New York und die Gewerkschaft des Bagels




New York und die Gewerkschaft des BagelsNew York ist die unangefochtene Bagel-Metropole schlechthin. Der Bagel hat in New York eine lange Tradition, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgeht. Bagels wurden damals von jüdischen Bäckern unter schlimmsten Bedingungen hergestellt. Sie schufteten in Kellern an riesigen Bottichen, gefüllt mit kochendem Wasser und an gigantischen Kohleöfen – von den widrigen hygienischen Umständen einmal ganz zu schweigen. Bagel-Bäcker waren raue und harte Kerle, die ihre Arbeit fast nackt verrichteten. Aber irgendwann war es selbst ihnen genug – sie gründeten ihre eigene Bagel-Gewerkschaft: »Local 338«. New York und die Gewerkschaft des Bagels!

Ein New York-Trip ohne eine der unzähligen Bagel-Bäckereien besucht zu haben ist ein Unding und fast sträflich zu nennen. Der Bagel gehört zur »City that never sleeps« wie die Freiheitsstatue, das Empire State Building oder die Yellow Cabs. Aber woher kommt der Bagel? Ist es überhaupt eine amerikanische Erfindung? Und wieso wurde gerade New York zur Welt-Bagel-Hauptstadt? Fragen über Fragen.

Die Herkunft des Bagels liegt weitestgehend im Dunkeln. Man weiß nicht hundertprozentig, woher das Gebäck stammt. Theorien gibt es allerdings viele. So besagt beispielsweise eine, dass Bagels bereits in einer Frühform im alten Ägypten bekannt waren. Andere Forscher hingegen behaupten, dass der Bagel seinen Ursprung bei den Uiguren, einem Nomadenvolk in Nordwest-China, hat. Alte Schriften berichten über ein »rundes Brot«. Glaubwürdiger ist jedoch die These, dass der Bagel aus Wien stammt. Wir schreiben das Jahr 1685. Die Türken liegen vor Wien und setzen den Österreichern mächtig zu. Hilfe für Österreich kommt in Form der Kavallerie des polnischen Königs Jan Sobieski, um gemeinsam gegen die Türken zu kämpfen. Mit Erfolg! Als Zeichen der Dankbarkeit für die schnelle Hilfe der polnischen Kavallerie backt ein Wiener Bäcker ein Brot mit einem Loch in der Mitte. Er wollte damit den polnischen König ehren, der ein passionierter Pferdenarr war und das Gebäck sollte an einen Steigbügel erinnern. Sehr zum Erstaunen des Bäckers wurde die Eigenkreation des Backmeisters von den Wienern gut angenommen und sehr populär.

New York und die Gewerkschaft des Bagels
© Wikimedia Commons/ Urbankayaker

Eine andere Theorie sieht den Ursprung des Bagels in Osteuropa des 17. bis 18. Jahrhunderts. Dort nannte man das Brot mit dem Loch in der Mitte »Bubliki«. Und wie kam es zur besonderen Form? Die Antwort ist recht simpel: Es gab eine Verordnung, die es untersagte, dass man Teigwaren nicht von einem Tablett oder Tisch verkaufen dürfte. Also reihten die Verkäufer ihre Brote auf Stöcken auf. Das ging allerdings nur, wenn sie über ein Loch in der Mitte verfügten.

New York und die Gewerkschaft des Bagels

Den Siegeszug trat der Bagel, wie wir in heutzutage lieben, während der Immigration der Juden aus Osteuropa nach Amerika an. New York wurde zur unangefochtenen Hauptstadt des Bagels, und zwar bis heute. Die Produktion der Bagel war die Hölle und fand fast ausschließlich in unterirdischen Bäckereien mit Bottichen gefüllt mit kochendem Wasser und brennenden Kohleöfen statt. Die Bäcker arbeiteten nur knapp bekleidet unter schlimmsten unhygienischsten Bedingungen und schwitzten sich die Seele aus dem Leib. Kakerlaken und anderes Ungeziefer fühlten sich besonders wohl an und in den Mehlhügeln.

Zeit für eine Gewerkschaft!

