Die vergessenen Betonpfeile des »Selbstmörder-Clubs«




Betonpfeile

Es ist mysteriös: Kennen Sie vielleicht diese merkwürdigen Betonpfeile, die sich von der Ostküste bis zur Westküste der USA erstrecken? Nein, dann achten Sie einmal bei Ihrem nächsten USA-Trip einmal darauf. Sie sind gigantisch, gelb und besitzen teilweise immer noch einen kleinen Leuchtturm. Überall im Land sind diese riesigen Betonpfeile am Boden existent. Sogar auf Google Maps kann man sie sehen. Was hat es mit diesen ominösen Betonpfeilen auf sich, die sich quer durchs Land ziehen und mittlerweile stark verwittern und schon bald nicht mehr zu sehen sein werden? Die Antwort liegt wie immer nicht direkt auf der Hand, liest sich jedoch faszinierend und abenteuerlich.

Dank GPS und Smartphone, sowie guten Karten, ist es heutzutage kaum mehr ein Problem vernünftig und schnell zu navigieren. Aber wie war das vor knapp 100 Jahren? Wie kam die Post von New York nach San Francisco? Mit der Bahn, mit dem Auto? Ja und nein! In den 1920er-Jahren begann man in den USA, einen regulären Postflugdienst aufzubauen. Und es war ein Abenteuer par excellence. Es gab nur wenige und dazu noch ungenaue Flugnavigationskarten. Vielmehr dienten Flüsse, Bahnlinien, Städte, Berge und andere Landmarken als Navigationshilfe. Ein Posttransport war bei schlechtem Wetter, miserabler Sicht oder gar nachts ein Ding der Unmöglichkeit. Oft kam es vor, dass selbst ausgefuchste Piloten schon bei besten Witterungsverhältnissen den ein oder anderen »Umweg« flogen; Neulinge im Metier des Postfliegens verflogen sich nicht selten und wurden nie wieder gesehen.

Betonpfeile
Ein der vielen mysteriösen Betonpfeile in der Nähe von Los Angeles-Salt Lake Airway. © dreamsmithphotos.com

Anfang des 20. Jahrhunderts war das Fliegen noch ein unkalkulierbares Risiko und Abenteuer. Um den Menschen nicht diesem Risiko auszusetzen, transportierte man erst einmal Fracht und Post. Denen machte es nichts aus, mal die ein oder andere Stunde oder Tage später an einem anderen Ort, als dem Zielort anzukommen. Die zivile Luftfahrt hat ihren Ursprung in den Postfluglinien dieser Welt. Postflieger waren die Helden der Stunde, die mit ihrer wackeligen Technik einen hohen Preis für die Urbanisierung der USA zahlten. Der Tod flog immer mit. Und genau aus diesem Grund nannte man die US-Luftpost-Piloten auch zur damaligen Zeit den »Selbstmörderverein«. Jeder erzwungene Nachtflug war für die Postflieger in ihren offenen Doppeldeckern ohne Radar ein Wagnis.

Dean Smith war einer jener tollkühnen Männer, der sein Leben täglich riskierte, damit die Post und Pakete bei ihren Empfängern auch wirklich ankamen. Er rühmte sich, die Postsäcke bei jedem Wetter ans Ziel zu bringen. Einmal, wenige Stunden, nachdem er nur knapp dem Tode von Schippe gesprungen war, schrieb er in einem Telegramm: »auf strecke 4 westwärts. tiefflug. motorschaden. notlandung nur auf kuh möglich. kuh tot. maschine bruch. ich zu tode erschrocken.« Postflieger zu sein war nichts für Weicheier. Die Voraussetzungen für den knallharten Job waren Mut, Verwegenheit und Abenteuerlust. Zwischen 1918 und 1927 verstarben insgesamt 34 US-Luftpost-Piloten, etwa jeder sechste Postflieger. Allein 1921 kam es bei der US-Post zu 1.764 Notlandungen.

Den armen Kerlen musste geholfen werden – Betonpfeile!

Um den Abstürzen, Notlandungen und Todesfällen etwas entgegenzusetzen, führte die amerikanische Post die weltweit erste zivile Bodennavigationshilfe ein. Hierfür wurden auf den gängigsten Post-Flugrouten am Boden alle 16 Kilometer 21 Meter große Pfeile aus Beton gegossen. Auf diesen wiederum stand ein etwa 15 Meter hoher Stahlmast. An den Masten montierte man rotierende Lichter, die einerseits den Betonpfeil nachts und bei schlechter Sicht grellgelb erleuchteten und andererseits ein Morsesignal aussendeten. Dadurch erfuhren die Piloten, welche Station sie soeben überflogen.

Betonpfeile
Eine Bacon-Station in Texas. © dreamsmithphotos.com

Zwischen 1924 und 1929 erschloss man mit diesem Navigationssystem die komplette Strecke von der Ost- zur Westküste. Es entstanden insgesamt 1.550 Leuchttürme sowie 236 kleinere Flugfelder zur Zwischenlandung. Das System war allerdings bereits nach sieben Jahren veraltet. Trotzdem, die Bodennavigationshilfe hat aller Wahrscheinlichkeit eine Vielzahl von Leben unter den US-Postfliegern jener Zeit gerettet. Heute gibt es noch 19 aktive Leuchtfeuer, die durch die Berge in Montana führen.

Noch Zeit für ein paar weitere amerikanische »Heldengeschichten«? Bitteschön:

Helden am seidenen Faden

Tuskegee Airmen – die vergessenen Helden

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