Admiral Byrd, drei Rinder und die Antarktis




Admiral ByrdDas muss schon eine ziemlich schräge Veranstaltung gewesen sein, als am 15. Mai 1935 zwei Rinder per Lift in den East Ballroom des noblen New Yorker Hotels »Commodore« einem erlesenen Publikum sowie der lokalen Presse vorgestellt wurden. Zwei Tage zuvor waren die Tiere von einer zweijährigen Expedition in die Antarktis unter Federführung des Konteradmirals Richard E. Byrd zurückgekehrt. Stellt sich zu Recht die Frage, was jemanden dazu treibt, zwei Kühe an das Ende der Welt zu bringen! Admiral Byrd hatte seine Gründe.

Das Happening ging durch die Presse und fand sehr viel Beachtung. Die Rückkehrer waren in aller Munde. Jedermann fragte nach dem Sinn, Kühe in die eisigen Weiten der Antarktis zu transportieren. Die New York Times kolportierte damals, dass Konteradmiral Byrd täglich mindestens seine zwei Liter Guernsey-Milch benötigte, um auf Touren zu kommen. Ein anderer »Insider« vermutete hingegen, dass es bei einer der ersten Expeditionen des Admirals fast zur Meuterei gekommen wäre, weil keine frische Milch verfügbar war und die Crew das getrocknete Milchpulver nicht mehr sehen konnte. Beide Vermutungen sind natürlich völliger Quatsch!

Die Wissenschaftler Elizabeth Leane und Hanne E. F. Nielsen vermuten hinter der Aktion eher eine Marketing-Maßnahme, wie sie in einer kürzlich erschienen Abhandlung erläutern. Byrd war ein Teufelskerl, der als erster Mensch den Südpol überflog und vor allem bekannt für allerlei spektakuläre Dinge war. Seine Expeditionen zur Antarktis waren jedoch eher wissenschaftlicher Natur und sorgten nur für geringfügiges Öffentlichkeitsinteresse. Er vermaß die Eiskappe des Südpols oder suchte beispielsweise nach Meteoriten. Von spektakulären Stunts oder aufsehenerregenden Aktionen weit und breit keine Spur. Also ersann der findige Konteradmiral Maßnahmen, um Öffentlichkeit für sich zu generieren und mehr Geld von Sponsoren für zukünftige Projekte in die strapazierten Kassen zu spülen. Und er kam auf die Idee, Rinder mitzuführen. Die Tiere verliehen der Expedition etwas Einmaliges und Skurriles.

Admiral Byrd und »Little America«

Und es gab noch eine politische Motivation Rinder ans Ende der Welt zu transportieren. Im späten 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen die damaligen Großmächte, große Teile der Antarktis für sich zu beanspruchen. In den 1920-ern und 1930-ern hatten Länder wie Frankreich, Großbritannien und Argentinien bereits im Rahmen diverser Expeditionen Territorien »abgesteckt«. Die Vereinigten Staaten waren da massiv ins Hintertreffen geraten. Selbst Byrds Basis seiner ersten Expedition musste auf einem Gebiet errichtete werden, das die Briten für sich beanspruchten. Es gab zwar keinen Streit, aber es passte den Amerikanern irgendwie gar nicht, um Erlaubnis zu bitten, eine Basis in der Antarktis aufzuschlagen. Der Plan war also folgender: So schnell wie möglich eine große und dauerhafte Basis an den Grenzen der bereits beanspruchten Territorien zu etablieren. Byrd nannte diese zukünftige Ortschaft in der Eiswüste »Little America«. Und was wäre eine Kleinstadt ohne Milchkühe! Bewiesen ist diese Theorie jedoch auch nicht.

Im Herbst 1933 ging’s dann endlich los – auch für drei Mädels. Das »Foremost Southern Girl« aus New York, die »Deerfoot Guernsey Maid« aus Massachusetts sowie die »Klondike Gay Nira« aus North Carolina wurden in den Frachtraum der SS »Jacob Ruppert« verbracht. Die »Klondike Gay Nira« war zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger. Alle drei Kühe gehörten der selben Rasse an – den Guernsey-Rindern. Ursprünglich wurde diese Rinder-Gattung auf der Kanalinsel Guernsey gezüchtet. Im frühen 20. Jahrhundert wurden große Mengen Guernsey-Rinder in die Vereinigten Staaten exportiert. Fortan musste sich Edward Cox, seines Zeichens Zimmermann des Schiffes, um die drei Damen kümmern. Dank einer gut geölten Marketing-Maschinerie im Vorfeld der Expedition wurden viel Geld und noch mehr Ausrüstungsgegenstände für die Kühe gesammelt – unter anderem mehr als zehn Tonnen Futter und eine Surge-Melkmaschine.

