Ein vergessener Skandal – der Olympia-Boykott von 1936




der Olympia-Boykott von 1936Ein Olympia-Boykott ist ein beliebtes Mittel, um auf politische Missstände öffentlichkeitswirksam hinzuweisen und die entsprechenden Veranstalter der Spiele an den Pranger zu stellen. So auch 1936, als die olympische Welt einen Boykott gegen Nazi-Deutschland diskutierte, um auf die Problematik der Judenverfolgung hinzuweisen. Ohne Erfolg! Ausgerechnet auf Betreiben des Amerikaners und späteren IOC-Chefs Avery Brundage wurde der Boykott verworfen. 

Die Olympischen Spiele von 1936 in Deutschland gelten als Paradebeispiel der politischen Instrumentalisierung des Sportes. Propagandaminister Goebbels verkündete, dass diese Spiele »eine neue Epoche des wirklichen Friedens auf allen Gebieten« einläuten sollten. Nichts als Lippenbekenntnisse der Nationalsozialisten. Vielmehr nutzten sie die Olympischen Spiele als gigantische Werbemaschinerie, um das Bild Deutschlands im In- und Ausland zu verbessern. Zudem wollte man den Befürwortern eines Olympia-Boykotts den Wind aus den Segeln nehmen. Und die gab es weltweit!

Der Olympia-Boykott von 1936

Die Meinung der Weltgemeinschaft zu den Olympischen Spielen von 1936 war seinerzeit sehr gespalten. Besonders in Großbritannien, Belgien, den Niederlanden sowie den USA diskutierte man eifrig über einen Boykott der Spiele, um dem Unmut über Hitler-Deutschland Ausdruck zu verleihen. In den USA war es vor allem das deutschstämmige IOC-Mitglied Ernest Lee Jahncke, der gegen eine Teilnahme der USA an den Spielen votierte. Er wollte damit auf den Antisemitismus und den Rassismus in Deutschland hinweisen. Jahncke hatte jedoch einen mächtigen Gegenspieler – den damaligen Präsidenten der amerikanischen Athletenunion Avery Brundage. Brundage war ein Rassist, wie er im Buche stand. In seinem Chicagoer Sportverein wurden weder Juden noch Schwarze aufgenommen. Und genau dieser Avery Brundage hatte auf einer Informationsreise nach Deutschland »Informationen« gesammelt, dass es keine Verfolgung und Diskriminierung von Juden, anderen ethnischen Minderheiten und politischen Gegnern des NS-Regimes gab. Und Konzentrationslager konnte der Amerikaner in Deutschland ebenfalls nicht finden. Eine Farce! Er äußerte, dass es seinerseits nicht die geringsten Bedenken geben würden, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Wirtschaftliche Interessen gehen vor

Hinter den offiziellen Aussagen Brundages steckte jedoch weit mehr als ein ideologischer Unterbau. Er verfolgte knallharte Interessen der amerikanischen Wirtschaft, die beste Beziehungen zu Deutschland hatten und diese keinesfalls wegen eines Boykotts aufs Spiel setzen wollten. Speziell die Automobilbranche machte hier enorm Druck, und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks. Beispiel Opel: Die Adam Opel AG war der weltweit größte Hersteller von Automobilen weltweit – die USA ausgenommen. 1929 übernahm der amerikanische Gigant General Motors (GM) den deutschen Hersteller und wurde damit schlagartig zum größten Autohersteller überhaupt. Nach der Machtergreifung durch die Nazis hatte GM jedoch ein Image-Problem – schließlich war das deutsche Unternehmen Opel eine hundertprozentige Tochter eines amerikanischen Unternehmens. In Zeiten massiver Aufrüstung und nationalsozialistischen Größenwahns ein weitestgehend unhaltbarer Zustand. Opel knüpfte direkte Kontakte zur Wehrmacht und Luftwaffe bis hinauf zu Hermann Göring. Und das deutsche Management versprach, sich am Aufbau einer Rüstungsproduktion zu beteiligen.

Auch die deutsche IBM-Tochter »Dehomag« (Deutsche Hollerith Maschinen GmbH) mutierte zum willigen Erfüllungsgehilfen der Nationalsozialisten. Man lieferte mit Zustimmung der Konzernzentrale Technik, die Deutschland zum Erfassen seiner Bürger brauchte. Hitler hatte einen schier unbegrenzten Bedarf an Tabelliermaschinen, um auch die Deportation der Juden zu bewerkstelligen. Dazu der Dehomag-Geschäftsführer Willy Heidinger: »Wir hier sezieren den deutschen Volkskörper. Wir legen die individuellen Eigenschaften jedes einzelnen Volksgenossen auf einem Kärtchen fest. Wir sind stolz, an einer derartigen Arbeit mitwirken zu dürfen.« Und das Beste überhaupt: Nach 1945 strich IBM die in Kriegszeiten treuhänderisch verwalteten Gewinne seiner deutschen Tochter ein. Business über Moral! Eine Alternative wäre gewesen, die in Deutschland erwirtschafteten Gewinne als Verlust abzuschreiben.

Lobby-Arbeit

Nachdem Brundage aus Deutschland zurückkehrte begann er sofort mit seiner Lobby-Arbeit im amerikanischen Olympischen Komitee. Der Erfolg stellte sich im Dezember 1935 ein, als er auf einer Delegiertenkonferenz mit einer hauchdünnen Mehrheit von zwei Stimmen gegen einen Boykott entschieden wurde. Und wenn wundert es – das IOC entschied sich 1936 den Ausschluss des Boykott-Befürworters Jahncke. Sein Nachfolger wurde direkt bestimmt. Es wurde Brundage, der es von 1952 bis 1972 sogar zum Präsidenten des IOC bringen sollte.

der Olympia-Boykott von 1936
Das Olympiastadion in Berlin. © Foto Björn Schwarz

Die Olympischen Spiele von 1936 wurden ein Propaganda- und Prestigeerfolg für die Staats- und Parteiführung Deutschlands. Hitlers Popularität erreichte während der Spiele ein Höchstmaß. Und, dass sportliche Fest wurde massiv für politische Zwecke instrumentalisiert. Nur zwei Wochen nach den Spielen verkündet Hitler seinen Vierjahresplan zur Aufrüstung verkündet. Vier Jahre später fanden die Olympischen Spiele nicht statt, die Welt befand sich Krieg!

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