Die Raben des Towers




die Raben des TowersEs müssen mindestens sechs Raben sein, die das Tower-Gelände bewohnen. Und sollte diese Zahl einmal unterschritten werden oder gar sämtliche Raben fluchtartig den Tower verlassen, dann ist das Königreich in Gefahr. Die Monarchie geht zu Grunde und Großbritannien, wie wir es kennen, geht es an den Kragen. Die Raben des Towers haben also eine einzigartige Aufgabe. Das zumindest besagt die Legende, die auf Charles II. und das Jahr 1660 zurück. Und auch heute noch gibt es eine ganz spezielle Person im Tower, dessen einzige Aufgabe darin besteht, die Raben zu hegen und zu pflegen, damit diese Apokalypse niemals Realität wird. Es ist der Raven-Master.

»Schuld« an der Rabenpopulation im Tower und der Legende ist Charles II. (1660-1685). Der Frauenschwarm, Genussmensch und Hobbywissenschaftler war es leid, dass die schwarzen Vögel immer wieder sein geliebtes Teleskop verschmutzten. Ins selbe Horn blies auch Charles Hofastrologe, den die auf den Mauern nistenden Raben beim Betrachten der Sterne störten. Also mussten die Vögel weg, und zwar ein für alle Mal. Ein Höfling machte dem Monarchen und seinem Astrologen einen Strich durch die Rechnung. Der war wohl ein Freund der Raben und flüsterte dem König eine angebliche Legende ins Ohr, von der allerdings noch niemand jemals etwas gehört hatte. Charles II. hörte fasziniert zu: Der berichtete davon, dass das Empire zusammenbrechen würde, wenn kein Rabe mehr im Tower leben würde. Der König glaubte seinem Domestiken und erließ ein Dekret, das die königlichen Raben unter Schutz stellte. Das astronomische Observatorium übrigens musste nach Greenwich umziehen – es wich den Raben.

Die Raben des Towers

Okay, mag jetzt man Leser sagen, das ist viele Jahrhunderte her und wir leben in einer aufgeklärten Zeit, wir fliegen zum Mond und bald zum Mars und Computer und das Internet bestimmen unser Leben – dennoch stehen die gefiederten Bewohner des Towers auch heute noch unter einem ganz besonderen Schutz. Beispiel: Verendet ein Tier, wird die Queen darüber sofort per Eildepesche informiert. Und die fragt wahrscheinlich sofort nach, wie viele Exemplare es dann noch gibt. Denn, mindestens sechs Raben müssen im Tower wohnen, sonst bricht das Unheil über Britannien herein. Und damit dies auch so bleibt, dafür hat der sogenannte Raven-Master zu sorgen. Der kümmert sich 24 Stunden am Tag darum, dass es den Raben an nichts mangelt. Und wenn man nun meint, dass der Raven-Master ein uralter Beruf bzw. Berufung ist, der täuscht sich gewaltig. Den »Job« gibt es gerade einmal seit mehr als 30 Jahren. Und eigentlich ist das Kümmern um die Raben auch nur mehr oder weniger Folklore, denn der Raven-Master ist im Hauptjob ein Beefeater (Rindfleischesser) und rein theoretisch einer von ungefähr vierzig Leibwächtern der Königin.

