Notfallmedizin: Die Chirurgen der Eisenbahn-Gesellschaften

Pioniere der Notfallmedizin




Notfallmedizin: Die Chirurgen der Eisenbahn-GesellschaftenIm 19. Jahrhundert in den USA für die Eisenbahn zu arbeiten hieß vor allem furchtlos, rücksichtslos und unermüdlich zu schuften. Es gab extrem lange Schichten und es war Schwerstarbeit – von Arbeitsschutz keine Spur. Logischerweise gab es unzählige schwerwiegende Unfälle, die vor allem den Arbeitern Gliedmaßen kosteten – von den Todesopfern einmal ganz zu schweigen. Die Arbeit war dermaßen gefährlich, dass eine neue Spezies in Sachen medizinischer Versorgung ins Leben gerufen wurde – die »Eisenbahn-Chirurgen«. Sie waren Pioniere der Notfallmedizin. Notfallmedizin: Die Chirurgen der Eisenbahn-Gesellschaften.

»Sie leiden, als ob sie einen Krieg führen würden.« So äußerte sich der US-Kongressabgeordnete Henry Cabot Lodge im Jahr 1892. Die Menschen, von denen der Politiker sprach, waren die Arbeiter der amerikanischen Eisenbahngesellschaften, die Gleise verlegten, Brücken bauten oder Tunnel in die Berge sprengten. In den USA verletzte sich jeder dreißigste Eisenbahnarbeiter im Jahre 1889 schwer während der gefährlichen Arbeit. Todesopfer waren ebenfalls keine Seltenheit, sondern Bestandteil des Jobs – quasi Berufsrisiko. Einer von 117 Gleisarbeitern starb während der Arbeit – Tendenz von Jahr zu Jahr stark ansteigend! Häufigste Todesursache war, dass die Männer von fahrenden Zügen erfasst und durch die Luft geschleudert wurden. Nicht selten trafen die durch die Luft geschleuderten Arbeiter wiederum andere Arbeiter, die dann ebenfalls schwer verletzt wurden. Zudem führten Sprengungen und der teils lasche Umgang mit dem Dynamit bzw. Nitroglycerin zu unzähligen Todesopfern. Die Arbeit bei der Eisenbahn war so gefährlich, dass sich die Unternehmen etwas überlegen mussten, wollten sie zukünftig noch Menschen finden, welche den Knochenjob verrichteten. Für die amerikanischen Eisenbahnlinien arbeiteten mehrheitlich europäische Immigranten, Afroamerikaner (meist Veteranen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg) sowie »günstige« Arbeitskräfte aus China.

Notfallmedizin: Die Chirurgen der Eisenbahn-Gesellschaften

Die amerikanischen Eisenbahngesellschaften mussten etwas tun. Eine maßgebliche Maßnahme war, dass man sogenannte »Eisenbahn-Chirurgen« anstellte, die entlang der neu zu bauenden Bahnlinie ihren Dienst in diversen Krankenhäusern und Ambulanzen versahen. Zudem führte man einen Bereitschaftsdienst für Ärzte ein. Somit war es möglich, dass medizinisches Fachpersonal immer so schnell wie möglich vor Ort war, wenn es einen Unfall gab. Die Bereitschaftsärzte bzw. Eisenbahn-Chirurgen waren Pioniere der Notfallmedizin und auf Amputationen und Prothetik spezialisierte Fachkräfte. Die Ärzte der Eisenbahngesellschaften bezeichnet man öfter auch als die ersten Unfallchirurgen der Welt. Und die waren auch dringend notwendig. Das »National Railway Museum« verfügt über unzählige handschriftliche Protokolle aus den Jahren 1911 bis 1915, welche von der Eisenbahninspektion erstellt wurden. Diese frühe Datenbank listet mehr als 4.000 Unfälle auf. Experten gehen heute davon aus, dass diese Inspektionsberichte lediglich drei Prozent aller Vorfälle in diesen Jahren abdecken. Zudem ist es unklar, welche Unfälle in die Datenbank aufgenommen wurden und welche nicht. 

