Das älteste Wirbeltier – der Grönlandhai




Das älteste Wirbeltier - der GrönlandhaiEs gab sie schon, da wütete in Europa der Dreißigjährige Krieg, das Barock erlebt seine Blütezeit und Forscher und Freigeister wie Galilei, Newton, Descartes und Leibniz machen mit bedeutenden Entdeckungen auf sich aufmerksam. Und genau zu dieser Zeit wurde das wohl älteste Wirbeltier geboren. Es ist ein Grönlandhai, der im eisigen Nordatlantik und in arktischen Gewässern noch immer seine einsamen Runden dreht, und das seit mittlerweile knapp 500 Jahren. Das älteste Wirbeltier – der Grönlandhai.

Da haben Meeresbiologen Julius Nielsen von der Universität Kopenhagen und sein Team nicht schlecht gestaunt, was ihnen das ins »Netz« gegangen ist. Sie haben nichts Geringeres als das wohl älteste lebende Wirbeltier im eisigen Nordatlantik entdeckt. Die Forscher untersuchten mehre weibliche Haie im Rahmen unterschiedlicher Expeditionen. Zudem standen Nielsen diverse Exemplare zur Verfügung, die bei der jährlichen Fischerfassung versehentlich tödlich verletzt wurden. Tragisch, aber für die Forschung ein Glücksfall. Die Tiere, die für die Forschung zur Verfügung standen waren zwischen 80 Zentimetern und gut fünf Metern groß.

Die Evolutionsbiologie vermutet schon seit langem, dass Grönlandhaie oder Eishaie (Somniosus microcephalus) steinalt werden, und somit zu den sogenannten Methusalem-Geschöpfen unter den Wirbeltieren zählen. Wirbeltiere sind Tiere mit einer Wirbelsäule – wie der Name schon sagt. Und dazu zählen Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien. Unter den wirbellosen Tieren werden die Grönlandhaie nur noch von der Islandmuschel übertroffen. Sie kann sehr viel älter als 500 Jahre werden. Bislang fehlten jedoch Beweise, und das aus gutem Grund. Grönlandhaie zu beibehalten ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Die Tiere leben in einer der unwirtlichsten Regionen unserer Erde – im Eismeer vor den Küsten Grönlands, Norwegens, Spitzbergens und Kanadas. Und da die außergewöhnlichen Tiere Temperaturen um die fünf Grad bevorzugen, tauchen sie auch nur sehr selten in Schichten des Atlantiks auf, die eine intensive Beobachtung ermöglichen. Normalerweise liegt ihr Lebensraum in rund 2 Kilometern Tiefe.

Das älteste Wirbeltier - der Grönlandhai
Photo: Julius Nielsen, University of Copenhagen.

Dort lebt und jagd der Herr der Tiefe. Sein Leben läuft sehr gemächlich ab – er bewegt sich mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von rund 1,2 Kilometern pro Stunde. Im Jagdmodus bringt er es dann auf »stolze« 2,6 Kilometern pro Stunde – ungefähr so schnell wie eine Robbe, die übrigens zu seiner Leibspeise zählen. Apropos Nahrungsaufnahme: Forscher vermuten, dass Eishaie schlafendem Tiere wie etwa Robben oder Eisbären in flachen Gewässern jagen und anschließend wieder in die Tiefe des Meeres verschwinden. Andere Wissenschaftler hingegen gehen davon aus, das Grönlandhaie hauptsächlich von den Kadavern toter Tiere am Meeresgrund leben.

Das älteste Wirbeltier – der Grönlandhai

Der Grönlandhai wächst langsam, sehr langsam – ungefähr einen Zentimeter pro Jahr. Deswegen glauben Experten schon sehr lange, dass Eishaie sehr alt werden können – bei einer Länge von rund fünf Metern einiger Exemplare kann sich das entsprechende Alter selbst ausrechnen. Eine exakte Altersbestimmung ist jedoch schwierig und das liegt an der Knorpelstruktur aller Knorpelfische, zu der Haie gehören – es gibt kaum verkalktes Gewebe. Und das ist für eine nahezu exakte Altersbestimmung von großem Vorteil. Nielsen griff zu einer anderen Art und Weise, um das Alter der Grönlandhaie zu bestimmen. Das probate Mittel der Stunde war die Radiokarbonmethode (Kohlenstoffdatierung). Die Wissenschaftler nahmen die Proteine in der Augenlinse der Tiere einmal genauer unter die Lupe. Diese Proteine werden bereits im Mutterleib der Tiere gebildet, sind damit genauso alt wie das Tier selbst und gestatten eine Altersbestimmung. Die Funktionsweise der Kohlenstoffdatierung breit auf der Tatsache, dass das radioaktive Kohlenstoffisotop 14C in jeder Art organischem Material vorkommt. Es ist ein natürliches Zerfallsprodukt und zerfällt mit einer ganz bestimmten Geschwindigkeit, aus der die Wissenschaftler das Alter eines jeden Tieres oder Pflanze mühelos bestimmen können – zumindest fast mühelos. Zunächst einmal ist die Altersbestimmung mittels der Kohlenstoffdatierung relativ grob.

Es gibt jedoch einen Bezugspunkt, der zur Altersbestimmung in Relation herangezogen werden kann – der sogenannte »Kernwaffeneffekt« hinzu. Seit den ersten Atomwaffentests Mitte der 1950er-Jahre kam es zu einem schlagartigen Anstieg von radioaktiven Kohlenstoffatomen in unserer Atmosphäre. Dieser zeitliche Anstieg lässt sich in nahezu jedem Lebewesen nachweisen. Als Jahre später Kernwaffentests in der Erdatmosphäre verboten wurden, nahm die Konzentration wieder ab. Und lediglich Lebewesen, die zwischen den 1950er bis Anfang der 1960er-Jahre geboren wurden, weißen diese hohen Konzentrationen auf.

500 Jahre sind durchaus möglich

Aus den Berechnungen der Kohlenstoffdatierung ergaben sich erstaunliche Resultate. Grönlandhaie können bis 400 oder gar 500 Jahre alt werden. Trotz Kernwaffeneffekt und Radiokarbonmethode gibt es nämlich immer noch eine ziemlich mächtige Toleranz von bis zu 100 Jahren nach oben. Die kleinsten Haie hatten auffallend viel 14C im Linsenkern, ihre Geburt muss also in den frühen 1960ern stattgefunden haben. Alle größeren Grönlandhaie jedoch hatten in ihrem Linsenkern normale C14-Werte. Der »Rekord-Hai« mit einer Länge von 5 Metern dürfte demnach 392 Jahre alt sein. Und wenn man die Toleranz aufaddiert auch gut und gerne knapp 500 Jahre.

Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen werden die Weibchen der Eishaie erst ab einer Länge von ungefähr 4 Metern geschlechtsreif. Das entspräche einem Alter von 150 Jahren. Erst dann sind die geheimnisvollen Tiere in der Lage sich fortzupflanzen. Dachte man früher, dass der Grönlandwahl als das am längsten lebende Wirbeltier sei – er kann älter als 200 Jahre werden – so wurde das Ranking nun zu Gunsten des Grönlandhais revidiert. Er ist der neue Rekordhalter!

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