Die New Yorker-Bananenschalen-Flut




Neben dem klassischen Tortenschmiss ist das Ausrutschen auf einer Bananenschale ein absoluter Slapstick-Klassiker. Es ist ein filmgewordenes Klischee, dessen Ursprung jedoch einen sehr ernsthaften Hintergrund hat. Es gab eine Zeit in New York, da wurde die Metropole von Bananen und deren einfach weggeworfenen Schalen regelrecht überspült. Bevor sich die Comedy der Situation annahm, bedrohten Bananenschalen die New Yorker, und zwar jahrzehntelang. Die New Yorker-Bananenschalen-Flut.

Mit den Bananen kam das Unheil, obwohl es erst einmal ein Triumph moderner Logistik war. Die Banane war in der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg ein seltenes und extrem begehrtes Gut – wertvoller als Kaviar. Der Grund war klar: Das nächstgelegene Bananenanbaugebiet zu amerikanischen Grenzen war Jamaika und eine Reise mit dem Schoner dorthin dauerte unter Umständen schon mal drei Wochen. Das lag jenseits der Haltbarkeit der gelben Frucht. Das gelbe Obst gammelte unter Deck vor sich hin und kam schwarz in den USA an. Irgendwann erkannte jedoch ein findiger Unternehmer, dass Bananen auf dem Deck kühl und unverdorben blieben. Segelschiffe wurden nun mit Eiskammern ausgestattet und die Frucht wurde sehr schnell zu einem billigen Obstsnack, auf den die Amerikaner regelrecht flogen. Es begann eine unglaubliche Zeit des gigantischen Bananen-Imports in die Vereinigten Staaten. Doch der plötzliche Hype um die verfügbare Banane hatte seinen Preis – um die Jahrhundertwende warfen die New Yorker die Bananenschalen in derart riesigen Mengen einfach auf die Straßen, dass es unzählige schwere bananenbedingte Verletzungen gab.

Die New Yorker-Bananenschalen-Flut
Die weißen Müllmänner New Yorks versahen ihre Arbeit unter Polizeischutz. @ Library of Congress/2014689878

Die New Yorker-Bananenschalen-Flut

Im späten 19. Jahrhundert kämpften die New Yorker gegen den Müll, der sich knöcheltief bis knietief über die Stadt ergoss. Zwar hatte die Metropole am Hudson eine Abteilung für Straßenreinigung, die 1881 gegründet wurde, aber wie sooft funktionierte diese wegen Korruption und der Vergabe von Arbeitsplätzen auf Basis von Parteitreue, nur sehr mangelhaft. Die Fotos aus dieser Zeit sind atemberaubend. Man warf den Müll einfach auf die Straße, ohne Rücksicht auf Verluste. Zu jener Zeit kam man auf absurde Ideen, wie man dem Müll Herr werden könnte. Eine jener geistreichen Lösungen war es, einfach Wildschweine freizulassen, die den Müll fressen sollten. Die Tiere verstarben jedoch und lagen dann ebenfalls tage- oder wochenlang im Rinnsteig der New Yorker Straßen. Und genau in diesem Müllbiotop verrotteten Tonnen weggeworfener Bananenschalen und mutierten zu einer »tödlichen« Gefahr für alle New Yorker. Wissenschaftler und Politiker jener Zeit forderten harte Strafen für das Entsorgen der Bananenschale auf den Straßen. Theodore Roosevelt, damals Polizeichef von New York City, erklärte den Bananenschalen den Krieg und hielt eine öffentliche Rede vor seinen Polizisten über »die schlechten Gewohnheiten der Bananenschale, die vor allem auf ihrer Tendenz beruht, Menschen in die Luft zu werfen und sie mit ungeheurer Kraft auf dem harten Pflaster zu Fall zu bringen«.

Bananenschale verursacht Tod

Fast täglich machten New Yorker Zeitungen seinerzeit mit Meldungen über Bananenunfälle auf. Die Times berichtete 1884 beispielsweise wie folgt: »Ein wohlhabender Kaufmann, 75 Jahre alt, rutschte auf einer Bananenschale vor seinem Haus aus und brach sich das rechte Bein in der Nähe der Hüfte. Es wird nicht erwartet, dass er sich erholt.« Mehr als 30 Jahre später beschrieb ein Artikel mit der Überschrift »Bananenschale verursacht Tod«, wie ein Fabrikarbeiter ausrutschte und auf die Straße fiel, wo ihn ein Lastwagen traf. Und dann gab es da Anna H. Sturla. Die rutschte 1907 auf einer Fähre auf einer Bananenschale aus und verlangte von den Betreibern des Schiffes 250 Dollar Entschädigung. Bei der Dame handelte es sich jedoch um eine Betrügerin, welche die Bananenunfälle vortäuschte. Insgesamt erhielt Anna Sturla 2.950 Dollar von 17 Unfällen in vier Jahren – eine ungeheure Summe für damalige Verhältnisse. Als die Times über sie schrieb, wurde Sturla wegen betrügerischer Beschwerden angeklagt. Die Situation mit den gefährlichen Bananenschalen entschärfte sich, als nach und nach in New York eine gut organisierte Müllbeseitigung ihre Arbeit aufnahm und der Bananenhype erträgliche Dimensionen annahm.

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