden gut ankommt, gibt es in den kommenden Monaten Werbespots, Social Media-Kampagnen, Fernsehdokumentationen und ein Füllhorn weitere PR- und Marketingaktionen. Und vor allem möchte Itskov und sein PR-Team so viele Prominente wie möglich für Initiative 2045 gewinnen. Sie sollen als »Opinion-Leader« dienen, die dem gemeinen Volk die Ideen des russischen Milliardärs näher bringen. Mit dabei sind derzeit schon der amerikanische Action-Kino-Darsteller Steven Seagal und – man höre und staune – der Dalai Lama (laut Aussagen Itskovs).

Unsterblichkeit
Selbst der Dalai Lama ist nicht ganz uninteressiert an der 2045-Kampagne. © Connie Connors/ PR-Advisor »2045«

Die Wissenschaft bezweifelt die Erfolgsaussichten Itskovs. Sie stellen dem russischen Phantasten lediglich Erfolgsaussichten im Bereich seiner ersten Stufe in Aussicht und bezweifeln generell die technische Realisierbarkeit seines Stufenplans. Hauptkritikpunkt der Forscher ist, dass sie keinerlei Möglichkeit sehen, das menschliche Bewusstsein auf Maschinen zu übertragen zu können. Dafür ist es viel zu komplex! Doch von seinen Kritikern lässt sich Itskov nicht »weich klopfen«. Seiner Meinung nach ist nur die künstliche Intelligenz in der Lage, die Menschheit zu retten und deren Fortbestand zu garantieren.

Infobox: Das FoxO-Gen – der Jungbrunnen in uns
Das ewige Leben scheint greifbar nahe, und es nicht der mythische Jungbrunnen an einem geheimnisvollen Ort, sondern ein Gen, das jedes Lebewesen in sich trägt. Forscher von der Christian-Albrechts-Universität und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein aus Kiel haben jenes Gen identifiziert, welches für das Altern verantwortlich ist. Es ist das so genannte FoxO-Gen. Dieses Gen tragen alle Lebewesen auf unseren Planeten in sich. Die Wissenschaftler entdeckten das Gen, als sie ihre Forschertätigkeiten auf den Süßwasserpolyp Hydra ausweiteten. Dieser Polyp ist nur winzig groß, lebt in heimischen Gewässern und ist quasi unsterblich. Internationale Wissenschaftler beobachten seit Anfang der 1950er-Jahre dieselben Exemplare im Labor – und sie sind frisch und putzmunter, wie am ersten Tag. Nun wurde diese biblische Gabe entschlüsselt: Das FoxO-Gen sorgt dafür, dass die Stammzellen der Nesseltierchen nie ihre Fähigkeit verlieren, sich zu teilen.

Infobox: Die ältesten Menschen – ein wenig Statistik
Mitte des 19. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 Jahren. Heute, über 160 Jahre später, ist dieses Alter nichts weiter als unsere Lebensmitte. Laut Statistik leben Japanerinnen heute am längsten – sie werden im Durchschnitt 85 Jahre alt. Wer nun der aktuelle älteste lebende Mensch ist, ist nicht ganz klar. Manche meinen es wäre die Israelitin Myriam Amash mit 120 Jahren. Das Guinness-Buch der Rekorde hingegen führt die 115-jährige Amerikanerin Edna Parker derzeit als ältesten lebenden Menschen der Welt. Und noch ein Rekord: Den für das höchste jemals erreichte Lebensalter hält die Französin Jeanne Louise Calment: Sie wurde 122 Jahre alt.

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