Nachwuchs in Sicht

Die Reise dauerte drei Monate, wobei die Kühe den ersten Teil der Reise in einem provisorischen Stall unter Deck verbrachten. Im Laufe der Reise baute der Schiffszimmerman Cox eine Scheune für die drei Kühe. Gut so, denn bereits 250 Meilen, bevor das Schiff die Antarktis erreichte kalbte »Klondike Gay Nira«. Wie Byrd in seinem Expeditionstagebuch berichtete, war es für ihn und die gesamte Mannschaft ein unvergessliches Ereignis und gutes Omen für die bevorstehende Expedition. »Wie ein Mann wartete die Crew mit atemloser Erwartung auf ein Ereignis, das seit Beginn der Welt in der Natur üblich ist«, erinnert sich Byrd. Das Kalb wurde auf den Namen »Iceberg« getauft und per Telegraf eine Geburtsanzeige in der New York Times geschaltet.

Admiral Byrd
Admiral Byrd im Jahre 1947. © US Navy, National Science Foundation/ http://www.usap.gov/

Mitte Januar 1934 war es endlich geschafft, die Expedition erreichte ihr Ziel. Kurz darauf wurden die Kühe und das Kalb auf das Eis verfrachtet. Iceberg übernahm sofort die Führung und führte seinen erwachsenen Kollegen mehr als drei Meilen über das Eis. Irgendwann jedoch war Iceberg erschöpft und man transportierte die Tiere mit Traktoren zu ihrer Kuhscheune, die bereits über das Eis zum Zielort geschleppt worden war. Die Kuhscheune war zentraler Bestandteil einer winzigen Siedlung, die nun sukzessiv in unterirdischen Röhren aufgebaut wurde. Man zimmerte Mannschaftsunterkünfte, einen Speisesaal, ein Observatorium sowie eine unterirdische Hundeherberge für mehr als 126 Huskys der Byrd-Expedition. Die Kühe hatte ein ziemlich merkwürdiges Leben – zumindest im Vergleich zu ihren Artgenossen, die in der Heimat verblieben waren. Einmal pro Woche gönnte man den Tieren einen Spaziergang in den Röhren der Station. Und von saftigem Gras fehlte natürlich auch jede Spur. Die Tiere mussten mit einem Jahr alten Heu vorlieb nehmen. Die Mannschaft der Station verwöhnte die Kühe jedoch wo es nur ging. Sie besuchten die Tiere so oft es ging in der unterirdischen Scheune und brachten die verschiedensten Leckereien mit.

Trotz der liebevollen Fürsorge sank die Milchproduktion der Kühe von anfänglich 40 Liter Milch auf ein unbedeutendes Rinnsal. Und dann musste »Klondike Gay Nira« eingeschläfert werden. Sie war schwer krank. Im Frühjahr 1935 kehrten Deerfoot Guernsey Maid, Foremost Southern Girl, und Iceberg zurück auf die SS Jacob Ruppert. Das Schiff kam im Mai in den USA an. Und obwohl die Expedition vorüber war, nahmen die Tiere an einer Art Publicity-Tour teil.

Iceberg und Southern Girl taten ihre »PR-Pflicht« im Commodore in New York, während Deerfoot andere Öffentlichkeitsmaßnahmen übernahm. Konteradmiral Byrd kehrte mehrmals in die Antarktis zurück und half bei der Einrichtung der auch heute noch aktiven amerikanischen McMurdo-Station. Kühe jedoch nahm er nie wieder mit. Er hatte wohl ein Einsehen, dass es für die Tiere eine enorme Strapaze war. Byrds Dispatcher Murphy sagte dazu während der Expedition nur Folgendes: »Es ist sehr schade, dass Kühe nicht reden können. Ich würde gerne hören, was sie von dem Ganzen halten.«

Und noch mehr interessante Geschichten auf LAMUNDUS:

Die Todespfeife der Azteken

Die Raben des Towers

»Knocker-Upper« – die Fensterklopfer

Ruth Belville – von Beruf: Zeithändlerin

Die geheime U-Bahn des Alfred E. Beach

Hat Ihnen die Geschichte gefallen? Dann teilen Sie diese doch mit Ihren Freunden. Sie haben Anregungen zum Thema? Wunderbar! Dann nichts wie los und kommentieren Sie, was das Zeug hält!




Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.