Die Beefeater

Eigentlich heißen die Beefeater offiziell »Yeoman Warders« oder ganz genau genommen »Yeoman Warders of Her Majesty’s Royal Palace and Fortress the Tower of London«. Woher der Begriff Beefeater kommt, ist nichts so ganz geklärt. Es gibt jedoch zwei plausible Erklärungen. Zum einem war es wohl so, dass sich in früheren Zeiten nur die wenigsten Menschen Fleisch als Nahrungsmittel leisten konnten. Die Torwächter der Queen wurden jedoch mit Rindfleisch entlohnt und wurden im Laufe der Zeit von der Bevölkerung missbilligend »Beefeater«, also Rindfleischfresser genannt. Eine andere Theorie besagt, dass es eine Ableitung von den Bediensteten der königlichen Tafel ist, den sogenannten Buffetiers. Die Yeoman Warders waren die Schutztruppe bzw. Leibwache der Könige, als diese noch in der Tower-Festung ihren Hofstaat abhielten. Die Aufgaben der Truppe haben sich jedoch im Laufe der Zeiten verändert. Als die Könige Englands immer weniger den Tower als Domizil ihres Regierens auswählten, teilten sich die Beefeater auf. Die »Yeomen of the Guard« sind bis heute die Leibwache der Könige Britanniens, während die Yeoman Warders als Ordnungstruppe des Towers agieren dort hauptsächlich als Touristenführer unterwegs sind. In früheren Zeiten hatten sie zusätzlich noch die Aufgabe die Tore und Gefangenen im Tower zu bewachen. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wird der Tower in London hauptsächlich als Museum genutzt und genau seit dieser Zeit dienen die Beefeater auch als Museumsführer, die Touristengruppen durch die verschiedenen Ausstellungen führen.

die Raben des Towers

Heutzutage gibt es auf dem Tower-Gelände insgesamt 36 Yeoman Werder-Dienstposten. Alle Beefeater sind Angehörige der britischen Streitkräfte und müssen mindestens 22 Jahre Dienst in der Army hinter sich gebracht haben – natürlich mit hervorragenden Referenzen. Zudem müssen die Auserwählten mindestens den Dienstgrad eines Sergeant Major innehaben. Sämtliche Beefeater leben mit ihren Familien auf dem Tower-Gelände und bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, die seit vielen Jahrhunderten existiert. Im Jahre 2007 geschah etwas Ungeheuerliches. Am 3. Januar dieses Jahres trat die erste Frau überhaupt ihren Dienst bei den Beefeatern an. Es war die Schottin Moira Cameron. Sie war im Alter von zwanzig Jahren in die britische Armee eingetreten und hatte bei sehr selektiven Auswahlverfahren für den begehrten Posten mehr als fünf ihrer männlichen Kollegen ausgestochen.

Und die Raben?

Tja, denen geht’s prächtig. Der Raven-Master lebt im Tower gleich neben den Raben und kümmert sich hingebungsvoll um die Tiere und damit um den Fortbestand des britischen Königreiches. Jeden Tag weckt er die Vögel im Morgengrauen. Dann bekommt jedes Tier 190 Gramm rohes Fleisch sowie blutgetränktes Biskuit. Und damit nicht genug: Einmal pro Woche heißt es Platz nehmen zum Festschmaus. Dann gibt es Eier und manchmal auch ein totes Kaninchen. Nachdem die morgendliche Fütterung vorüber ist, werden die Raben aus ihren Volieren entlassen und abends kehren sie dorthin freiwillig zurück. Was nicht wundert, denn die Vögel haben ein wahres Luxusleben im Vergleich zu ihren frei lebenden Artgenossen.

die Raben des Towers

Und trotzdem geht man auf Nummer sicher, dass kein Rabe lieber die Freiheit sucht, als in der Obhut des Raben-Masters zu bleiben. Damit sie nicht abhauen, stutzt man den Vögeln die Schwungfedern. Dann können sie nur noch sehr kurze Strecken von mehreren Metern fliegen. Von Zeit zu Zeit jedoch lässt der Raben-Master die Federn wachsen, damit die Raben nicht verlernen, wie schön das Gefühl des Fliegens und der vermeintlichen Freiheit ist. Der berühmteste Rabe war wohl »James Crow«, der ein stolzes Alter von 44 Jahren erreichte, ehe er im Jahr 1924 das Zeitliche segnete. In freier Wildbahn werden seine Artgenossen lediglich 10 bis 15 Jahre. Aber vielleicht hatten die auch ein sehr viel schöneres und abwechslungsreicheres Leben. Wer weiß! Den Tierschutzgedanken sollte man erst gar nicht ins Spiel bringen, denn dann müsste man die Tiere einfach freilassen. Das wäre mit Sicherheit artgerechter. Und auch nicht jeder Rabe findet seine »Anstellung« im Tower. Die Raben müssen charakterfest, treu und gesittet sein.

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