Weinkeller auf Moldawisch

WeinkellerFrage: Was ist mehr als 150 Kilometer lang, liegt 100 Meter tief unter der Erde, kann bequem mit dem LKW befahren werden, beschäftigt ungefähr 500 Mitarbeiter und beherbergt schätzungsweise 30 Millionen Liter Wein? Richtig, der größte Weinkeller (wobei der Begriff »Weinkeller« in diesem Zusammenhang pure Untertreibung ist) überhaupt. Und das Interessanteste: Das Paradies für Liebhaber der schmackhaften Trauben liegt nicht in Frankreich, Spanien, Italien, Südafrika oder den USA. Nein, das unterirdische Labyrinth, mit sagenhaften Schätzen der Weinkultur und -geschichte, existiert im beschaulichen und hierzulande weitgehend unbekannten Moldawien. Genauer gesagt in Cricova.

Die Landschaft erinnert stark an Mittelgebirge mit alpinem Touch, wie man sie aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kennt. Den Weg säumen unzählige Fichten, Tannen und Sträucher ähnlich dem wild-romantischen, ungestümen Fels-Charakter der Pyrenäen. Der Geländewagen kämpft sich Meter um Meter auf einer nicht gerade europäischen Standards entsprechenden Straße dem Ziel entgegen. Cricova! Man würde sich nur wenig wundern, wenn im nächsten Augenblick eine vierspännige, schwarze Kutsche den Weg kreuzen und gleich wieder im Nebel verschwinden würde – Transsilvanien lässt grüßen! Die Landschaft und die den Weg begleitenden Dörfer verhelfen dem Klischee einmal mehr auf die Beine. Nach vier Stunden Rütteltour dem Ziel entgegen erreichen wir Cricova.

Sicherheit ist Trumpf

Pjotr begrüßt uns mit festem Händedruck, gebrochenem Deutsch und einer herzlichen Umarmung, verbunden mit der Bitte, doch in seinem in die Jahre gekommenen Lada Platz zu nehmen. Auf dem Weg zum Weinkeller macht uns Pjotr zunächst erst einmal mit den bevorstehenden Sicherheitsvorkehrungen vertraut: »Freunde, wundert Euch bitte nicht, die Einfahrt zum Weingut wird bewacht, wie eine Nuklearanlage aus alten Sowjetzeiten«, gibt Pjotr augenzwinkernd zum Besten. Und genauso kommt es. Das Weingut wird bewacht wie ein ehemaliger Ost-West-Grenzübergang, inklusive uniformierter Sicherheitskräfte, Passkontrollen, Schranken und High-Tech-Alarmanlagen.

Geschafft! Nur noch wenige Meter und wir können »einfahren«. Der Eingang zum Weinkeller übertrifft alles, was man bisher zu kennen glaubte. Keine pittoreske Tür oder Tor mit schmiedeeisernen, folkloristischen Verzierungen a la Mosel, Italien oder Südfrankreich, sondern ein gigantisches Eisentor, das selbst massiven LKWs alter russischer Militärbestände genügend Platz zur Einfahrt bietet. Sobald das Eisentor, unter beeindruckender Geräuschkulisse, weit genug geöffnet ist, tritt Pjotr aufs Gaspedal und schießt mit seinem Lada in den dunklen Schlund. Der Berg schluckt uns.

Unterirdische Straßen mit Weinnamen

Kilometer um Kilometer fahren wir im Hauptstollen an unzähligen Wein- und Cognac-Fässern vorbei, ohne das ein Ende absehbar wäre. Ganz zu schweigen von den unzähligen Nebenstollen, die uralte Weinfässer und riesige, dunkle Tanks beherbergen. Und das alles bei mehr als schummriger Beleuchtung, was alles in allem eine sehr bedrohliche und unheimliche Kulisse generiert – ohne einen ortskundigen Führer, wie Pjotr, würden man sich hoffnungslos verirren.