Notfallmedizin: Die Chirurgen der Eisenbahn-Gesellschaften

Eisenbahn-Chirurg – ein Job mit wenig Ansehen

Bereits im Jahre 1849 stellten die ersten Eisenbahngesellschaften erste Ärzte zur Versorgung der Arbeiter an. Finanziert wurden die Ärzte durch einen Teil der Gehälter der Angestellten. Die murrten zwar anfänglich, sahen aber schließlich ein, dass es zum Wohl der Eisenbahn-Gesellschaft und vor allem zum eigenen Wohl war. In den 1890er Jahren gab es rund 6.000 Eisenbahnchirurgen im ganzen Land, von denen 1.500 Mitglieder der »National Association of Railway Surgeons« waren. Oft mussten die Ärzte direkt vor Ort, im Wald oder in einem Hotelzimmer ihre Arbeit verrichten. Dort amputierten sie oft Gliedmaßen oder versahen Überlebende mit diversen einfachen Prothesen. Von ihren »richtigen« Kollegen wurden die Chirurgen der Eisenbahn lediglich mit einem Naserümpfen bedacht. In ihren Augen waren sie keine »echten« Ärzte. Doch das genaue Gegenteil war der Fall: Die Eisenbahn-Chirurgen mussten fast immer mit dem auskommen, was sie hatten und mussten nicht selten improvisieren, um die Leben der Patienten zu retten. Und, ihr Job war in der Tat sehr viel härter als jener der meisten Ärzte in den damaligen Krankenhäusern oder Landarztpraxen.

Pioniere der Notfallmedizin

Wegen der besonderen Art von traumatischen Verletzungen, mit denen sie täglich zu tun hatten, entwickelten Eisenbahn-Chirurgen neue Techniken und Methoden. Sie erfanden ihre eigenen tragbaren Notfall-Kits und waren Meister der Chirurgie und viel versierter im Umgang mit sterilen Instrumenten und Verbänden, als ihre Kollegen an den Kliniken. Sie entwarfen Krankenhausautos, die zum Unfallort fahren konnten und als Vorbild für Krankenwagen im Zweiten Weltkrieg dienten. In medizinischen Fachjournalen wie etwa »The Railway Surgeon«, der Zeitschrift des Nationalverbandes, schrieben sie über Fuß- und Wirbelsäulenverletzungen, Amputationen, Herzoperationen, Hauttransplantationen, infizierte Finger und andere schreckliche Verletzungen, die Bahnarbeitern widerfuhren. 

Neben den medizinischen Fähigkeiten der Eisenbahn-Chirurgen engagierten sich die Ärzte auch in Sachen Arbeitssicherheit. Im 19. Jahrhundert war es üblich, die Schuld der Unfälle bei den Arbeitnehmern zu suchen. Die Eisenbahnarbeiter hatten das Risiko des Jobs zu tragen. Ein unhaltbarer Zustand für die Ärzte der Eisenbahngesellschaften. Obwohl die Chirurgen von den Eisenbahngesellschaften bezahlt wurden, fühlten sie sich doch ihrem hypokratischen Eid verpflichtet Menschenleben zu schützen bzw. zu retten. In den Jahrzehnten, in denen Eisenbahn-Chirurgen vor allem von den 1880er bis in die 1920er Jahre arbeiteten, begann sie sich massiv für mehr Arbeitsschutz einzusetzen. Im Jahr 1908 wurden die Eisenbahnen durch ein neues US-Gesetz für die Entschädigung von Arbeitnehmern wegen Verletzungen verantwortlich gemacht, wenn sich herausstellte, dass ein Unternehmen zumindest teilweise schuld war. Dies war auch ein Erfolg der Eisenbahn-Chirurgen!

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