Obwohl die Bagel–Bäcker New Yorks harte, raubeinige Typen und dem Whiskey und Kaffee zugewandte Typen waren, die einiges vertrugen, war es selbst ihnen irgendwann genug – eine Gewerkschaft musste her, die ihre Interessen vertreten sollte. 1930 war es dann soweit – »Bagel 338« wurde gegründet. Die Erstmitglieder waren allesamt Jiddisch-Speaker und die Aufnahmevoraussetzungen waren recht hart. Erst, nachdem eine Lehrzeit von bis zu sechs Monaten nachgewiesen werden konnte und der entsprechende Bagel-Bäcker in der Lage war, mindestens 832 Bagel pro Stunde zu backen war der Weg frei in die Local 338. Außerdem musste eine familiäre Verbindung zu bereits etablierten Bäckern nachgewiesen werden. Ein erlauchter Kreis!

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine Bagel-Gewerkschaft. Im Jahr 1907 gründeten ebenfalls rund 300 Bagel-Bäcker die »Internationale Beigel Baker’s Union« in New York. Bereits damals flüchteten Hunderttausende Juden Richtung Amerika und eröffneten eine Vielzahl an Bagel-Bäckereien in der Lower East Side New Yorks. Die damals gegründete Gewerkschaft sollte die Bäcker und letztendlich die Kunden ebenfalls vor den unhygienischen Arbeitsbedingungen schützen. Kontrolliert wurde jedoch nie, sodass diese Gewerkschaftsvereinigung schnell wieder in der Versenkung verschwand. Local 338 war jedoch anders. Diesmal engagierte man sich mit vollem Herzen. Innerhalb von acht Jahren nach der Gründung der Gewerkschaft hatte man bereits Verträge mit 36 Bäckereien im Großraum New Yorks geschlossen.

Local 338 überspannt den Bogen

In nur wenigen Jahren erlangte Local 338 einen Ruf – leider nicht den Besten! Weigerte sich ein Bagel-Unternehmer der Gewerkschaft beizutreten, wurde dieser massiv bedroht und man setzte ihm Streikposten vor die Tür, und zwar Tag und Nacht. Eines muss man Local 338 jedoch lassen. Die Gewerkschaft katapultierte den Beruf des Bagel-Bäckers aus den Kellern in die Öffentlichkeit heraus. Bagel-Bäcker wurde ein höchst angesehener und sehr lukrativer Job. Ein Artikel der New York Times im Jahr 1960 schätzte das Grundgehalt eines Bagel-Bäckers auf rund 144 $ für eine 37-Stunden-Woche. Das entspräche heutzutage umgerechnet einem Jahresgehalt von etwa 65.000 Dollar. Weit mehr als selbst Polizisten, Ingenieure oder Lehrer damals verdienten. Jedes Jahr verhandelten die Bagel-Bäcker ihre Verträge neu. Bekamen sie nicht, was sie wollten, wurde gestreikt und New York in eine »Bagel-Hungersnot« gestürzt. Normalerweise verspeist der New Yorker an einem Wochenende rund 1,2 Millionen Bagels.

Der größte Bagel-Streik Fan im Februar 1962 statt. In den 60er-Jahren war der Bagel wie noch nie zuvor. Jeden Tag stellten Bagel-Bäcker 250.000 Bagel her, und zwar rund um die Uhr. Local 338 unterminierte jeden Versuch, die Bagel-Produktion zu automatisieren. Man streikte mal wieder, um mehr Lohn zu bekommen, was in Anbetracht der schon damals üppig gezahlten Gehälter für Bagel-Bäcker für viele New Yorker eine Unverschämtheit war. 29 Tage lang, wurde gestreikt. Die Bagel-Versorgung der Stadt brach zusammen und selbst staatliche Vermittlungsversuche schlugen fehl. Schließlich gaben die Arbeitgeber allen Forderungen ihrer Arbeiter nach.

Der Todesstoß kommt

Local 338 könnte sich jedoch nur kurz über den errungenen Sieg freuen. Die Maschinisierung der Bagel-Produktion macht der Gewerkschaft schließlich den Garaus. In den späten 1950er Jahren erfand der kalifornischer Mathematiklehrer, Tüftler und Erfinder Daniel Thompson die »Bagel-Maschine« und automatisierte damit den Produktionsprozess. Dank Thompsons Maschine konnten die Bagel-Hersteller nun und fast viermal so billig produzieren, als die angestellten Bäcker in der Lage waren. Local 338 wurde der Boden entzogen. Man protestierte und demonstrierte – ohne Erfolg. Gegen die maschinelle Produktion kamen sie nicht mehr an. In den Sechzigern verschwand Local 338 sang- und klanglos von der Bühne und mit ihr auch der Handwerksberuf des Bagel-Bäckers.

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