Weinkeller
© Cepaev/ Wikimedia Commons

Erst als wir an der Kreuzung der Strada »Pinot« mit der Strada »Cabernet« vor einer auf Rot geschalteten Ampel zum Stillstand kommen, beginnt Pjotr wieder mit seinen Erörterungen: »Alles begann 1952, nachdem das Kalkbergwerk ausgedient hatte. Da wurden die ersten Weinfässer in die gigantischen Stollen befördert. Viele Straßen tragen Namen berühmter Traubensorten, wie Aligote, Riesling, Codru und unsere lokale Feteasca. Hier reifen in etwa 30 Millionen Liter Wein. Platz hätte es für die Lagerung von insgesamt 500 Millionen Litern!«

Irgendwo in der Ferne versehen Mitarbeiter ihren Dienst, die allerdings nur als Schatten wahrzunehmen sind. Ein schwaches Klirren ist hörbar. »Unsere Mitarbeiter in diesem Bereich haben viel zu tun. Hier lagern ungefähr zwei Millionen Flaschen Schaumwein in Champagner-Qualität. Im Schnitt jeden zweiten Tag müssen die Flaschen gewendet werden – und zwar alle Flaschen.« Sprachlosigkeit macht sich breit. Wir fahren weiter und das ohnehin schon schwache Klirren der Flaschenwender wird vom lauten Motorengeräusch des Ladas geschluckt. Und weiter geht die Reise. Kilometer um Kilometer reihen sich im Schummerlicht jahrzehntealte Cabernets, Pinot Noirs und Merlots. Die Luft ist kühl und feucht, von Eichenmoder gesättigt. In den Kellern herrscht eine konstante Temperatur von 10 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent.

Wo Putin, Jacques Chirac und Jiang Zemin zechten

Ohne jede Vorwarnung machen wir vor einer wieder sehr großen Pforte halt. Einen kurzen Augenblick später öffnen die Flügeltüren und geben den Blick zu einem prächtigen Marmorsaal frei. »Hier gönnten sich schon Staatsoberhäupter wie Putin, Jacques Chirac oder Chinas Staatsoberhaupt Jiang Zemin das ein oder andere Tröpfchen«, so Pjotr mit stolzem Timbre in der Stimme. Pjotrs Stimme nehmen wir kaum noch wahr, so sehr blendet und beeindruckt uns die unerwartete Pracht. In einem aus dem Stein gehauenen Saal erstaunt uns eine beeindruckend lange, gedeckte Tafel. Im Schein silberner Lüster strahlen Damasttischdecken, Kristallgläser, Obstschalen, gesäumt von herzhaften Spezialitäten der Region.

Görings Weinschatz

Eine markante Stimme reißt uns aus dem Staunen heraus. Im Saal wartet bereits eine Frau auf uns, die auch aus einem sechziger Jahre Agenten-Thriller stammen könnte. Irina versprüht den Charme einer Ex-Generalin, was durchaus an Ihrem Outfit, in Verbindung mit den herrischen Gesichtszügen liegt. Doch der erste Eindruck täuscht. Irina versorgt uns bereitwillig mit profunden und erstaunlichen Informationen: »Wir beherbergen hier eine sagenhafte Ansammlung alter Weine. Mehr als eine Million Flaschen der feinsten Tropfen aus aller Welt lagern in unseren Kalksteinkammern – und zwar alles in hundertfacher Ausführung. Die ältesten Weine gehen hier auf das Jahr 1902 zurück – Wert ungefähr 150.000 Dollar die Flasche.« Beeindruckend.

Weinkeller
in Cricova lagern wahre Weinschätze. ©Veni New York, USA/ Wikimedia Commons

In den Cricova-Kellern ruhen neben den »üblichen« Raritäten über eine Million alter wertvoller Weinflaschen aus der Kriegsbeute von Hitlers Reichmarschall Göring. Sie stammen aus Italien und Frankreich und sind nach der Kapitulation Deutschlands der Roten Armee in die Hände gefallen.

Nach ungefähr vier Stunden Weinverkostung, inklusive deftigen Essen und einem Wust an Informationen sind wir froh, als Pjotr wieder an der Tür steht, und uns Abfahrbereitschaft signalisiert. Irina wünscht uns noch einen guten Weg begleitet von einem »Kommen Sie uns bald wieder besuchen und sagen Sie Ihren Freunden und Bekannten, was sie verpasst haben.« Das haben sie – definitiv.

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