Waterloo Bridge in London: »Ladies Bridge« – die Brücke der Frauen




Waterloo Bridge in London: »Ladies Bridge« - die Brücke der FrauenViele Jahrzehnte gab es unter Londons Flussschiffern ein Gerücht, eine Erzählung. Immer wenn sie die Waterloo Bridge passierten (»The Ladies Bridge«, wie sie diese nannten) erzählten sie eine faszinierende Geschichte über jene Frauen, die die Brücke im Zweiten Weltkrieg gebaut hatten. Gewürdigt wurde der aufopferungsvolle Arbeitseinsatz der britischen Frauen jedoch bis heute nicht. Es gibt keinerlei offizielle Geschichten, Plaketten oder gar detaillierte Aufzeichnungen. Waterloo Bridge in London: »Ladies Bridge« – die Brücke der Frauen.

Die Waterloo Bridge wurde am 10. Dezember 1945 durch den damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Großbritanniens Herbert Morrison eröffnet. Er erklärte mit stolzer Brust, dass »die Männer, die die Waterloo Bridge gebaut haben, stolz auf ihre Arbeit sein können«. Männer? Fehlanzeige. Die Waterloo Bridge wurde fast ausschließlich von Frauen in harter Arbeit errichtet. Diese Leistung jedoch wurde erst im Jahre 2015 erstmals offiziell gewürdigt. Es war die Historikerin Christine Wall, die anhand diverser Fotos seinerzeit offiziell bestätigte bzw. entdeckte, dass die Frauen Großbritanniens diese Brücke erbaut hatten. 

Waterloo Bridge in London: »Ladies Bridge«  – die Brücke der Frauen

Bereits acht Jahre zuvor arbeitete Wall mit der Filmemacherin Karen Livesey an einer Dokumentation über die »Ladies Bridge«, wie Eingeweihte die Waterloo Bridge in London nannten. Die beiden Frauen wollten die Geschichten der Frauen, welche die Waterloo Bridge errichteten für die Nachwelt konservieren und einem breiten Publikum zugänglich machen. Schnell stellten die beiden fest, dass es zwar eine riesige Menge filmischen Materials über den Fronteinsatz der Männer gab, aber Geschichten von Frauen, die in Munitionsfabriken oder bei der Eisenbahn arbeiteten, ziemlich selten waren. Immerhin arbeiteten laut Walls Recherchen bis 1944 fast 25.000 Frauen in der britischen Bauindustrie. Ein Aspekt am Rande: Die Bauarbeiterinnen verdienten auch Krieg viel weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. Selbst im renommierten und umfangreichen Archiv des Imperial War Museum gab es keinerlei Fotos von Bauarbeiterinnen, die die Brücke bauten.

Waterloo Bridge in London: »Ladies Bridge« - die Brücke der Frauen
Die Waterloo Bridge um 1950. © Heritage Image Partnership Ltd/Alamy

Ein kriegswichtiges Projekt

Die erste Waterloo Bridge wurde im Jahre 1817 eröffnet. 1923 erfolgte eine strukturelle Verstärkung der Brücke, indem man einen temporären Rahmen hinzufügte, um das Gebilde zu stärken. Die Flickschusterei mündete jedoch 1934 im Abriss des Bauwerkes. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges arbeiten rund 500 Männer am Aufbau einer neuen Brücke; 1941 waren es nur noch 50. Der Krieg bescherte einen akuten Arbeitskräftemangel an der Heimatfront. Und somit entschied man sich, Frauen für die schwere Arbeit heranzuziehen. Nach Angaben der »Women’s Engineering Society« in Großbritannien schufteten rund 350 Frauen an der Waterloo Bridge. Es war das Unternehmen Peter Lind & Company, welches für den Aufbau der Waterloo Bridge verantwortlich war. Die Firma ging in den 1980er Jahren pleite und mit ihm sämtliche Beschäftigungsunterlagen. Ein Lichtblick für Wales Recherche war jedoch Betty Lind Jaeger, die Tochter von Peter Lind. Die hatte die Bauarbeiten der Brücke leibhaftig miterlebt und berichtete von Unmengen an Bauarbeiterinnen. Unwiderlegbare Beweise hatte aber auch sie nicht. 

Waterloo Bridge in London: »Ladies Bridge« - die Brücke der Frauen
Eine Schweißerin bei der Arbeit. © Daily Herald Archive/National Museum of Science and Media/Science and Society Picture Library

2015 kam der Durchbruch: Wall fand bei der Online-Suche im Archiv des Bradford Museum of Film and Television eine Fotoserie aus dem Jahre 1944, die ein Journalist der Tageszeitung The Daily Herald aufgenommen hatte. Und siehe da, die zeigen eindeutig Schweißerinnen bei der Arbeit auf der Waterloo Bridge. Walls Recherche, Aufzeichnungen und Beweise wurden von der britischen Regierung daraufhin als nationales Kulturerbe aufgenommen.

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